Paris - Roubaix: Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel im Duell beim Kopfsteinpflaster-Klassiker - Jens Voigt über die Favoriten auf den Sieg
Paris - Roubaix wird zum dritten Akt des Giganten-Duells zwischen Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel bei den großen Klassikern. Nach Mailand - Sanremo und der Flandern-Rundfahrt steht es unentschieden zwischen den beiden Superstars, nun folgt über das Kopfsteinpflaster in Nordfrankreich der Höhepunkt. Eurosport-Experte Jens Voigt blickt im Interview auf das Rennen und nennt seinen Favoriten.
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Weltmeister gegen Titelverteidiger, Novize gegen Mehrfachsieger - der Zweikampf zwischen dem Slowenen und dem Niederländer bei der 122. Austragung der "Königin der Klassiker" elektrisiert die Radsportfans.
Auch Jens Voigt brennt auf diesen Schlagabtausch, nimmt aber im Interview auch eine ganze Reihe weiterer heißer Kandidaten auf den Pflasterstein als Trophäe und die Siegerprämie von 30.000 Euro unter die Lupe.
Die knapp 260 Kilometer bis ins Vélodrome von Roubaix führen über insgesamt 30 Pavé-Sektoren und 55 Kopfsteinpflaster-Kilometer - und falls es tatsächlich am Sonntag regnen sollte, wird das Sturzrisiko nochmals größer.
John Degenkolb fehlt zehn Jahre nach seinem triumphalen Sieg diesmal in Roubaix, weil ihn in Flandern ein böser Crash erwischte. Doch auch ohne den Sieger von 2015 gibt es starke deutsche Fahrer, auf die man achten sollte, wie Jens Voigt im Gespräch mit Eurosport.de ausführt:
Wie groß ist der Unterschied zwischen Flandern-Rundfahrt und Paris - Roubaix?
Jens Voigt: Pflaster ersetzt Berge - hier kommt der gute alte Rennfahrerspruch voll zum Tragen. Es gibt viel mehr Kopfsteinpflaster-Kilometer und gleichzeitig fehlen die Anstiege: Das kommt größeren, kräftigeren und damit schwereren Fahrern eigentlich entgegen. Darin liegt ein Vorteil für Spezialisten wie Mads Pedersen, Filippo Ganna oder Stefan Küng auf dem flachen, aber windanfälligen Kurs in Frankreich.
Was bedeutet das für den Ablauf des Rennens?
Voigt: Von der Renntaktik her ist bei Roubaix der Kampf um einen Platz in der ersten Ausreißergruppe viel größer: Dort wollen oft alle vertreten sein, um später als Relaisstation ihren Kapitänen helfen zu können, wenn diese von hinten aufschließen. In Flandern ist das anders und die Plätze in der Fluchtgruppe meist weniger umkämpft.
Wie blicken Sie auf das Duell zwischen Pogacar und van der Poel bisher in dieser Saison?
Voigt: In Flandern trafen sich die unterschiedlichen Qualitäten von van der Poel und Pogacar: Der Niederländer hat dank seiner Power und seiner Sprintqualitäten Mailand - Sanremo und mehrfach in Roubaix gewonnen, beide Siege fehlen Pogacar noch. Der wiederum hat schon viermal die Lombardei-Rundfahrt geholt und in Lüttich triumphiert, er ist der Spezialist für die bergigen Monumente. Flandern aber liegt beiden, das ist sozusagen neutrales Terrain - da entscheidet zwischen ihnen die Tagesform, so am vergangenen Sonntag.
Welche Chancen hat Pogacar bei seiner Roubaix-Premiere angesichts der von Ihnen angesprochenen Unterschiede zur Flandern-Rundfahrt?
Voigt: Dass ein Fahrer direkt bei seiner Premiere in Roubaix auch siegt, ist extrem selten - falls es das überhaupt in der Geschichte schon einmal gegeben hat. In der Regel ist dieses Rennen ein Lernprozess. Aber Pogacar ist so stark, wenn er sich etwas in den Kopf setzt, setzt er das auch meistens um. Er hat sich die Strecke schon genau angeschaut, aber es ist etwas ganz anderes, wenn man im Rennen mit 200 Fahrern aufs Pflaster zufährt als bei einer Trainingsfahrt.
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Wie sollte seine Taktik gegen die Roubaix-Spezialisten aussehen?
Voigt: Pogacar hat in Flandern ja bewiesen, dass er mit Pflaster bestens klarkommt. Außerdem verfügt er mit Nils Politt und Florian Vermeersch über zwei Teamkollegen, die beide jeweils schon einmal Zweiter in Roubaix waren und ihn also im Rennen sehr lange werden begleiten können. Er kann aber nur gewinnen, wenn er alleine ankommt: Sein Team wird also für hohes Tempo sorgen, um möglichst viele Konkurrenten abzuschütteln oder zumindest müde zu fahren. Dann wird Pogacar wahrscheinlich wie in Flandern selbst mehrfach attackieren, um die Konkurrenz mürbe zu machen.
Stichwort Konkurrenz: Es dürfte mehr als nur ein Zweikampf werden, wer hat noch Siegchancen?
Voigt: Der Kreis der ganz großen Favoriten ist klar umrissen: Filippo Ganna, Mads Pedersen, van der Poel als der allgemein genannte Topfavorit und mit kleinen Abstrichen Wout van Aert. Aber dazu kommt bei seiner Premiere eben auch Pogacar als ein ebenso großer Favorit. Mit ihm am Start ändert sich die ganze Dynamik. Und man darf van der Poels Teamkollegen Jasper Philipsen nicht vergessen, er war schließlich im letzten Jahr Zweiter.
