Jens Voigt im Interview: "Lipowitz ist nur noch einen Hauch hinter Vingegaard und Pogacar"

Florian Lipowitz hat es mit Gesamtrang drei als erster Deutscher aufs Podium bei der Katalonien-Rundfahrt geschafft - trotz einer zerstückelten Vorbereitung infolge einer Krankheit. Eurosport-Experte Jens Voigt zeigt sich im Exklusiv-Interview begeistert von der Entwicklung des 25-Jährigen und analysiert die Zusammenarbeit der beiden Red-Bull-Bora-hansgrohe Kapitän Lipowitz und Remco Evenepoel.

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Quelle: Eurosport

Nach Paris - Nizza, der Tour de Romandie und dem Critérium du Dauphiné beendete Florian Lipowitz bei der Volta Catalunya seine vierte einwöchige Rundfahrt auf dem Podium.
Dies nötigt Jens Voigt gehörigen Respekt ab. "Ich bin völlig begeistert, wie er fährt und wie er auch den ganzen Trubel seit seinem dritten Platz bei der Tour de France wegsteckt", sagte der Experte im Interview mit Eurosport.
Voigt traut Lipowitz für die Saison 2026 ähnliche - oder sogar noch bessere - Ergebnisse zu als im Vorjahr.
Zudem spricht er über das Red-Bull-Bora-hansgrohe-Tandem Lipowitz/Evenepoel und analysiert die bisherige Saison von Seriensieger Jonas Vingegaard.
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Jens Voigt, wie beurteilen Sie die Leistung von Florian Lipowitz bei der Katalonien-Rundfahrt?
Jens Voigt: Wir hatten Florian im Interview bei Eurosport, als er uns gesagt hat, dass er im Höhentraining ein bisschen krank war und sich nicht ganz sicher war, wie gut er die Rundfahrt durchstehen kann. Und dann liefert er so eine starke Leistung ab. Stellt Euch vor, der wäre topfit gewesen? Ich bin völlig begeistert, wie er fährt und wie er auch den ganzen Trubel seit seinem dritten Platz bei der Tour de France wegsteckt. Viele deutsche Fans haben ja die Hoffnung, dass Florian der nächste schwarz-rot-goldene Toursieger wird. Es ist faszinierend, wie er damit umgeht, wie bodenständig er geblieben ist.
Florians stabile Leistungen haben nichts mehr mit Glück zu tun. Er liefert seit einem Jahr ab und ist angekommen im Konzert der ganz Großen.
Ist seine Leistung aufgrund der verhältnismäßig wenigen Trainingskilometer infolge seiner Krankheit noch höher zu bewerten?
Voigt: Auf jeden Fall. Und Florian hat auch dazugelernt. Er fährt umsichtig, bewegt sich an der richtigen Position und hat in Zusammenarbeit mit seinen Teamkollegen auch keine Angst, Verantwortung zu übernehmen, Tempo zu fahren oder eine Attacke vorzubereiten, wenn der Rennverlauf das erfordert. Das war schön zu sehen und macht Hoffnung auf mehr tolle Ergebnisse später im Jahr. Seine stabilen Leistungen haben nichts mehr mit Glück zu tun. Florian liefert seit einem Jahr ab. Er war 2025 Dritter bei der Tour und beim Critérium du Dauphiné, als er Remco Evenepoel geschlagen hat, der damals noch nicht in seiner Mannschaft war. Florian ist angekommen im Konzert der ganz Großen.
Lipowitz hatte am Ende der knackigen Woche in Katalonien als Dritter 1:30 Minute Rückstand auf Sieger Vingegaard. Blicken wir mal in die Glaskugel: Wie nah kann Lipowitz rankommen bei der Tour de France 2026?
Voigt: Das ist die Kardinalfrage. Ob bei der Tour im letzten Jahr oder jetzt in Katalonien: Wenn Tadej Pogacar oder Jonas Vingegaard attackiert haben, war Lipowitz einer der wenigen Fahrer, die immer versucht haben, mitzugehen. Er ist nur noch einen Hauch hinter Pogacar und Vingegaard, wobei er in den Bergen dichter dran als im Zeitfahren. Dort haben Pogacar, Vingegaard und auch Evenepoel Vorteile.
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Wo hat Lipowitz noch Steigerungspotenzial?
