Mikaela Shiffrin exklusiv über mentale Hürden im Riesenslalom nach Sturz: "Am Ende weine ich und weiß nicht mal, warum"

Mikaela Shiffrin hat ihren persönlichen Auftakt bei der Ski-WM in Saalbach mit einer Goldmedaille veredelt. In der Team-Kombination gewann sie gemeinsam mit Abfahrts-Weltmeisterin Breezy Johnson. Zuvor sagte sie eine Teilnahme im Riesenslalom ab. Im Exklusiv-Interview mit Eurosport-Expertin Viktoria Rebensburg erklärte sie ihre Entscheidung und gab Einblicke in den Weg zurück von ihrer Verletzung.

Shiffrin: Kombi-Gold "ein besonderer Moment nach harten Monaten"

Quelle: Eurosport

Shiffrin kam, sah und siegte in Saalbach. In der Team-Kombination fuhr sie von Platz vier nach Vorlage von Johnson noch ganz nach vorne. Die US-Amerikanerin ist wieder da - in ihrem zweiten Rennen nach Rang zehn im Slalom von Courchevel. "Es war ein brillanter Tag und ein wenig unerwartet", sagte sie im exklusiven Interview mit Eurosport-Expertin Rebensburg.
Beim Riesenslalom in Killington (Vermont) stürzte Shiffrin auf dem Weg zu ihrem 100. Weltcupsieg Ende November vergangenen Jahres schwer. Eine tiefe Stichverletzung am Bauch sorgte monatelang für Beschwerden und Komplikationen. Ist nach dem Comeback-Gold alles wieder gut?
Wohl nicht. Noch vor der Kombination gab die 29-Jährige bekannt, dass sie nicht am Riesenslalom bei der WM teilnehmen wird. Im Interview erklärte sie, dass sie noch nicht dafür bereit ist: "Ich habe noch immer Probleme, wenn wir unter Rennbedingungen trainieren, also auf härterem Schnee", sagte sie. "Ich weiß noch nicht einmal, dass ich Angst habe, aber ich kann die Bewegungen nicht durchführen, um einen schnellen Riesenslalom-Schwung zu machen."
Obwohl Shiffrin damit "nur" in zwei Disziplinen starten wird, ist sie begeistert, überhaupt dabei zu sein: "Es bedeutet mir so viel. Jeder kommt in Topform hier an und will um Medaillen kämpfen. Das ist das Schöne an diesen Großveranstaltungen, jeder gibt alles in seiner bestmöglichen Form."
  • Die alpine ski-wm 2025 in saalbach live und auf abruf auf discovery+
Das ganze Interview mit Mikaela Shiffrin, geführt von Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg:
Was für ein Auftakt in diese Ski-WM für Dich – mit einer Goldmedaille.
Mikaela Shiffrin: Es war ein brillanter Tag und ein wenig unerwartet. Es waren herausfordernde Wochen und Monate für mich. Mit Breezy da rauszugehen und zusammen die Goldmedaille zu gewinnen, das war ein sehr besonderer Moment.
15 Medaillen bei alpinen Ski-Weltmeisterschaften. Was bedeutet Dir der Rekord?
Shiffrin: Über den Rekord wurde schon in Méribel gesprochen, also wusste ich darüber Bescheid. Aber ich konnte hier überhaupt keinen Gedanken daran verschwenden, weil ich mich gar nicht in der Lage gefühlt habe, um die Medaillen mitzukämpfen. Ich erhole mich immer noch von meinen Verletzungen, das ist ein komisches Gefühl - alle anderen sind hier, um Medaillen zu gewinnen und ich weiß nicht mal, ob ich gut genug bin, um hier zu sein. Darum kann ich zu diesem Rekord überhaupt nichts sagen im Moment.
picture

Johnson legt vor, Shiffrin vollendet: US-Gold in der Team-Kombi

Quelle: Eurosport

Du hast in den vergangenen Monaten mit der Verletzung eine Menge durchmachen müssen. Das muss eine echte Achterbahnfahrt für Dich gewesen sein.
Shiffrin: Es war eine merkwürdige Blessur. Wenn man von Knieverletzungen, oder Knochenbrüchen oder auch Rückenverletzungen hört, dann kann man die Schwere einschätzen. Bei mir wusste das keiner, auch wir nicht. Die ersten drei Wochen konnte ich nicht gerade sitzen, weil mein Bauchmuskel auf der Seite gar nicht funktioniert hat. Ich musste erst einmal wieder normal laufen, ohne auf die Seite zu kippen. Und der Schmerz war der Schlimmste, den ich je gefühlt habe. Wegen dieser komischen Stichverletzung, es war schwer zu verstehen. Es war ein langer Weg, um überhaupt zurück ins Starthaus zu kommen.
picture

