Remco Evenepoel und sein erstes Frühjahr bei Red Bull-Bora-hansgrohe: Licht und Schatten für Doppel-Olympiasieger
VonJan Zesewitz
Update 01/05/2026 um 14:15 GMT+2 Uhr
Seit vier Monaten steht Remco Evenepoel beim deutschen Team Red Bull-Bora-hansgrohe unter Vertrag. Sieben Siege feierte er in dieser Zeit, dazu noch einen im Mannschaftszeitfahren mit der neuen Equipe. Doch bei den ganz großen Rennen und Rundfahrten lief es bisher nicht immer nur nach Plan für ihn. Mit Blick auf die Tour de France stellt sich die Frage - was kann der Belgier erreichen?
Highlights: Seixas liefert Dominator Pogacar einen harten Fight
Quelle: Eurosport
Mallorca, Ende Januar, ein Paradies für Radsportfans - und Profis. Für Evenepoel ein Traumstart mit seinem neuen Team: drei Starts, drei Siege. Bei der Valencia-Rundfahrt eine Woche später setzte er noch einmal zwei weitere Etappensiege und den Gesamtsieg obendrauf.
Die Konkurrenz war nicht auf dem allerhöchsten Level, aber der belgische Neuzugang tat genau das, wofür er geholt wurde: Er gewann. In der Teamzentrale in Raubling konnte man sehr zufrieden sein. Bei der UAE-Tour wendete sich das Blatt. Nach einem Zeitfahrsieg konnte er an den langen Anstiegen nicht mit den Besten mithalten.
Das zog sich so durch. Nach einem Sturz bei der Katalonien-Rundfahrt wurde es in der Gesamtwertung Platz fünf - dabei half er seinem Teamkollegen Florian Lipowitz aber aufs Podium. Auf Platz drei bei seinem Debüt bei der Flandern-Rundfahrt folgte der Sieg beim Amstel Gold Race und klar geschlagen Platz drei bei Lüttich - Bastogne - Lüttich. Licht und Schatten.
"Er hat acht Siege, davon das Amstel Gold Race als Höhepunkt", fasste Eurosport-Experte Jens Voigt im exklusiven Interview das Frühjahr Evenepoels zusammen. "Das sieht beeindruckender aus, als es ist. Er hat damit doppelt so viele Siege wie Pogacar. Aber der hat eben die Strade Bianche gewonnen, Sanremo, Flandern und Lüttich. Die Bilanz von Remco ist gut, aber nicht überwältigend."
Voigt: "Remco hat die Realität eingesehen"
Vor allem zeigte sich, dass ihm zu Pogacar, Jonas Vingegaard und - jedenfalls in Lüttich - auch zu Youngster Paul Seixas ein Stück fehlt. Diese Erkenntnis wich der Euphorie der ersten Rennen auf Mallorca: Wenn diese Topfahrer dabei sind, zieht Evenepoel den Kürzeren. Pogacar und Seixas waren in Lüttich im Weg, Vingegaard in Katalonien - und keiner von ihnen startete auf Mallorca, in Valencia oder beim Amstel Gold Race.
Evenepoel wurde von Red Bull als Superstar von Soudal-Quickstep losgeeist, mit dem Ziel, das spätestens mit dem Einstieg des Getränkegiganten klar formuliert wurde: den Sieg bei der Tour de France. Das Dilemma: Stand heute ist nicht klar, ob der 26-Jährige dazu in der Lage ist.
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Licht und Schatten beim Start von Remco Evenepoel bei Red Bull-Bora-hansgrohe
Fotocredit: Getty Images
Exemplarisch dafür war die Côte de la Redoute bei La Doyenne. Evenepoel ließ frühzeitig abreißen, versuchte nicht, mit Pogacar mitzugehen und konnte so Energie konservieren, um Platz drei im Sprint zu retten.
"Remco hat die Realität eingesehen, dass er Tadej nicht schlagen wird", sagte Voigt. "Und jetzt hat sich mit Seixas auch noch einer dazwischengedrängelt, den wird er in naher Zukunft vermutlich auch nicht schlagen können. Das heißt: Das Podium bei der Tour de France, mit Pogacar, mit Vingegaard, mit Seixas und Lipowitz – wahrscheinlich hat er da auch erkannt, dass das für ihn schwer wird."
Denk will Evenepoel "breiter aufstellen"
Für sein deutsches Team stellt sich nach dem ersten Frühjahr die Frage, wohin die Reise mit dem Königstransfer gehen soll. Auch Teamchef Ralph Denk macht sich diese Gedanken.
"Dass er Eintagesrennen kann, hat er bewiesen", sagte er im Interview mit radsport-news.com. "Er hat hier (in Lüttich) gewonnen, bei der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen. Da braucht man nicht mehr darüber zu reden. Er hat eine Vuelta gewonnen. Das war zwar eine spezielle Vuelta, da Primoz (Roglic) stürzte. Aber wir werden sehen, ob er sich auch noch in Rundfahrten verbessern kann. Unser Ziel ist es, ihn breiter aufzustellen, sowohl bei Rundfahrten, als auch bei Eintagesrennen."
Die beeindruckenden Siege der Vergangenheit zeichnen Evenepoel ebenso aus wie seine Niederlagen gegen Pogacar und Co. - man sollte den Belgier nicht abschreiben. Das macht auch Denk nicht, der sich weiterhin nicht auf einen einzelnen Kapitän bei der Tour festlegt. "Das entscheiden irgendwann die Beine", sagte er.
Voigt ist da schon weiter in seiner Einschätzung: "Lipowitz hat jedes Mal abgeliefert. Ich denke, Remco hat das auch mannschaftsintern erkannt", sagte der Experte. "De facto müsste man sagen: Florian ist der alleinige Kapitän für die Tour. Obwohl Remco Amstel gewonnen hat und insgesamt acht Siege hat. Aber dort, wo die Tour de France entschieden wird, nämlich in den hohen Bergen, da war Remco in diesem Jahr einfach nicht gut genug. Es ist ein Problem, dass er dort einen Haufen Baustellen hat. Florian ist der solidere Kandidat auf das Podium bei der Tour."
Flandern-Rundfahrt und Paris - Roubaix als Aussicht für Evenepoel?
Red Bull muss auf die vage Hoffnung setzen, dass einer seiner Kapitäne an Pogacar und Vingegaard vorbeikommen kann. Dafür wurde Evenepoel geholt, zum ersten Mal seit Jahren durchlief er ein verletzungsfreies Frühjahr - und doch ist die Lücke da.
Noch nicht einmal nur im Hochgebirge, wo der Belgier immer klar hinter diesen beiden stand. Insofern tut man beim Raublinger Rennstall gut daran, nach Alternativen für Evenepoel zu suchen.
Der beste Zeitfahrer seiner Generation konnte schon bei seinem Debüt um den Sieg bei der Flandern-Rundfahrt mitfahren. Ein Sieg in seiner Heimat würde ihm in Belgien augenblicklich Heldenstatus verleihen - zumindest in diesem Land fast so hoch zu werten wie ein Tour-Sieg.
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Quelle: Eurosport
Auch Paris - Roubaix könnte dem Skillset des 26-Jährigen entsprechen. Auf der Pressekonferenz nach Lüttich - Bastogne - Lüttich ließ er durchblicken, sich die Strecke mit seinen Kopfsteinpflastersektoren intensiv anschauen zu wollen. Im Winter werde man ihn im Wald von Arenberg sehen können "und dann schauen, was sich ergibt". Evenepoel stellte auch klar: "Ich habe den Ehrgeiz, Klassiker zu gewinnen und ein wirklich guter Eintagesfahrer zu sein und zu bleiben. Deshalb sage ich: 'Jetzt liegt es an dir, einen Weg zu finden, beides zu vereinen.'"
Ein Satz, den man im Lager von Red Bull sicherlich gerne hört, ohne dabei die nun startende Tour-de-France-Vorbereitung außer Acht zu lassen. Evenepoel hat nur ein Problem, wie Voigt festhielt: "Er hat einfach das Pech, dass er in dieser verdammen Radsport-Periode fährt, in der Vingegaard und Pogacar aktiv sind."
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