Grischa Niermann im Exklusiv-Interview: Der Sportliche Leiter von Team Visma zum Duell Pogacar vs. Vingegaard
VonJan Zesewitz
Update 26/12/2024 um 21:15 GMT+1 Uhr
Grischa Niermann ist als Sportlicher Leiter des Rennstalls Visma-Lease a Bike mitverantwortlich für die Geschicke eines der größten Radsportteams der Welt - und einige der Topstars des Pelotons wie Jonas Vingegaard und Wout van Aert. Im Exklusiv-Interview spricht der Ex-Profi über das von Stürzen überschattete Jahr 2024, das große Duell zwischen Vingegaard und Tadej Pogacar und die Tour 2025.
Fotofinish der Topfavoriten: Vingegaard kocht Pogacar ab
Quelle: Eurosport
Zwei Männer sprinten nebeneinander um den Etappensieg, es geht bergauf, es tut beim Zusehen schon weh. Der Mann in blau schiebt sein Vorderrad knapp vor das des Gelben - und schreit seinen Jubel heraus.
"Das war unser Höhepunkt der Tour und für Jonas wahrscheinlich des gesamten Jahres", sagte Niermann im Exklusiv-Interview bei Eurosport. Es war der Etappensieg von Jonas Vingegaard bei der 11. Etappe der Tour de France. Drei Monate nach seinem schweren Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt, der seine Teilnahme bei der Tour überhaupt in Frage stellte.
Es war das einzige Mal, dass Tadej Pogacar bei einem Zweier-Sprint geschlagen werden konnte und ein emotionaler Höhepunkt für das niederländische Team, den Niermann im Teamwagen live miterlebte.
Der deutsche Ex-Profi, der seit 25 Jahren im Team dabei ist, gilt als Stratege, als Taktiker hinter den großen Erfolgen des Visma-Rennstalls. Im Gespräch erzählte er von der folgenden Tour de France, die Vingegaard mit "suboptimaler Vorbereitung" in Folge des Sturzes auf Platz zwei beendete - und darüber, was das Team im kommenden Jahr besser machen muss, um den scheinbar übermächtigen Pogacar zu besiegen.
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Vingegaard bleibt ein Champion: "Er wird wieder auf Augenhöhe sein"
Quelle: Eurosport
Herr Niermann, während der Saison 2024 gab es einige Höhen und Tiefen für Ihr Team Visma – Lease a Bike, allen voran den Sturz von Jonas Vingegaard im Baskenland. Wie gehen Sie als Sportlicher Leiter mit solchen Momenten um, wenn Taktik und Strategie vielleicht auch mal hinter dem Menschlichen zurückstehen müssen?
Niermann: Solche Momente sind schwer. Ich muss sagen, dass ich froh bin, dass ich da nicht vor Ort war. Ich war gerade in Frankreich und habe bei Paris - Roubaix eine Streckenbesichtigung gemacht. Und zwischendurch haben wir gecheckt, wie es im Baskenland aussieht und da war gerade der Sturz passiert. Als Jonas stürzte, war uns schnell klar, dass es ein schwerwiegender Unfall war, auch wenn glücklicherweise keine lebensbedrohlichen Verletzungen vorlagen. Man denkt gleich an Wout van Aert, den wir schon kurz vorher bei einem Sturz für weite Teile der Saison verloren hatten und dass es mit der Tour knapp werden könnte, aber vor allem denkt man natürlich an den Rennfahrer.
Wie haben Sie in dieser Phase die Planung gestaltet? Wie kann man sich auf die vielen Ungewissheiten vorbereiten?
Niermann: Wir haben uns zusammengesetzt und verschiedene Szenarien entwickelt und uns gefragt: Was ist möglich? Als Jonas zwei Wochen nach seinem Sturz aus dem Krankenhaus entlassen wurde, haben wir dann auch mit ihm und seinem Trainerteam Überlegungen angestoßen und uns gefragt, ob er in guter Form zur Tour kommen kann. Erst im Juni während der Dauphiné-Rundfahrt konnten wir sagen, dass es realistisch ist, ihn zur Tour zu bringen. Dennoch haben wir die endgültige Entscheidung erst zehn Tage vor der Tour getroffen. Auch zum Tour-Start gab es noch viele Fragezeichen, vor allem, ob er mental und physisch die Belastungen einer Grand Tour bewältigen kann.
Wie überraschend war dann seine Leistung bei der Tour auch für Sie als Verantwortlichen?