Mikaela Shiffrin gibt sich im Eurosport-Interview bei der Ski-WM in Saalbach reflektiert und nachdenklich

Fotocredit: Eurosport

Du hast angekündigt, dass Du nicht im Riesenslalom an den Start gehen wirst. Was fehlt Dir noch, um auch dort zurückzukommen?
Shiffrin: Mir fehlte einfach die Zeit. Wir haben innerhalb des Teams alles versucht, um so schnell wie möglich zurückkommen. Eigentlich zu schnell, wenn man nach Lehrbuch vorgehen würde. Wir waren vorsichtig, haben auf alle Details geachtet, ich habe aktuell keine Schmerzen und bin physisch stark, darum war es möglich. Aber es fehlt die Zeit auf dem Schnee und die Möglichkeit, verschiedene Kurssetzungen und Bedingungen zu trainieren, um auf Renn-Speed zu kommen. Dazu kommt die mentale Komponente, mit dieser Geschwindigkeit umzugehen. Ich habe noch immer Probleme, wenn wir unter Rennbedingungen trainieren, also auf härterem Schnee.
Ich weiß noch nicht einmal, ob ich Angst habe, aber ich kann die Bewegungen nicht durchführen, um einen schnellen Riesenslalom-Schwung auszuführen. Am Ende des Trainings weine ich und weiß nicht einmal, warum. Das sind einfach mentale Schläge, darum muss ich mich Schritt für Schritt weiter heranführen. Es wird wiederkommen, aber man darf es nicht erzwingen.
Werden wir Dich den Rest der Saison über nur noch im Slalom sehen?
Shiffrin: Das Problem ist folgendes: So wie die Startlisten erstellt werden, muss ich Riesenslalom im Weltcup fahren und gut genug sein, um mir eine gute Startnummer zu sichern, auch im Hinblick auf die nächste Saison. Das Gefühl im Moment ist: Ich bin nicht bereit, aber ich muss es sein.
Was bedeutet es Dir, nach dieser Verletzung bei der WM zu starten?
Shiffrin: Es bedeutet mir so viel. Jeder kommt in Topform hier an und will um Medaillen kämpfen. Das ist das Schöne an diesen Großveranstaltungen, jeder gibt alles in seiner bestmöglichen Form. Bei mir ist es anders und ich kämpfe mit der Erwartungshaltung von außen und der aktuellen Realität, wo ich stehe. Die Team-Kombination war ein Riesenschritt für mich. Es war ein richtiger Rennstart und ich konnte einige gute Schwünge zeigen, aber es gibt noch viel zu verbessern.
Die Leistungsdichte im Slalom ist so groß, dass ich mit ein paar guten Schwüngen nicht aufs Podium fahren könnte. Aber es war viel Gutes dabei, auf dem ich aufbauen kann. Um den Slalom zu gewinnen, muss ich meine Topleistung abrufen, und ich weiß noch nicht, ob ich das kann.
Wie schätzt Du den Slalom-Hang ein - Du konntest Dir heute ja schon ein Bild machen?
Shiffrin: Es ist ein guter Hang, sehr herausfordernd. Es ist fast die ganze Zeit über steil und es gibt eine Traverse, die einige Fahrerinnen heute unvorbereitet getroffen hat. Man muss die Geschwindigkeit managen und kraftvolle Schwünge ziehen, denn wenn man den Fuß vom Gas nimmt, dann werden andere schneller sein. Es ist ein perfekter WM-Kurs.
Was ist das Geheimnis für den Erfolg im US-Team?
Shiffrin: Ich weiß nicht, ob es ein Geheimnis in der Form gibt. Es kommen sicher viele Faktoren zusammen. Jeder meiner Teamkolleginnen hat im Laufe ihrer Karriere extrem viel durchgestanden. Breezy musste sich durch Verletzungen kämpfen und durch das sehr herausfordernde letzte Jahr, als sie keine Wettkämpfe bestreiten konnte (Johnson saß eine Doping-Sperre ab, Anm. d. Red.). Sie musste dich durchkämpfen und so geht es allen meinen Kolleginnen. Ich glaube, dass diese Großereignisse oft das letzte Quäntchen Inspiration aus uns herausholen und wir wissen, dass wir jetzt auch das Prozent oben drauf noch geben müssen. Es ist toll zu sehen, dass das bei dieser WM so gut aufgeht.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung