Paris - Roubaix: Experte Philippe Gilbert im Interview - Tadej Pogacar vor extremer Herausforderung beim Klassiker übers Kopfsteinpflaster

Tadej Pogacar steht bei Paris - Roubaix vor der wahrscheinlich größten Herausforderung seiner Karriere bisher. Beim Klassiker über das Kopfsteinpflaster in Nordfrankreich ist er gegen die Spezialisten in ganz besonderer Weise gefordert, erklärt Ex-Weltmeister Philippe Gilbert im Exklusiv-Interview mit Eurosport. Der Belgier legt die besonderen Faktoren da, die in Roubaix gegen Pogacar sprechen.

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Quelle: Eurosport

Philippe Gilbert gehört zu den wenigen Klassiker-Spezialisten, die eine erfolgreiche Bilanz in jenen Rennen als Tadej Pogacar vorweisen können. Denn der Belgier gewann vier der fünf Monumente, er hat dem Slowenen den Sieg bei Paris - Roubaix voraus.
Doch der amtierende Weltmeister möchte diese Lücke in seinem Palmarès am Sonntag schließen, wenn die "Königin der Klassiker" ansteht (live im TV bei Eurosport, im Livestream bei discovery+ und im Liveticker) und er erstmals am Start ist.
Die Herausforderung auf dem Kopfsteinpflaster ist jedoch kaum zu überschätzen, auch wenn Pogacar schon im Training bei seinen Tests über das Pavé glänzte.
Als Experte für Eurosport Frankreich begleitet Ex-Weltmeister Gilbert die Szene auch nach seinem Karriereende intensiv und blickt im Exklusiv-Interview auf die 122. Austragung des Rennens, das er 2019 im Sprint gegen Nils Politt gewann.
Was macht Paris - Roubaix für Pogacar zu einer größeren Herausforderung als andere Rennen?
Philippe Gilbert: Es ist dort viel schwieriger, den Unterschied zu machen. Es geht viel weniger um Antritte und Explosivität als in anderen Rennen, wo es Anstiege hinauf oder aus Kurven heraus zur Sache geht. Kraft und Grip spielen eine viel größere Rolle, deshalb schneiden starke Zeitfahrer oft so gut in Roubaix ab - und schwerere Fahrer.  Es wird fast alles im Sattel sitzend gefahren und dadurch genau jene Muskelgruppen beansprucht, die auch im Kampf gegen die Uhr entscheidend sind.
Wie groß ist der Unterschied zwischen Paris - Roubaix und der Flandern-Rundfahrt?
Gilbert: Die beiden Rennen sind tatsächlich total unterschiedlich. Wenn man sich die Top Ten der letzten 20 Jahre im Velodrom anschaut, ist eines sofort deutlich: Viele dieser Fahrer hätten es bei einem anderen Monument nie in die Top Ten geschafft. Roubaix ist jenes Rennen, das der breitesten Auswahl an Profis eine Chance gibt, denn es ist flach mit langen ruhigen Phasen. Als ich 2019 gewann, war es zwar Vollgas vom Start bis ins Ziel - aber das ist nicht immer der Fall.
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Philippe Gilbert bei Paris - Roubaix 2019 vor Peter Sagan und Nils Politt auf dem Weg zum Sieg

Fotocredit: Getty Images

Wie sind diese ruhigeren Phasen zu erklären?
Gilbert: Einerseits durch die Entwicklung des jeweiligen Rennens, andererseits durch Stürze oder Defekte bei den Favoriten. Wir haben es oft gesehen, dass ein Team richtig Tempo macht, dann hat der Kapitän einen Reifenschaden und alle machen langsam. Das gibt mutigen Angreifern plötzlich Chancen zu Attacken, die sich so Vorsprung erarbeiten und lange halten können. Denn auf der flachen Strecke fährst du selbst dann noch 40 km/h, wenn du total durch bist - das ist nicht wie bei hügeligen Rennen, wo du sofort abgehängt wirst, wenn du am Ende bist.
Bei der Tour de France 2022 zeigte Pogacar auf der Etappe über das Kopfsteinpflaster als Siebter eine sehr starke Leistung, wie ist das einzuschätzen?
Gilbert: Das kann man nicht vergleichen. Bei Paris - Roubaix ist das Feld gespickt mit Spezialisten, bei der Tour hingegen sind nur zehn oder zwölf Fahrer echte Könner für solches Terrain, der Rest hat ganz andere Ziele. Außerdem ist die Gesamtdistanz der Kopfsteinpflaster-Sektoren eine ganz andere, übrigens auch im Vergleich zur Flandern-Rundfahrt: Dort sind es 20 Kilometer, bei Roubaix hingegen 50. Und dieser Unterschied ändert alles, je länger das Rennen geht: Es kostet dich einfach enorm viel Kraft, gerade auch mental. Im letzten Renndrittel, wenn die Müdigkeit einsetzt, bist du dann weniger konzentriert und es kommt schneller zu Fehlern. Ein weiterer Unterschied ist die Beschaffenheit des Pflasters: je nach Sektor kann es wirklich übel sein und man kann sehr schnell stürzen.
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Quelle: Eurosport

Welche Rolle spielt das Gewicht, Pogacar ist schließlich deutlich leichter als die Spezialisten für diese Klassiker?
Gilbert: Genau das Gewicht, das in Flandern bei den Anstiegen ein Nachteil ist, wird in Roubaix zu einem Vorteil: Wenn die Masse erst einmal in Schwung ist, hilft sie dir und du hast zusätzlich mehr Grip. Thor Hushovd (83 Kilo, zweimal in Roubaix auf dem Podium) ist das perfekte Beispiel: Er wog zu viel, um in Flandern erfolgreich über die Hellingen zu powern, aber auf dem Pflaster von Roubaix fühlte er sich zu Hause.  
Welche Erfahrung haben Sie selbst diesbezüglich gemacht?
Gilbert: Ich wog bei Roubaix 72 Kilo und zwei Wochen später bei Lüttich - Bastogne - Lüttich nur noch 69 Kilogramm. Aber diese Differenz waren nur Muskeln, kein Fett - das ist wichtig zu wissen. Ich hatte für das Kopfsteinpflaster viel Krafttraining gemacht, um Stärke im Oberkörper und Maximalkraft aufzubauen, was mir auf flachem Terrain half. Pogacar dürfte aktuell rund 65 Kilo wiegen und ich bin mir nicht sicher, ob es je Sieger in Roubaix gab, die unter 70 Kilogramm lagen. Ich denke, ich gehöre schon zu den leichteren Siegern. Wenn Pogacar also auf diesem Terrain mit den Topfahrern mithalten könnte, wäre das wirklich unglaublich und seine größte Leistung überhaupt.

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