Niermann: Wir waren sehr zufrieden, besonders nach den schweren ersten Etappen. Auf der zweiten Etappe zeigte Jonas eine großartige Leistung nach San Luca, um Pogacar in Schach zu halten. Natürlich gab es auch Rückschläge, etwa am Col du Galibier, wo er vor allem in der Abfahrt Zeit verlor. Das war kein Jubeltag für uns. Aber insgesamt konnten wir mit seiner Leistung zufrieden sein, auch wenn klar war, dass Pogacar dieses Jahr auf einem außergewöhnlichen Niveau war.
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Grischa Niermann im Einsatz bei der Dauphiné 2024
Fotocredit: Imago
Wie würden Sie die zweite und dritte Woche der Tour aus Sicht von Visma-Lease a Bike beschreiben?
Niermann: Die Gravel-Etappe war ein Schlüsselmoment. Jonas wurde von seinen Kontrahenten dafür kritisiert, dass er so defensiv gefahren ist, aber das war genau unsere Taktik. Es war die einzig richtige Entscheidung für diesen Tag. Das war eine großartige Leistung des ganzen Teams.
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Analyse: Vingegaard kann sich bei drei Mann besonders bedanken
Quelle: Eurosport
Ist so eine Etappe für einen Sportlichen Leiter am Ende noch anstrengender als jede Bergetappe?
Niermann: Für die Fans ist eine solche Etappe toll, für uns ist es vor allem Stress. Es kann alles passieren. Bei einem Gravel-Abschnitt hatte Jonas einen Platten und glücklicherweise das Rad von Jan Tratnik bekommen können, wenn es anders gelaufen wäre, hätte der Zeitverlust sehr groß sein können. Und Tratnik war – bei allen fahrerischen Qualitäten – auch dabei, weil er die gleichen Maße auf dem Rad wie Vingegaard besitzt. Man muss an solchen Tagen einfach Kontrolle abgeben, es gibt viele Unwägbarkeiten.
Wie ging es dann in den Pyrenäen und Alpen weiter?
Niermann: Bei der Etappe nach Le Lioran im Zentralmassiv war uns klar, dass Pogacar wieder angreifen wird. So kam es auch. Jonas konnte der Attacke nicht folgen, zeigte dann aber eine großartige Leistung, kämpfte sich zurück und war wohl der einzige in diesem Jahr, der Pogacar in einem Sprint schlagen konnte, den der Slowene auch gewinnen wollte. Das war unser Höhepunkt der Tour und für Jonas wahrscheinlich des gesamten Jahres. Danach haben wir natürlich auch wieder an den Sieg geglaubt, aber in den Pyrenäen und Seealpen war Pogacar dann klar der Stärkste.
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Vingegaard weint im Interview: "Es bedeutet mir so viel"
Quelle: Eurosport
Wie fällt das Fazit dieser Saison 2024 insgesamt aus?
Niermann: Es war nicht alles schlecht, obwohl es natürlich viel Pech war, dass unsere beiden besten Fahrer so lange ausgefallen sind. Am Ende waren wir hinter UAE Team Emirates das zweitbeste Team und hatten vor allem am Anfang der Saison tolle Erfolge mit Matteo Jorgenson und einigen anderen. Matteo ist ein gutes Beispiel für einen Lichtblick in dieser Saison. Ihn hatten wir auch ins Team geholt, weil wir ihm genau das zugetraut haben. Dass er das so schnell umsetzen kann, hat sicher auch unsere Erwartungen übertroffen.
Sie haben in einem Interview gesagt, dass Stürze auch intern analysiert werden – wie geschieht das, welche Schlüsse kann man ziehen?
Niermann: Man kann es als Pech abtun, aber wir wollten uns auch an die eigene Nase fassen und genauer schauen, was man besser machen kann. Es hat sich in den letzten Jahren so gehäuft – vielleicht machen wir doch was falsch? Fahren wir vielleicht zu wenige Wettkämpfe, weil wir mehr im Trainingslager sind? Ist dadurch die Nervosität größer? Wir haben auch unsere Fahrer gefragt, ob sie individuell Stürze hätten vermeiden können. Da haben wir zum Teil selbstkritische Antworten bekommen. Wie wollen einfach überlegen, wie wir das selbst aktiv verbessern können.
Wie sieht es mit der Sicherheit im Radsport aus, ein Thema, das zuletzt stark diskutiert wurde?