Voigt: Einerseits kann er das Zeitfahren optimieren, indem er aerodynamischer fährt und viel Zeit auf der Zeitfahrmaschine verbringt, damit sich der Körper daran gewöhnt. Andererseits haben Vingegaard und Pogacar in den Bergen einen explosiveren Antritt. Lipowitz versucht über die "Dieselmotormethode" die beiden langsam wieder zurückzuholen. Beim ersten brutalen Antritt kann er nicht mitgehen. Wenn er mitgeht, würde er schnell in den roten Bereich kommen und bräuchte dann zehn Minuten, um sich wieder zu erholen. Die harten Antritte und Rhythmuswechsel - da haben Vingegaard und Pogacar Vorteile, die können dreimal so hart attackieren. Das ist keinerlei Kritik an Florian, das kann er noch aufholen. Seine große Stärke ist das Stehvermögen bei einer Grand Tour, er ist vor allem in der letzten Woche superstark. Dreimal Hochgebirge in Folge ist kein Problem für ihn. Es gibt also nur noch kleine feine Schräubchen, an denen Florian drehen muss.
Evenepoel hat eine starke positive Charakterentwicklung durchgemacht. Er hatte bei ähnlichen Rennverläufen in der Vergangenheit auch schon mal keine Lust mehr und ist spektakulär ausgestiegen. Remco hat in Katalonien viel Respekt dazugewonnen.
Remco Evenepoel hatte etwas Pech in Katalonien mit dem verpassten Sieg auf der 1. Etappe und dem Sturz auf dem 3. Tagesabschnitt. Er hat sich fortan in den Dienst der Mannschaft gestellt und Lipowitz die Berge hochgezogen. Hätten Sie dieses Verhalten von Evenepoel erwartet?
Voigt: Nein - und ich bin total begeistert. Evenepoel hat erkannt, dass er nicht in der Form ist, um aufs Podium zu fahren. Aber sein Mannschaftskamerad war es. Er hat sich dann uneigennützig und sehr konsequent für Florian eingesetzt und ist für ihn gefahren. Evenepoel hat eine starke positive Charakterentwicklung durchgemacht. Er hatte bei ähnlichen Rennverläufen in der Vergangenheit auch schon mal keine Lust mehr und ist spektakulär ausgestiegen. Remco hat in Katalonien viel Respekt bei mir dazugewonnen und sicher auch bei vielen Radsportfans. Er ist sogar am letzten Tag noch Tempo für Lipowitz gefahren und war dann im Sprint nicht mehr ganz so frisch, sonst hätte er die Etappe gewinnen können. Das war Mannschaftsarbeit par excellence. Remco hat den Begriff Edelhelfer in Katalonien auf ein ganz neues Niveau gehoben.
War die gute Zusammenarbeit von Lipowitz und Evenepoel ein Zeichen an die Konkurrenz hinsichtlich der Tour de France?
Voigt: Das war ein deutliches Signal der beiden. Die zwei haben sich gefunden und als gleichberechtigte Kapitäne agiert. Das wird es für die anderen Teams bei der Tour deutlich schwerer machen, Red Bull zu schlagen, weil dort zwei annähernd gleich starke Klassementfahrer am Start und loyal füreinander da sind. Zudem ergänzen sie sich auch sportlich: Remco ist der explosive Fahrer, Florian, der mit dem langen Atem. Remco kann die kürzeren Anstiege mit mehr Punch fahren und vor allem in den mittelschweren Bergetappen Schaden anrichten. Die beiden werden ihre Karten bei der Tour gut ausspielen und sind eine Bedrohung für die Konkurrenz.
Wie schätzen Sie die Leistung von Jonas Vingegaard in diesem Jahr bislang ein?
Voigt: Er ist in bestechender Form, hat Paris-Nizza und die Katalonien-Rundfahrt souverän gewonnen. Er hat ein strammes Programm vor sich, weil er beim Giro d'Italia triumphieren will. Ich verstehe, dass er seine Pläne in diesem Jahr geändert hat und bei der Italien-Rundfahrt an den Start geht. Er will auch bei der Tour de France ganz oben stehen und nicht wieder "nur" Zweiter werden. Daher musste er in der Vorbereitung irgendetwas verändern. Der Giro ist für Jonas ein Luxus-Trainingscamp und wird ihn noch stärker machen. Er ist so stabil, dass er beim Giro und bei der Tour ganz vorne landen kann.
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Quelle: Eurosport



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