Mannschaftliche Stärke und mehrere Optionen zu haben, ist bei einem Rennen wie Roubaix ein großer Vorteil - bei welchem Team käme dies noch besonders zum Tragen?
Voigt: Speziell Lidl-Trek ist da sehr gut aufgestellt. Pedersen müsste ja eigentlich nach seiner tollen Vorstellung in Flandern sowieso der Favorit sein: Denn da ist er Zweiter geworden, obwohl ihm das Rennen dort mit den vielen kleinen Anstiegen weniger liegt als das flache Profil von Roubaix. Und er hat er mit Jasper Stuyven einen Mann an seiner Seite, der auch gewinnen kann - dieses Duo muss man ganz sicher mit vorne einplanen.
Wer gehört noch zum erweiterten Favoritenkreis?
Voigt: Außenseiterchancen hat zum Beispiel Stefan Küng mit seiner französischen Mannschaft. Er hat gezeigt, dass er das kann. Der Schweizer war schon oft bei Paris - Roubaix sehr stark unterwegs, ihn muss man auf jeden Fall mit auf der Rechnung haben. Er braucht auch etwas Glück, aber er ist eine echte Maschine. Das Podium wird angesichts der vielen absoluten Topfahrer schwer, aber auf Platz fünf bis zehn hat er ja fast schon eine Garantie. Außerdem ist da noch Sprintstar Tim Merlier: Sein Soudal-Team weiß genau, wie man Roubaix gewinnt - sie haben das Rennen viele Jahre mit dominiert. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es diesmal ein Rennen der Überraschungen wird: Es sollte alles auf ein Duell der großen Namen hinauslaufen.
Dann, Hand aus Herz: Auf wen setzt der Experte?
Voigt: Ein Tipp ist bei so vielen Topfahrern schwer, aber das hier wäre mein Podium: Pogacar gewinnt vor Pedersen und van der Poel. Da würde sich also das Ergebnis der Flandern-Rundfahrt wiederholen.
Ein besonderer Faktor könnte noch das Wetter werden, laut Vorhersage ist Regen auf der langen Strecke nicht ausgeschlossen. Sie sind selber einst eine legendäre Schlamm-Austragung von Roubaix mitgefahren, wie massiv ändert das nochmal das Rennen?
Voigt: Falls es regnet, wird das Rennen physisch etwas leichter, denn es wird langsamer - einfach weil die Fahrer einen Teil ihrer Kraft dazu verwenden müssen, überhaupt auf dem Rad zu bleiben bei dem rutschigen Untergrund. Aber gleichzeitig wird alles sehr viel nervenaufreibender, nervöser und gefährlicher. Und die Verletzungs- und Sturzgefahr ist auch schon bei trockenen Verhältnissen sehr hoch: Hin zum ersten Pflasterabschnitt oder auch Richtung Wald von Arenberg wird gefahren wie sonst in einem Sprintfinale der Tour de France.
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Strecke und Pflaster-Sektoren: Der Kurs des Klassikers
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Das Thema Stürze bringt uns zu John Degenkolb: Wie bitter ist es für ihn, dass er bei seinem Jubiläum zuschauen muss?
Voigt: Für Dege ist das natürlich grausam, er war gut in Form und so motiviert! Er liebt dieses Rennen so sehr, ist ihm als Unterstützer ganz besonders verbunden. Gerade mental ist er für ihn schwierig, das Lieblingsrennen und seinen Jahreshöhepunkt zu verpassen. Wir hoffen jetzt erstmal, dass alle Operationen und die ganze Reha gut laufen. Aber er ist eine Kämpfernatur, ich bin ganz sicher, dass er stark zurückkommt und ich wünsche ihm, dass er sich nächstes Jahr gebührend von Paris - Roubaix verabschieden kann.
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Jubiläum: Degenkolb triumphiert 2015 im Velodrom von Roubaix
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Nils Politt wäre eigentlich wie in den Vorjahren auch immer ein Podiumskandidat in Roubaix, nun aber hat sich sein Kapitän Pogacar doch zum Start dort entschieden. Knirscht der Klassiker-Spezialist da heimlich mit den Zähnen, weil seine eigene Chance dadurch wohl dahin ist?
Voigt: Ich glaube, er hat seine Rolle als Helfer an der Seite von Pogacar sehr gut gefunden und er weiß: Für einen eigenen Sieg müsste viel perfekt laufen. Bei Pogacar wiederum ist das gar nicht nötig, der macht es einfach passend perfekt.
Auf welche Deutschen sollten die Fans dann diesmal achten?
Voigt: Auf das Duo vom Team Jayco, Max Walscheid und Jasha Sütterlin - die sind beide stark wie die Bären und könnten uns viel Freude machen! Die sollte man im Auge behalten, denn die könnten in eine Ausreißergruppe gehen und im Rennen sehr weit kommen. Außerdem, für unsere österreichischen Freunde: Marco Haller - denn der hat in Flandern schon eine tolle Vorstellung gezeigt. Auf keinen Fall vergessen sollte man schließlich Phil Bauhaus, der in seinem Team Co-Kapitän neben dem Slowenen Matej Mohoric sein dürfte: Er ist wohl die beste Chance aus deutscher Sicht.
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Strecke und Pflaster-Sektoren: Der Kurs des Klassikers
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Straßenrennen | HerrenCompiègne → Roubaix / 259.2 km
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M. van der PoelBeendet
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