Baskenland-Rundfahrt: So kam es zum folgenschweren Sturz mit Vingegaard, Evenepoel und Roglic - Experte Voigt ordnet ein

Der folgenschwere Sturz auf der 4. Etappe der Baskenland-Rundfahrt beschäftigt die Radsport-Welt. Nachdem mittlerweile das ganze Ausmaß bekannt ist, wie schwer es die Radstars erwischt hat, werden Fragen nach dem Sturzhergang laut: Warum kamen Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Co. überhaupt zu Fall? Hätte der Veranstalter für mehr Sicherheit sorgen müssen? Experte Jens Voigt ordnet ein.

Schwerer Massensturz mit Vingegaard, Evenepoel, Roglic

Quelle: Eurosport

Der Radsport kommt nicht zur Ruhe. Nach den schweren Unfällen von Wout van Aert und Co. bei Quer durch Flandern und Lennard Kämna im Höhentrainingslager auf Teneriffa, hat am Donnerstag ein Massensturz bei der Baskenland-Rundfahrt die Rad-Welt geschockt.
Die Liste der Sturzopfer ist lang, Jonas Vingegaard (u.a. Schlüsselbeinbruch, Pneumothorax), Steff Cras (Pneumothorax, zwei gebrochene Rückenwirbel), Jay Vine (Bruch der Halswirbelsäule, zwei Wirbelkörperfrakturen an der Brustwirbelsäule) und Remco Evenepoel (Schlüsselbeinbruch, Bruch des Schulterblatts) erwischte es besonders heftig.
Nicht nur die Schwere der Verletzungen verlangt eine Aufarbeitung der Ereignisse. Wie kam es zum Sturz in der Abfahrt rund 36 Kilometer vor dem Ziel in der baskischen Gemeinde Legutio? Und: Hätte man die dramatischen Folgen vermeiden können?
Besonders gefährlich war die Rechtskurve, die einige Fahrer verpassten und so in die umliegenden Felsen und den Wald rauschten, nämlich nicht. Die Sonne schien, die Straße war trocken.

Baumwurzeln werden Fahrern zum Verhängnis

Auf "X" brachte der spanische Radprofi Mikel Bizkarra (Euskaltel Euskadi) Licht ins Dunkel. Der 34-Jährige ist selbst nicht bei der Rundfahrt am Start, kommt aber aus dem nahegelegenen Ort Mañaria und kennt die Straßen daher sehr gut.
"Dort gibt es viele Baumwurzeln unter dem Asphalt, die die Straße sehr holprig machen", schrieb er: Ein Erklärungsansatz, den Quinten Hermans (Alpecin-Deceuninck) im Ziel bestätigte: "Ich denke, das Feld hat die Kurve, die voller Bodenwellen war, falsch eingeschätzt."
Der Belgier war selbst in den Crash verwickelt, kam aber im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen glimpflich davon und konnte die Etappe beenden.

Voigt erklärt Bodenwellen-Problematik

"Erst sieht man sie nicht, aber du fängst automatisch an, herumzuhüpfen", führte Bizkarra mit Blick auf die Bodenwellen weiter aus: "Wenn du den Lenker nicht gut festhälst, kannst du leicht abheben."
So sieht es auch Eurosport-Experte Jens Voigt. "Wenn du eine quere Baumwurzel triffst, die den Asphalt aufwölbt, springt dein Fahrrad einen winzigen Augenblick in die Luft und hat keinen Bodenkontakt mehr. Dann schafft es der Reifen beim Aufkommen nicht mehr, Kontakt aufzubauen, und rutscht weg", erklärte der langjährige Rad-Profi. In diesem Fall mit schlimmen Folgen.
Was verwundert: Auch Vingegaard wusste offenbar bereits im Vorfeld über die Problematik Bescheid. Der Däne sei gestürzt, "obwohl er diese Stelle vor einem halben Jahr schon bei Safer Cycling, der Firma, die diese Banden zur Absicherung der Rennen herstellt, als gefährlich angegeben hat", sagte Ex-Profi Marcel Kittel im Interview mit "web.de": "Das ist schwer nachzuvollziehen."

Sturz gibt Sicherheitsdebatte neue Nahrung

Den Bodenwellen alleine die Schuld zu geben, sei aber zu einfach. "Es war keine gefährliche Kurve, aber ich denke, dass die Fahrer zu sehr an die Grenzen gegangen sind", sagte Hermans und spielte damit auf das Tempo im Peloton an.
Das sah auch Pello Bilbao (Bahrain Victorious) im Ziel der Etappe so: "Oft fahren wir auf viel engeren Straßen, die Fahrer waren einfach zu schnell unterwegs." Auch er ist Baske, mit 34 Jahren ein erfahrener Rennfahrer und kennt die umliegenden Straßen bestens.
Die Aussagen der beiden geben der Sicherheitsdebatte, die sich aktuell quer durch den Radsport zieht, neue Nahrung. Der Tenor: Die Fahrweise und das Tempo im Feld sind zu rücksichtslos, Stürze die logische Konsequenz.
picture

Baskenland-Rundfahrt: Mehrere Fahrer liegen nach einem schweren Massensturz auf der 4. Etappe auf dem Boden - darunter Jonas Vingegaard (l.)

Fotocredit: Eurosport

Paris-Roubaix-Direktor warnt: "Stopp, stopp, stopp"

"Wir müssen über die Probleme mit erhöhten Geschwindigkeiten reden. Stopp, stopp, stopp, lasst uns das Massaker beenden", sagte Thierry Gouvenou der "L'Equipe".
Die Autofahrer der Begleitfahrzeuge, alles erfahrene Leute, hätten ihm erzählt, "dass sie keinen Sicherheitsabstand mehr haben, wenn sie vor den Radfahrern abfahren. Die Abfahrten auf den Pässen werden mit über 100 km/h gefahren."
Der 54-Jährige Ex-Profi ist Renndirektor des Klassikers Paris-Roubaix, der am kommenden Sonntag ausgetragen wird (live im Free-TV bei Eurosport 1 und im Stream bei discovery+). Mit der Entschärfung der Einfahrt in die berühmt-berüchtigte Kopfsteinpflaster-Passage des Waldes von Arenberg durch eine umstrittene Schikane hat er in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt.

Sturz im Baskenland: Voigt sieht keine Schuld bei Veranstaltern

Bleibt die Frage, ob auch die Veranstalter im Baskenland mehr für die Sicherheit der Fahrer hätten tun können. Schließlich waren große Felsbrocken und eine nicht abgesperrte Betonrinne am Streckenrand mit Schuld, warum die Verletzungen der Sturzopfer so drastisch ausfielen.
"Man hätte eventuell mit einem Heuballen oder etwas Ähnlichem absichern können", meint Voigt, der in seiner Karriere selbst vier Etappensiege bei der Baskenland-Rundfahrt feiern konnte.
"Aber nein, in diesem Fall mache ich dem Veranstalter keinen Vorwurf", meinte der 52-Jährige: "Das hätte man gar nicht wirklich vermeiden können. Ich glaube auch nicht, dass die sportlichen Leiter, die die Strecke vorher abfahren, die Stelle für ihre Fahrer markiert haben."
Das könnte Dich auch interessieren: Entwarnung bei Roglic: Bora-Star kommt glimpflich davon
picture

Gedämpfte Stimmung in Legutio: Meintjes siegt nach Sturz-Schock

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung