Paris - Roubaix 2024 - Jens Voigt exklusiv: Das spricht für Mads Pedersen im Duell mit Mathieu van der Poel

Die "Hölle des Nordens" ruft: Bei Paris - Roubaix kämpfen die Klassiker-Spezialisten um den Sieg beim dritten Radsport-Monument der Saison. Und eigentlich kann das Duell nur heißen: Mathieu van der Poel gegen den Rest - oder? Nicht für Jens Voigt, der einen zweiten Fahrer dem Weltmeister als "ebenbürtig" erachtet. Auch Nils Politt traut der Ex-Profi und heutige Eurosport-Experte viel zu.

Paris-Roubaix: Geschichte(n) aus der Hölle des Nordens

Quelle: Eurosport

Weltmeister Mathieu van der Poel peilt eine Woche nach der Flandern-Rundfahrt auch den Sieg bei Paris-Roubaix an. Der 29-Jährige befindet sich in Top-Form, kommt zudem als Titelverteidiger zur "Königin der Klassiker".
Eurosport-Experte Jens Voigt hat jedoch noch weitere Fahrer auf der Rechnung, wie er im exklusiven Interview verrät. Allen voran Mads Pedersen traut der 52-jährige Ex-Profi viel zu. Der Däne sei ein "ebenbürtiger Gegner", einige Faktoren sprächen sogar im direkten Duell mit van der Poel für den Lidl-Trek-Profi.
Aus deutscher Sicht hat Voigt vor allem Nils Politt auf der Rechnung, dem er sogar den ganz großen Coup zutraut: "Das flachere Paris - Roubaix liegt ihm mehr. Wenn es gut läuft, ist alles drin."
Den Kopfstein-Klassiker mit den insgesamt 29 Pavé-Sektoren seht ihr am Sonntag, 7. April, ab 10:30 Uhr live im Free-TV auf Eurosport 1 und im Stream bei discovery+.
Herr Voigt, genau wie bei der Flandern-Rundfahrt schwebt ein Name vor Paris - Roubaix über allen: Mathieu van der Poel. Bei der Ronde präsentierte er sich mit einem 45-Kilometer-Solo unantastbar. Ist der Weltmeister zu schlagen, und wenn ja, von wem?
Jens Voigt: Ja, er ist zu schlagen. Besonders Mads Pedersen ist ein ernstzunehmender Konkurrent. Er hat eine starke Mannschaft und mit Jonathan Milan einen sehr guten Helfer an seiner Seite. Nach seinem schweren Sturz bei Quer durch Flandern hatte Pedersen plötzlich vier Kilo mehr Flüssigkeit im Körper - er war also bei der Flandern-Rundfahrt noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Trotzdem hat er zwischenzeitlich ein gigantisches Solo hingelegt. In einem Social-Media-Post hat er seine Taktik danach selbst hinterfragt: War das schlau? Sicher nicht. Hätte er warten sollen? Vermutlich ja. Jetzt ist er komplett gesund und wird noch stärker an den Start gehen. Dazu hat er gelernt, dass er nicht 80 Kilometer vor dem Ziel allein losfahren sollte, wenn hinten noch so viele Favoriten beieinander sind.
Was spricht im Zweikampf mit van der Poel für Pedersen?
Voigt: Das Wetter soll wieder schlecht werden, viel Wind, zudem kalt. Das kommt Pedersen mit seinem muskulösen Körper entgegen. In Flandern hat van der Poel am Ende die Meter gezählt, kam gerade noch so ins Ziel, bevor er erfroren oder explodiert wäre. Er hat später auch im Interview gesagt, dass er hintenraus mit Augen zu im Automatik-Modus gefahren ist. Was außerdem für Pedersen spricht: Es gibt keine Berge. Die Hellingen in Flandern waren für ihn mit seinem Gewicht schwerer als für den relativ schlanken van der Poel. Bei Paris - Roubaix ist der Däne jetzt ein ebenbürtiger Gegner.
picture