Niermann: Die Sicherheit ist ein schwieriges Thema. Ich finde es falsch, wenn es heißt, dass die Fahrer weniger Risiko nehmen sollen. Das widerspricht in meinen Augen dem Wesen des Sports. Es gibt immer mehr Verkehrsberuhigungsmaßnahmen wie Fahrbahnteiler oder Kreisverkehre, die die Rennen gefährlicher machen. Dazu wird das Material immer schneller und das sorgt für mehr Gefahr. Man muss schauen, wo man ansetzen kann - ich halte es nur für falsch, bei den Fahrern anzusetzen, denn es geht darum, wer als erster über die Ziellinie fährt.
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Grischa Niermann pflegt als Ex-Profi einen engen Draht zu seinen Fahrern
Fotocredit: Getty Images
Wie viel Fokus liegt jetzt in der Vorbereitung auf Pogacar, und wie man ihn schlagen kann? Bjarne Riis kritisierte zuletzt die Konkurrenz des Slowenen – worauf muss man sich 2025 einstellen?
Niermann: Wir müssen natürlich auf uns selbst schauen und wo wir uns verbessern können. Da gibt es auch bei Vingegaard noch einige Punkte, an denen wir ansetzen können. Seine Leistungswerte waren bergauf die besten seiner Karriere, trotz der schwierigen Vorbereitung. Das zeigt uns, dass er sich weiter verbessern kann. Man muss anerkennen, dass Pogacar ein überragendes Jahr gefahren ist und uns einige Hausaufgaben aufgegeben hat, um die Lücke zu schließen.
Eine Entwicklung ist klar angekommen: Die Topfahrer können von sehr viel weiter weg attackieren und haben das Selbstvertrauen, dass sie eine Lücke auf diese Distanz halten können. Das hat sich im Vergleich zu den letzten Jahren geändert. Wir sind mit einer Taktik in die Tour gegangen, mit der wir Pogacar in den vergangenen beiden Jahren geschlagen haben - aber er hat so einen Leistungssprung gemacht, dass das jetzt nicht mehr funktioniert hat. Also werden wir uns neue Strategien überlegen müssen.
Wie schätzen Sie die Strecke der Tour 2025 für Jonas Vingegaard ein?
Niermann: Es sieht nach einer Strecke aus, die Jonas liegen sollte – schwere Bergetappen, steile Anstiege und ein Bergzeitfahren, Anstiege, an die er gute Erinnerungen hat wie den Mont Ventoux, Hautacam, Col de la Loze. Aber nach der Tour 2024 wissen wir, dass Pogacar auch in diesen Bereichen stark ist. Trotzdem denke ich, dass die Strecke Jonas entgegenkommt.
Wer sind die Fahrer, auf die wir 2025 besonders achten sollten?
Niermann: In unserem Team denke ich, dass wir einige starke junge Fahrer dabeihaben. Aus deutscher Sicht möchte ich Niklas Behrens hervorheben. Er dürfte Radsport-Deutschland in der Zukunft noch viel Freude bereiten. Er ist ein Supertalent, dem wir die Zeit geben wollen, sich zu entwickeln.
Einer der Fahrer, auf die nächstes Jahr zu achten sein wird, ist sicherlich Wout van Aert. Was ist für seine kommende Saison geplant, nachdem er vom Pech verfolgt schien?
Niermann: Der Sturz bei der Vuelta war vor allem für seine Moral schlimm. Er hatte sich nach dem ersten Sturz im Frühjahr Stück für Stück zurückgekämpft und war bei der Vuelta endlich wieder in Topform und hat dominiert. Dann ist er wieder schwer gestürzt und ist jetzt bald so weit, dass er in der Cyclocross-Saison erste Rennen bestreiten kann. Wir rechnen damit, dass er im Frühjahr bei den Klassikern wieder in Topform am Start stehen wird und hoffentlich auch Rennen gewinnen kann.
Abschließend noch ein Blick auf die Feiertage – wie viel Ruhe gönnen Sie sich?
Niermann: Ich hoffe, dass das Telefon über die Feiertage mal still bleibt. Weihnachten ist für mich die Zeit, um mit der Familie zusammen zu sein. Direkt nach Weihnachten gibt es aber noch einen großen Anlass zu feiern: den 80. Geburtstag meiner Mutter. Es gibt also in den nächsten Tagen genug zu feiern.
Vielen Dank für das Gespräch und frohe Feiertage!
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Tour de France 2025: Die Strecke der 21 Etappen bis nach Paris
Quelle: Eurosport
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