Tour de France - Remco Evenepoel erklärt Aufgabe bei Frankreich-Rundfahrt in langem Statement: "Ich bin zerbrochen"

Remco Evenepoel (Soudal Quick-Step) hat sich fünf Tage nach seiner Aufgabe bei der Tour de France mit einem langen Statement auf seinem Instagram-Kanal gemeldet. Der Belgier gab dabei intime Einblick in sein Innenleben vor, während und nach der Frankreich-Rundfahrt. Dabei enthüllte der Doppel-Olympiasieger von Paris 2024 Fehler in der Reha nach seinem schweren Unfall im vergangenen Dezember.

Tour-Aus! Evenepoel steigt am Tourmalet vom Rad

Quelle: Eurosport

"Wir dachten, dass ich durch die freie Zeit während der Reha genug Erholung bekommen hätte, aber in Wirklichkeit hatte mein Körper nie eine Pause. Er arbeitete immer noch hart, um von den Brüchen und dem Trauma des Unfalls zu genesen", schrieb der 24-Jährige in dem Statement.
Heute wisse er, dass er zwar nicht zu viel trainiert habe, aber doch ausgelaugt gewesen sei, erklärte der zweimalige Zeitfahr-Weltmeister: "Mir ging die Energie aus, bevor die Tour überhaupt gestartet war."
Trotz dieser Ausgangslage und einer gebrochenen Rippe von einem weiteren Sturz bei den belgischen Meisterschaften habe er nicht vom großen Ziel der Tour ablassen können.
Sei die erste Woche noch gut gelaufen (ein Etappensieg und das Weiße Trikot), hätten danach die Probleme begonnen: "Nach zwölf Tagen bin ich zerbrochen. Alles, was ich mit mir rumtrug, holte mich endlich ein. Aber ich wollte immer noch nicht aufgeben. Ich kämpfte so hart, ich konnte", berichtete Evenepoel mit Blick auf seinen Einbruch auf der zwölften Etappe nach Hautacam, als er 3:35 Minuten auf Dominator Tadej Pogacar (UAE Team Emirates-XRG) verlor.

Evenepoel: "Ich bin zerbrochen"

Die Entscheidung, die Tour aufzugeben, habe er zwei Tage danach getroffen. "Dieser Tag war einer der echtesten und verletzlichsten Momente meiner Karriere", so der Sieger der Vuelta a Espana 2022.
Trotz der Enttäuschung bemühte er sich um eine positive Sichtweise: "Ich bin zerbrochen und komischerweise bin ich stolz darauf. Es braucht Stärke, um zu zeigen, dass Dinge nicht immer so laufen, wie man möchte."
Er habe "gezeigt, dass ich menschlich bin", befand der Superstar, der mit seinen Aussagen hofft, ein positives Zeichen an andere Fahrer zu schicken: "Es ist okay, aufzuhören. Es ist okay, sich müde zu fühlen. Es ist okay, ein Mensch zu sein."
Abschließend bedankte Evenepoel sich bei seinen Fans für die Unterstützung in der schwierigen Zeit und kündigte an, sich zunächst auf seine Erholung und vollständige Genesung konzentrieren zu wollen.

Harte Kritik nach Aufgabe

Insbesondere in den belgischen Medien hatte Evenepoel nach seiner Aufgabe enorme Kritik einstecken müssen. Auch Eurosport-Experte Jan Ullrich hatte Evenepoels Verhalten kurz vor seinem Tour-Aus angemahnt, da der Soudal-Profi sichtlich genervt von dem Kamera-Motorrad gewesen war, das ihn gefilmt hatte, als er bereits hinter den Favoriten zurückgefallen war.
picture

Evenepoels Ärger über TV-Kameras - "Das geht einfach nicht"