Van der Poel krönt Meisterleistung - Politt erobert Podest

Quelle: Eurosport

Wer zählt sonst noch zum Favoritenkreis?
Voigt: Matej Mohoric war 2022 schon einmal Fünfter. Er ist ein sehr cleverer Fahrer, der immer unauffällig unterwegs ist, aber effektiv mit seinen Kräften haushaltet. Auch wenn er nicht den Motor wie van der Poel oder Pedersen hat. Auch Stefan Küng war schon einmal Dritter in Roubaix. In Flandern wurde er durch einen Sturz gehandicapt, kam trotzdem wieder zurück. Von den Kräften war er also besser als das Ergebnis (Platz 41, Anm. d. Red.). Tim Merlier hat jüngst den Scheldepreis gewonnen. Alle paar Jahre ist auch mal ein Sprinter mit vorne dabei, wenn das Rennen nicht so aggressiv und schnell gefahren wird.
Wie bei Mailand - Sanremo in diesem Jahr.
Voigt: Genau. Wer hat da damit gerechnet, dass Jasper Philipsen am Ende noch mit dabei ist? Den gibt es natürlich auch noch.
Aus deutscher Sicht ist Nils Politt zu nennen, der bei der Flandern-Rundfahrt sensationell Dritter wurde. Generell zeigt er sich in dieser Saison nach Jahren wieder in Top-Form. 2019 war er in Roubaix schon Zweiter. Ist der große Coup drin?
Voigt: Ja, der ist drin! Bei der Flandern-Rundfahrt war er mit den großen Namen vorne dabei. Auch er leidet mit seinem großen Körper mehr an den Hellingen in Flandern. Das flachere Paris - Roubaix liegt ihm mehr. Wenn es gut läuft, ist alles drin. Aber er sollte schauen, dass er nicht mit Merlier oder Pedersen auf die Ziellinie im Velodrom zufährt.
Warum läuft es bei Politt seit seinem Wechsel zum UAE Team Emirates besser als in den vergangenen drei Jahren bei Bora-hansgrohe?
Voigt: Ich selbst war in meiner Karriere auch nur bei drei Teams, davon sechs Jahre in Frankreich bei Crédit Agricole. Je länger man dabei ist, desto bequemer wird man, ob man es will oder nicht. Du kennst deinen Platz in der Hierarchie. Dadurch verlierst du etwas die Schärfe, die Aggressivität, den Willen, eine halbe Stunde länger zu trainieren. Im Rennen sagst du: Lieber sicher Dritter, als alles auf Sieg zu setzen und dann nur 30. zu werden. Wenn du die Mannschaft aber wechselst, ist alles neu. Das Training, das Material, das Rad. Dort musst du dich erst einmal beweisen. Das gibt dir dieses kleine bisschen Extra-Druck, damit funktionieren alle Fahrer besser. Bei Nils hat das super funktioniert.
Auch John Degenkolb, Roubaix-Sieger von 2015, hat im vergangenen Jahr mit Platz sieben trotz Sturz gezeigt, dass mit ihm zu rechnen ist. Was traust du ihm zu?
Voigt: Ich denke, das Rennen wird für eine zu lange Zeit zu schwer und zu hart für John. Er ist nicht so stark einzuschätzen wie Politt. Platz fünf bis zehn wäre für ihn ein Riesenerfolg. An das Podium glaube ich nicht. Das sage ich als Experte, nicht als Mensch und Bewunderer von John. Aber als ehemaligen Sieger darfst du ihn nie komplett abschreiben.
Ein weiterer spannender Name ist der 19-jährige Emil Herzog, der in Flandern als jüngster Profi überhaupt sein Debüt bei einem Radsport-Monument gefeiert hat und 76. wurde. Auch bei Paris-Roubaix wird er dabei sein. Bora-Teamchef Ralph Denk verglich ihn bereits in der vergangenen Saison mit Tom Pidcock.
Voigt: Zu meiner Zeit hättest du zu so jemandem gesagt: Träum weiter, warte mal lieber noch zehn Jahre. Heute ist das andersherum. Es ist der Trend der Zeit, dass junge Fahrer gigantische Leistungen bringen - Tom Pidcock, Remco Evenepoel, Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard. Pogacar war schon mit 22 zweifacher Tour-Sieger. Früher hat man die jungen Fahrer eventuell zu sehr zurückgehalten, wollte sie behutsam aufbauen. Anscheinend brauchen die das gar nicht. Keiner erwartet von Emil Herzog, dass er bei Paris - Roubaix in die Top Ten fährt. Aber es reicht schon durchzukommen wie in Flandern, die harten Rennkilometer zu sammeln, den Körper an dieses Niveau, die Distanzen, das Wetter zu gewöhnen. Und in drei Jahren sagt er dann vielleicht: Okay, jetzt möchte ich in die Top Ten. Und in vier Jahren aufs Podium. Er ist ja nicht nur durch Zufall Junioren-Weltmeister geworden. Bora-hansgrohe braucht nicht wie Alpecin-Deceuninck sechs Helfer für Mathieu van der Poel. Sie können ein Experiment wagen und einem jungen Fahrer eine Chance geben.
picture

Schwerer Massensturz mit Vingegaard, Evenepoel, Roglic

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung