Kitzbühel: Wo sind die Frauen? Warum die Streif eine Männerdomäne ist - das aber im Weltcup nicht bleiben müsste

Startet der Ski-Weltcup in eine neue Saison, haben sich viele Fans einen Termin längst dick und fett im Kalender markiert: Kitzbühel. So auch an diesem Wochenende, wenn in Österreich einmal mehr um prestigeträchtige Siege gekämpft wird. Die gefürchtete Streif sorgt Jahr für Jahr für Furore, sie ist ein Mythos des alpinen Sports - und eine "Männerdomäne". Warum eigentlich?

Kamerafahrt in Kitzbühel: Hautnah dabei auf der Streif

Quelle: Eurosport

Wo sind die Frauen? Es ist eine Frage, die sich Wintersport-Fans zu Recht stellen, wenn der Ski-Zirkus jede Weltcup-Saison zum Klassiker nach Kitzbühel reist.
Auch an diesem Januar-Wochenende ist nämlich alles wie immer. Ob beim Super-G am Freitag oder der Abfahrt am Samstag: Am Hahnenkamm rasen ausschließlich wieder die Männer die berühmt-berüchtigte Piste hinab. Während Marco Odermatt und Co. im Weltcup um Punkte und Prestige ringen, bleibt Skirennfahrerinnen wie Sophia Goggia oder Lara Gut-Behrami traditionell nur eines: die Rolle der Zuschauerinnen.
Zwar gab es in den frühen Jahrzehnten der Rennen in Kitzbühel durchaus auch Anfahrten für Frauen - allerdings auf verkürzten Strecken im Vergleich zu den Männer-Wettbewerben. Doch 1961 endete diese Tradition.
In den 1990ern hätte es fast ein Comeback gegeben, es wurden zwei Abfahrten auf der Streif angesetzt, diesen machten jedoch schlechte Witterungsbedingungen einen Strich durch die Rechnung. "Einmal stand Kitzbühel 1999 im Kalender. Ich hatte meine Karriere extra fortgesetzt, um dort zu fahren - und dann wurde es nichts", erinnerte sich die französische Eurosport-Expertin Florence Masnada, Gesamtsiegerin des Kombinationsweltcups 1991, im Vorfeld der diesjährigen Hahnenkamm-Rennen.

KItzbühel: Streif zu riskant für Frauen?

Seither sind 26 Jahre vergangen, einen absolvierten Frauen-Weltcup hat es nach wie vor nicht gegeben. "Normalerweise wird die Piste immer für die Männer freigehalten", betonte Masnada im Interview und fügte hinzu: "An der Basis ist es sowieso ein Macho-Sport. Alles ist für die Jungs gemacht, und die Mädchen nehmen, was übrigbleibt."
Bei diesem Satz musste die 56-Jährige lachen. Das Thema allerdings bleibt ernst.
Einige Fahrerinnen - darunter die Tschechin Ester Ledecka, Super-G-Olympiasiegern von 2018, und die Slowenin Ilka Stuhec, zweimalige Weltmeisterin in der Abfahrt - hatten den Wunsch geäußert, in Kitzbühel fahren zu wollen. Und Lindsey Vonn tat das bereits.
Obwohl sie damals im Ruhestand war, erfüllte sich der US-amerikanische Superstar im Jahr 2023 einen Kindheitstraum. Bei Nacht raste Vonn die Hahnenkamm-Piste hinunter. "Ich hatte schon immer Respekt vor den Männern, die auf der Streif gefahren sind. Aber jetzt habe ich noch mehr Respekt, weil es eine Sache ist, die Streif zu fahren, und eine andere, auf der Streif zu fahren, um zu gewinnen", sagte die 82-malige Weltcupsiegerin hinterher.
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Alpine Skiing : Lindsey Vonn in Streif

Quelle: Eurosport

Gründe gegen Frauen-Weltcup in Kitzbühel

Woran aber liegt es, dass ein Frauen-Weltcup in Kitzbühel nicht stattfindet? Die Gründe sind vielfältig. Einige sind physischer, andere technischer Natur.
"Die Piste ist extrem schwierig", erklärte Eurosport-Expertin Marie Marchand-Arvier, Super-G-Vizeweltmeisterin von 2009. Insbesondere die Sprünge seien eine Herausforderung.
Viele Skirennläuferinnen würden "nicht gut" springen, so Marchand-Arvier, "weil es sehr wenige Sprünge bei den Frauen-Weltcups gibt. Die Organisatoren und die FIS ziehen es vor, sie zu begrenzen, um das Risiko zu verringern."
Doch in Kitzbühel seien die "enormen" Sprünge laut der 39-Jährigen "grundsätzlich das größte Risiko".
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Highlights aus Kitzbühel: Odermatt bricht im Super-G den Bann

Quelle: Eurosport

Höhere Risikobereitschaft bei Männern?

Hinzu kommt eine psychologische Komponente. "Es gibt einen echten Unterschied zwischen den Abfahrten der Frauen und der Männer", betonte die zweimalige olympische Bronzemedaillengewinnerin Masnada.
Auf der Streif, mit ihrem furchterregenden Gefälle bis zu 85 Prozent, müsse "man ein großartiger Skifahrer sein, aber auch viel Mut haben. Bei den Frauen geht es in der Abfahrt mehr um gute Linienwahl und keine Fehler zu machen."
Bei den Männern hingegen sei die Risikobereitschaft höher. Für die "Art und Weise, wie die Piste für die Jungs präpariert wird", so Masnada, müsse "man 'Cojones' haben".

"Nicht die gleiche Dichte" im Frauen-Weltcup

Trotz dieser Worte der Eurosport-Expertin wären einige der weltbesten Skirennläuferinnen sicherlich in der Lage, den immensen Anforderungen des Hahnenkamms gerecht zu werden. Aber nicht alle - und gerade das schränkt die Aussichten eines Frauen-Weltcups in Kitzbühel ein.
"Es gibt vielleicht zehn Frauen, die gut fahren würden", sagte Masnada. Doch bei der anderen Hälfte des Starterfeldes könnte es auf der Streif "unschöne Bilder" geben und es würde "gefährlich für die körperliche Unversehrtheit".
Laut Masnada gebe es "einen echten Niveauunterschied zwischen dem Frauen- und Männer-Feld. Es ist nicht die gleiche Dichte."
Auch Marchand-Arvier sieht das ähnlich: "Lindsey Vonn, Sofia Goggia, Federica Brignone … die Besten könnten es schaffen. Aber dahinter wäre es eine Katastrophe."
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Lara Gut-Behrami (l.) und Federica Brignone können in Kitzbühel nur zuschauen.

Fotocredit: Getty Images

Frauen in Kitzbühel: "Wieso nicht?"

Um ein Speed-Rennen der Frauen in Kitzbühel realistisch ins Auge fassen zu können, müssten den Expertinnen zufolge also zahlreiche Bedingungen geschaffen werden.
"Man müsste das auf weniger eisiger Piste machen, im März zum Beispiel mit guter Sicht", erläuterte Masnada: "Es würde weniger schnell zugehen, es würde sowieso weniger weit gesprungen, es würde nicht von oben gestartet. In diesem Fall, wenn man ein bisschen mehr dreht, wäre es machbar."
Dem stimmt auch Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg gegenüber Eurosport zu: "Wenn die Strecke nicht so eisig ist, wäre es für die Damen auch möglich. Die Kurssetzung müsste an ein paar Stellen angepasst werden, um Tempo rauszunehmen - ansonsten ist es definitiv machbar. So wie die Piste für die Männer ist, macht es keinen Sinn - denn man möchte ja auch eine gute Show liefern, gutes Skifahren zeigen. Das wäre so jetzt nicht möglich, aber wenn es anders präpariert ist, dann: Wieso nicht?"
Der Mythos Kitzbühel wäre dann allerdings vielleicht nicht mehr derselbe.
"Hat es einen Sinn, Kitz' umzusetzen, wenn man die ersten 30 und die letzten 30 Sekunden der klassischen Strecke nicht fährt?", fragte der französische Eurosport-Experte Johan Clarey, ältester Medaillengewinner der Geschichte bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften.
Die Antwort des 44-Jährigen: Es wäre "eigentlich überhaupt nicht 'Kitz'."

Cortina als Klassiker im Frauen-Weltcup

Mit Blick auf die Einschätzungen der Eurosport-Expertinnen und -Experten ist die Debatte, warum es keinen Kitzbühel-Weltcup der Frauen gibt, eigentlich keine. Die Frage danach stellt sich demnach kaum. Die Streif, so scheint es, bleibt also auch künftig den Skirennfahrern vorbehalten.
"Für mich würde es dem Sport schaden, wenn sie in Kitzbühel unter denselben Bedingungen wie die Männer fahren würden", bilanziert Marchand-Arvier. Die Wettbewerbe wären wohl "nicht schön".
Ex-Rennläuferin Masnada schloss die Diskussion derweil mit dem Fazit, dass die Streif ein "Männer-Rennen" sei: "Sie wollen den Mythos so beibehalten. Dieses 'Das ist für Männer, die Harten, die Stuntmen'."
Schlimm sei dies allerdings nicht, so Masnada: "Wir Frauen haben auch nicht die gleichen Qualitäten. Eine Piste wie Cortina, das ist unser Klassiker - und ein Frauen-Klassiker ist auch gut."
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Highlights: Goggia und Brignone lassen Fans in Cortina feiern

Quelle: Eurosport


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