Quelle: Eurosport

Das komplette Statement von Remco Evenepoel im Wortlaut:
"Was der Höhepunkt meiner Saison werden sollte, wurde zu einer Enttäuschung. Die Tour de France war mein großes Ziel. Nach meinem Sturz im Dezember hatte alles, was ich gemacht habe, nur einen klaren Zweck: rechtzeitig für Juli fit zu werden. Es war ein Ziel, auf das ich mich fokussieren konnte, aber es hat auch für großen Zeitdruck gesorgt.
Die Winter-Monate, normalerweise die Phase, in der wir eine solide Grundlage für die Saison legen, wurden von Reha und Erholung bestimmt. Ich hatte keine Wahl, als geduldig zu bleiben: ich musste genesen.
Als ich endlich wieder trainieren konnte, bewegte sich alles plötzlich sehr schnell. Es wurde ein ständiges Rennen. Ein Rennen, um rechtzeitig für die Klassiker im April fit zu werden. Ein Rennen, um in die Höhe zu kommen. Ein Rennen, um rechtzeitig für die Tour fit zu werden...
Ich fühlte mich ständig, als würde ich hinterherlaufen. Im Training war ich nie ganz ich selbst: meine üblichen Sinneseindrücke waren nicht da. Aber ich glaubte weiter. Ich wollte meinen Traum nicht aufgeben.
Wir dachten, dass ich durch die freie Zeit während der Reha genug Erholung bekommen hätte, aber in Wirklichkeit hatte mein Körper nie eine Pause. Er arbeitete immer noch hart, um von den Brüchen und dem Trauma des Unfalls zu genesen. Rückblickend war ich nicht übertrainiert, aber ich war definitiv ausgelaugt. Mir ging die Energie aus, bevor die Tour überhaupt gestartet war.
Und dann kurz bevor die Tour losging, kam ein weiterer Sturz. Bei den nationalen Mannschaften brach ich mir erneut eine Rippe. Keine Katastrophe, aber definitiv nicht ideal. Also begann ich das schwerste Rennen der Welt mit einer gebrochenen Rippe und einem müden Körper - nicht die beste Mischung. Aber ich konnte nicht von dem Ziel ablassen, für das ich so hart gekämpft hatte.
Trotz all dem habe ich alles gegeben. Ich konnte eine Etappe gewinnen, das Weiße Trikot über mehrere Tage tragen und im Gesamtklassement oben stehen. Angesichts dessen lief die erste Woche gut, aber der Preis all dieser Mühen zeigte sich in der zweiten Woche. Ich machte weiter, aber tief in mir wusste ich, dass ich nicht auf meinem besten Niveau war - bis mein Körper endlich sagte: 'Genug'.
Nach zwölf Tagen bin ich zerbrochen. Alles, was ich mit mir rum trug, holte mich endlich ein. Aber ich wollte immer noch nicht aufgeben. Ich kämpfte so hart, ich konnte.
Für euch, meine Fans, wollte ich das letzte Bisschen geben, das in mir übrig war. Aber zwei Tage später, fühlte ich mich völlig leer. Das war der Moment, in dem ich entschied, vom Rad zu steigen, und zu allem Überfluss bekam ich die ersten Zeichen einer Infektion. Was als ein leichtes Unwohlsein begann, wurde in den Tagen, die folgten, schnell zu einer vollständigen Nasennebenhöhlenentzündung. Es erwischte mich heftig.
Dieser Tag wurde einer der echtesten und verletzlichsten Momente meiner Karriere. Ich bin zerbrochen und komischerweise bin ich stolz darauf. Es braucht Stärke, um zu zeigen, dass Dinge nicht immer so laufen, wie man möchte. Dass, selbst wenn man etwas zutiefst möchte, dein Körper manchmal andere Pläne hat. Dieser Moment, so schlimm er war, hat gezeigt, dass ich menschlich bin - mit Höhen und Tiefen.
Die Tour zu verlassen, war die schwierigste Entscheidung, die ich seit langem treffen musste, aber es war die Richtige. Zum ersten Mal habe ich wirklich auf meinen Körper gehört und ich hoffe, dass dieser Moment eine Botschaft - besonders an junge Fahrer - schickt:
Es ist okay, aufzuhören. Es ist okay, sich müde zu fühlen. Es ist okay, ein Mensch zu sein.
Manchmal ist es die beste Sache, die du machen kannst, einen Schritt zurückzutreten. Jetzt nehme ich mir die Zeit mich auszuruhen und für eine Weile zu erholen.
Danke euch allen für die Unterstützung. Es bedeuetet mehr, als ihr wisst.
Remco"
picture

Highlights: Spektakel auf Königsetappe – und Lipowitz mittendrin

Quelle: Eurosport


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung