Der Tag nach dem letzten Ruhetag hat gehalten, was er versprach: ein Kletter-Festival über vier kategorisierte Anstiege und
viel Action rund ums Maglia Rosa.Dabei erlebten die beiden im Vorfeld der 108. Italien-Rundfahrt als große Top-Favoriten erklärten Hauptdarsteller ein Debakel: Primoz Roglic stürzte zum vierten Mal während dieses Giros und gab die Rundfahrt auf.
Juan Ayuso schwächelte, nachdem sein Team am Vortag den Träger des Rosa Trikots, Isaac Del Toro, zum Kapitän gemacht hatte, erneut und verlor schließlich mehr als 14 Minuten. Doch auch Del Toro strauchelte in der Schlusssteigung.
Das waren die beiden großen Geschichten des Tages, die wir
hier und
hier ausgelagert haben. Doch aus ihnen ergab sich eine neue, völlig offene Konstellation in der Gesamtwertung und dieser denkwürdige Tag bot noch viel mehr.
Roglic-Aus: Red Bulls neue Hoffnung heißt Pellizzari
Quelle: Eurosport
Drei Dinge, die auf der 16. Etappe auffielen:
1. Favoritensterben am Gardasee macht alles möglich
Ayuso und Roglic, so hießen vor Beginn des Giros die beiden großen Top-Favoriten. Nun werden beide mit dem Kampf ums Rosa Trikot nichts mehr zu tun haben - oder einer höchstens noch als Helfer.
Doch die Italien-Rundfahrt bietet fünf Tage vor Schluss trotzdem eine Spannung, von der man im vergangenen Jahr bei der Dominanz von Tadej Pogacar nur träumte. Nachdem tagelang über die Kapitänsfrage beim UAE-Team philosophiert werden konnte, hat sich dieses Thema erledigt.
Ayuso platzt, Del Toro strauchelt: UAE in Schwierigkeiten
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Anstatt des Luxusproblems der Doppelspitze scheint UAE nun sogar Gefahr zu laufen, am Ende niemanden auf dem Podium stehen zu haben. Denn Shootingstar Del Toro bekam schon auf der ersten Etappe mit mehreren Kategorie-1-Anstiegen aufgezeigt, wo seine Grenzen liegen.
Sowohl Richard Carapaz als auch Derek Gee, Simon Yates und Michael Storer sowie Giulio Pellizzari - am Ende sogar Egan Bernal und Damiano Caruso - waren stärker als der 21-jährige Mexikaner. Fast alle von ihnen, inklusive Del Toro, scheinen bei noch drei ausstehenden Bergetappen und einem unberechenbaren Überführungstag am Comer See nun in der Lage zu sein, diese Italien-Rundfahrt noch zu gewinnen.
Del Toro: "Habe heute realisiert, was es heißt ein Leader zu sein"
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Del Toro hat nur noch 26 Sekunden Vorsprung auf Simon Yates, 31 auf Carapaz. Gee folgt bei 1:31 Minuten, Caruso bei 2:40, Bernal bei 3:23 und Storer bei 3:31 vor dem vierten Verlierer des Tages, Antonio Tiberi (+ 4:07), und dem nach dem Roglic-Aus entfesselten Pellizzari (+ 4:36).
Die besten Karten scheint nach den Leistungsproben vom Dienstag Carapaz zu haben. Zumal der Ecuadorianer, wenn in den kommenden Tagen an der 2.000-Meter-Grenze gekratzt wird, in seinem Metier sein wird - ähnlich wie der Kolumbianer Bernal.
"Mit Schmackes": Carapaz attackiert das Maglia Rosa
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"Top-Favorit ist für mich Carapaz. Vielleicht mit lateinamerikanischer Hilfe, mit Bernal. Den schätze ich auch noch stark ein", meinte etwa Eurosport-Experte Bernie Eisel im Velo Club, wollte aber auch Del Toro noch nicht abschreiben: "Die Hoffnung, dass Del Toro am Mittwoch zurückbeißt, möchte ich nicht aufgeben."
Carapaz und Bernal waren mit ihren Teams die 'Troublemaker' des bisherigen Giros, ließen nichts unversucht und attackierten auch schon in unorthodoxen Situationen. "Wir werden bis Rom noch einiges versuchen", versprach Carapaz in San Valentino. Action auch für die kommenden Tage. Schließlich muss man weiter angreifen, wenn man Del Toro das Rosa Trikot ausziehen will.
Carapaz jetzt Top-Favorit? Ecuadorianer "Matchwinner" am Gardasee
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Ein großer Spannungsfaktor und das große Versprechen an die Fans ist, dass kein Team stark genug zu sein scheint, um das Rennen wirklich zu kontrollieren. Wilden Angriffen schon weit vor dem Ziel einer Etappe scheint daher Tür und Tor geöffnet zu sein. Es läuft auf harte Kletter-Fights Mann gegen Mann gegen Mann gegen Mann hinaus.
Interessant wird auch, wie sich die Kletterspezialisten in der dritten Woche noch steigern können - gerade die, die mit den länger werdenden Anstiegen und höher liegenden Pässen immer mehr in ihr Element kommen. Gerade Gee scheint von Tag zu Tag stärker zu werden, Storer war nach zwei unauffälligen Wochen am Dienstag plötzlich bei den Allerbesten und Caruso sowie Simon Yates klettern bislang extrem konstant.
2. Stürze überschatten das Kletter-Spektakel
Das große Spektakel von San Valentino hat begeistert: Spannende, unvorhersehbare Entwicklungen hat der Kampf ums Rosa Trikot auf dieser 16. Etappe genommen. Doch in diesem Eindruck bei strahlendem Sonnenschein im Etappenfinale ging völlig unter, wie der Tag begonnen hatte: mit Dauerregen und mehreren Stürzen.
Während man sich nach dem Kletterspektakel am Gardasee vor allem über die große Spannung bei dieser Italien-Rundfahrt freuen will, darf nicht vergessen werden, dass das ganze Spektakel nach rund 93 Kilometern auch schon hätte vorbei sein können.
Unter der Leitplanke hindurch: Martinelli stürzt in die Tiefe
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Denn die Abfahrt vom ersten Berg des Tages, von Carbonare hinunter in Richtung Trento, sorgte mit ihrem nassen Asphalt für eine Schrecksekunde, auf die mit etwas mehr Pech auch ein großes Drama hätte folgen können: Alessio Martinelli (VF Group-Bardiani CSF) rutschte in einer Rechtskurve weg, schlitterte über die Straße auf die Leitplanke zu und unter ihr hindurch, um dann mehrere Meter einen Abhang hinunter ins Gebüsch zu stürzen.
Die Sorgen um den 24-jährigen Italiener waren groß, und er hatte noch größeres Glück: Wie sein Team mitteilte, ist Martinelli ohne Knochenbrüche davongekommen.
Allerdings hätte dieser Sturz in die Tiefe auch ganz anders ausgehen und anstelle des großen Kletter-Spektakels um Rosa auch große Trauer und ein Rennabbruch stehen können.
Der Radsport hat einmal mehr aufgezeigt bekommen, wie gefährlich er ist und wie wenig er gegen die ständig drohende Gefahr tut - ohne Polster in den Auslaufzonen der Kurven in einer Abfahrt, mit ungeschützten Metallschienen am Straßenrand - die bekam auch Joshua Tarling auf dieser Etappe schmerzhaft zu spüren - und mit hohen Geschwindigkeiten auf nass-rutschigen Abfahrten.
Die Bergung von Alessio Martinelli nach seinem Sturz auf der 16. Etappe des Giro d'Italia
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Nur wenige Stunden später, haben die Verantwortlichen das im Sonnenschein von San Valentino aber sicher auch schon wieder vergessen.
3. Die Tifosi dürfen endlich jubeln
16 Etappen. Länger hat es in der Geschichte des Giro d'Italia noch nie gedauert, bis die Tifosi den Sieg eines Italieners feiern durften. 2017 gewann Vincenzo Nibali auf der 16. Etappe in Bormio. 2025 haben Christian Scaroni und Lorenzo Fortunato die Fans im eigenen Land am 16. Rundfahrttag endlich erlöst - und das auf die schönstmögliche Art und Weise:
Gemeinsam fuhr das XDS-Astana-Duo in San Valentino ins Ziel - Hand in Hand, alle Kontrahenten distanziert. "Wenn du nach einem so langen Tag mit deinem Teamkollegen ankommst, ist das unglaublich", strahlte Scaroni im Sieger-Interview. Während er den Etappensieg feierte, durfte sich Fortunato über das freuen, wofür er seit Rundfahrtbeginn in Albanien fast täglich gekämpft hat.
Das Bergtrikot ist ihm bei diesem Giro kaum mehr zu nehmen. Rechnerisch wäre das zwar noch möglich, denn es gibt maximal noch 330 Bergpunkte zu holen, wenn ein Fahrer alle Bergwertungen der verbleibenden fünf Etappen gewinnen würde. Doch Fortunato hat mit 319 Zählern 194 Punkte Vorsprung auf Teamkollege Scaroni und 265 auf den Drittplatzierten der Sonderwertung, Juan Ayuso.
Doppelsieg für Italien und XDS-Astana - Del Toro verliert Zeit
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Auch wenn es mit dem ersten italienischen Etappensieg also 16 Tage dauerte, so richtig schlecht ist der Giro aus italienischer Perspektive bislang trotzdem nicht gelaufen. Zwar mussten die Tifosi sich am Wochenende von Giulio Ciccone (Lidl-Trek) als Gesamtwertungshoffnung verabschieden und am Dienstag verlor nun auch Antonio Tiberi (Bahrain Victorious) viel Zeit.
Doch nachdem der erste Tageserfolg der Italiener nun geschafft ist und das Bergtrikot wohl auch sicher an einen Italiener geht, könnte auch ein weiterer italienische Etappensieg noch in Reichweite sein. Denn durch das Aus von Primoz Roglic hat Giulio Pellizzari nun freie Fahrt - und er nutzte sie auch gleich eindrucksvoll, wurde Etappendritter und fuhr den Schlussanstieg am schnellsten von allen hinauf.
Vorschau zur 17. Etappe: Ab in die Höhe über Tonale und Mortirolo
Quelle: Eurosport