Giro d'Italia | Drei Dinge, die auffielen: Buchmann in illustrem Kreis - Der wahre Held wird 117.
Der Giro d'Italia war voller historischer Siege - die drei Wochen von Budapest nach Verona brachten packende Action. Wir ziehen Bilanz der 105. Italien-Rundfahrt, deren Gesamtsieger erstmals in der Radsport-Geschichte aus Australien kam: Jai Hindley bescherte mit seinem Triumph auch Bora-hansgrohe den ersten Gewinn der Gesamtwertung einer dreiwöchigen Rundfahrt in der Teamgeschichte.
Hindley kriegt Pokal
Quelle: Eurosport
Bora-Kapitän Hindley verteidigte diesmal im abschließenden Zeitfahren sein tags zuvor erobertes Rosa Trikot und nahm damit Revanche für den Giro 2020, wo er am Schlusstag das maglia rosa nach nur einem Tag wieder hatte abgeben müssen.
Zwanzig Jahre nachdem mit Cadel Evans erstmals ein Australier die Spitze beim Giro eroberte hatte, machte der Profi aus Perth den Triumph am Ende einer lange als Sekundenkrimi fesselnden Giro-Ausgabe perfekt.
Historisch war der Giro auch durch den ersten afrikanischen Etappensieg, mit dem Biniam Girmay nicht nur in seiner Heimat Eritrea für Begeisterung sorgte - bevor er sich durch eine missglückte Sektdusche um weitere Chancen brachte.
Erstmals erkämpfte sich zudem mit Koen Bouwman ein Niederländer das Bergtrikot und Sprinterkönig Arnaud Démare brach den französischen Rekord an Etappensiegen bei der Italien-Rundfahrt.
Neben den großen Siegern im Rampenlicht hatte der Giro d'Italia 2022 auch Helden, die auf ganz eigene Art herausragten.
Drei Dinge, die auffielen:
1.) Buchmann klettert in illustren Kreis
Im Mittelpunkt der Jubelfeiern bei Bora-hansgrohe stand - mit vollem Recht - Gesamtsieger Hindley. Doch nicht untergehen sollte dabei, dass aus deutscher Sicht der Giro neben dem Etappensieg von Lennard Kämna eben auch ein Spitzenplatz in der Gesamtwertung heraussprang.
Der siebte Platz ist das beste Resultat seit Jahrzehnten für einen deutschen Profi und Buchmann gehört nun zu dem sehr kleinen Kreis an Fahrern aus Deutschland, die bei Tour de France und Giro d'Italia jeweils in den Top Ten landeten: Nur Kurt Stöpel und Didi Thurau gelang in der über hundertjährigen Geschichte der dreiwöchigen Rundfahrten diese Leistung.
Auch wenn Buchmann in der Schlusswoche, eigentlich eine seiner Stärken, etwas an Boden verlor - als Edelhelfer ein solches Ergebnis einzufahren sollte nicht im Rosa-Jubel untergehen. Nach dem bitteren Sturz-Aus beim Giro 2021 ist es ein Comeback des 29-Jährigen auf Topniveau bei seiner zehnten Grand Tour und die Erinnerung daran, dass er auch weiter zu den potenziellen Rundfahrt-Kapitänen im Team zählt. Wenn seine Vorbereitung ohne Rückschläge verläuft, die es vor dem Giro einmal mehr gab, ist auch die vordere Hälfte der Top Ten für ihn drin.
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Bora - Strategie
Quelle: Eurosport
2.) Aus dem Nichts in die Top Ten
Direkt hinter Buchmann landete die heimliche Sensation des Giro 2022: Domenico Pozzovivo krönte seine aus mehreren Gründen schier unglaubliche Rückkehr mit einem achten Gesamtrang.
Ein übler Unfall im Training, als ihn ein auf der falschen Straßenseite fahrendes Auto umfuhr, zwang den Italiener vor zwei Jahren dazu, sich mit zahllosen Brüchen nicht weniger als 16 Operationen zu unterziehen - seine Karriere schien beendet: "Nach meinem schweren Sturz drohte mir das Karriereende und im Winter stand ich ohne Team da", blickte er in Verona zurück. Dann nahm ihn Intermarché im Februar doch noch unter Vertrag und nun ist der 39-Jährige in seinem 16. (!) Giro noch einmal unter die Top Ten geklettert. Seit fast 100 Jahren ist dies keinem Fahrer in diesem Alter gelungen.
Damit schnitt er besser ab als Ex-Weltmeister Alejandro Valverde (11.) und dies, obwohl er auch in diesem Giro wieder einen Sturz zu verkraften hatte, der ihn wertvolle Zeit kostete. "Mein Ziel war es, hier in die Top Ten zu fahren und ich bin stolz, dass ich es geschafft habe. 18 Jahre nach meinem ersten Top-Ten-Platz beim Giro, das jetzt wieder geschafft zu haben, fühlt sich extrem gut an."
3.) Der wahre Giro-Held wird 117.
Dass der Sport nur eine Nebensache angesichts der wahren Dramen ist, zeigt die Geschichte von Andrii Ponomar. Dabei ist der Ukrainer ein herausragender Sportler, als jüngster Teilnehmer beendet der 19-Jährige den Giro - und das bereits zum zweiten Mal: Schon 2021 kämpfte er sich als jüngster Starter seit fast 100 Jahren durch die 21 Etappen und unterstrich, warum nicht nur sein Teamchef Gianni Savio bei Drone Hopper in ihm eine große Zukunftshoffnung sieht.
Diesmal aber musste er einem Druck standhalten, der größer kaum sein könnte.
Denn alle sportlichen Duelle um Plätze und Sekunden sind bedeutungslos angesichts der wahren Kämpfe, die der Krieg in seine Heimat getragen hat. Der Vater des Teenagers verteidigt im Donbass die Ukraine gegen den russischen Aggressor und Ponomar versucht, ihn mit seinen Berichten über den Giro wenigstens für kurze Momente vom Schrecken der Kämpfe abzulenken, wie er der italienischen Presse berichtete.
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Der ukrainische Meister Andrii Ponomar beim Giro d'Italia 2022
Fotocredit: Imago
Zumindest ein Teil seiner Familie konnte inzwischen aus der Ukraine fliehen und ist nun in Italien in Sicherheit - dank der Hilfe einer Holocaust-Überlebenden.
Die 81-jährige Lidia Maksymowicz ist selbst mit dem Giro verbunden und war auch in diesem Jahr am Start der 15. Etappe Ehrengast der Rundfahrt. Renndirektror Mauro Vegni überreichte der Polin ein Rosa Trikot, sie schenkte ihm ein Exemplar ihres Buches "Das kleine Mädchen, das nicht weinen konnte".
Ponomar hielt im Meistertrikot mit den Farben seines Landes die Erinnerung an die wirklich wichtigen Dinge des Lebens in den drei Wochen von Budapest bis Verona Tag für Tag präsent - eine Botschaft, eine Leistung, die nicht hoch genug zu werten sind.
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Champagner-Dusche: Hindley, Carapaz und Landa feiern auf dem Podium
Quelle: Eurosport
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