Mikaela Shiffrin im Talk mit Marco Odermatt über das Geheimnis des Erfolges: "Wenn nicht mal wir es erklären können ..."
Mikaela Shiffrin und Marco Odermatt sind die besten Ski-Profis der Gegenwart, darüber besteht Konsens in der Szene. Zusammen bringt es das Duo auf elf Gesamtweltcups, elf WM-Titel und 164 Siege in Weltcuprennen. Die Dominanz ist teils furchterregend für die Konkurrenz - und doch fällt es sowohl Shiffrin als auch Odermatt schwer, den wichtigsten Faktor des Erfolgs in Worte zu fassen, zu erklären.
Odermatt blickt auf Olympia zurück: "Ein kleines Aber ist dabei"
Quelle: Eurosport
Die beiden großen Kristallkugeln stehen nebeneinander auf dem Tisch. Mikaela Shiffrin und Marco Odermatt sitzen entspannt da, es entwickelt sich ein hoch interessanter Austausch im Podcast "Alpine Pulse" des Internationalen Skiverbandes (FIS). Moderator Nick Fellows, der über mehr als zwei Jahrzehnte Skirennen für Eurosport UK kommentierte und im Januar 2024 zur FIS wechselte, muss nicht viel sagen, das Gespräch wird quasi zum Selbstläufer.
Als es darum geht, den Grund für die vielen Erfolge und Rekorde auf den Punkt zu bringen, den Unterschied zwischen einem guten und einem herausragenden Profi herauszuarbeiten, wird es schwierig. "Wenn nicht einmal wir beide es erklären können, wie soll man es dann herausfinden. Wie kann man es weitergeben oder jemandem beibringen", sagt Odermatt.
Fest stehe aber, dass es um "mentale Stärke" gehe. Shiffrin stimmt zu. "Die Fähigkeit, sich bei herausfordernden Bedingungen zu fokussieren", sei elementar. Dennoch könne sie keinen einzelnen Faktor benennen, der alle Topleute verbinde. "Gibt es auf diese Frage überhaupt eine Antwort?", fragt Shiffrin. Und: "Was bedeutet mentale Stärke wirklich?"
Aus Sicht von Odermatt liegt der Schlüssel darin, "die mehr oder weniger beste Leistung dann abzurufen, wenn es zählt. Es gibt so viele andere Athleten, die im Training schneller sind als ich, die mich schlagen", führt der Schweizer aus. Nichtsdestotrotz seien in den Rennen "meist dieselben vorne", es gebe relativ wenige Ausnahmen.
Odermatt gibt zu: "Da war ich bei Olympia am meisten angepisst"
Odermatt stellte seine herausragende psychische Stärke sowie sein Selbstverständnis neben seinen technischen Fähigkeiten in den letzten Jahren im alpinen Weltcup-Zirkus wie kaum ein anderer kontinuierlich unter Beweis. Der 28-Jährige holte in den vergangenen drei Jahren stets die kleinen Kugeln in Abfahrt und Super-G, dazu die große Kristallkugel im Gesamtweltcup. Die Tatsache, dass es bei Olympia 2026 "nur" zu zweimal Silber (Riesenslalom, Team-Kombination) und einer Bronzemedaille (Super-G) gereicht hat, während Teamkollege Franjo von Allmen dreimal Gold abräumte, rief ein entsprechend massives Medienecho hervor.
Odermatt selbst ärgert sich vor allem über seine Leistung im Super-G. Das Ziel war Gold, nachdem er zuvor in der Abfahrt auf dem undankbaren vierten Platz gelandet war. Es wurde Bronze. "Es war wieder ein Lauf, der nicht perfekt war. Da war ich dann bei Olympia am meisten angepisst", gibt der Schweizer unumwunden zu.
Es nervt aber, wenn die Leute das für selbstverständlich halten und denken, es sei leicht.
Die öffentliche Erwartungshaltung und die damit verbundene Unsitte, lediglich Siege als echten Erfolg anzuerkennen, kennt Shiffrin nur allzu gut - und ist frustriert darüber. Die Wahrnehmung, dass ihr das Gewinnen "leicht" falle, mache sie "wütend". Die Erwartungen seien natürlich hoch, wenn man viele Rennen für sich entscheide und den Standard nach oben schraube. "Es nervt aber, wenn die Leute das für selbstverständlich halten und denken, es sei leicht", so die US-Amerikanerin, die mit 110 Weltcup-Siegen die erfolgreichste Athletin der Alpin-Geschichte ist.
Shiffrin: "Du musst das Buch immer neu schreiben"
Odermatt, der bei 54 Siegen steht, sieht es ähnlich. "Jedes Rennen geht bei Null los. Der Schnee ist anders, die Kurssetzung ebenfalls. Selbst wenn du den Wettbewerb der Vorwoche mit zwei Sekunden Vorsprung gewonnen hast, hilft dir das nicht so viel. Du nimmst das Selbstvertrauen mit, klar - aber sonst steht alles wieder auf Anfang". Man müsse "das Buch immer neu schreiben", ergänzt Shiffrin.
Das gelang der 31-Jährigen bei den Winterspielen von Cortina - in ihrer Paradedisziplin, dem Slalom. "Ich hätte nicht diesen Druck auf meinen Schultern spüren wollen", sagt Odermatt und spielt damit auf die Vorgeschichte an. 2014 holte Shiffrin Slalom-Gold, 2018 wurde sie dann Vierte, 2022 schied sie aus. In Italien aber hielten die Nerven.
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Überlegen zu Gold! Ski-Königin Shiffrin besiegt Olympia-Fluch
Quelle: Eurosport
"Ich stand im Starthaus des zweiten Laufs im Slalom und konnte mein Team und meine Familie hinter mir spüren", blickt Shiffrin zurück. Sie sei "zwar sehr besorgt gewesen, dass ich es nicht ins Ziel schaffe oder Fehler mache - aber ich war nicht verängstigt". Dieses Gefühl habe sie ohnehin "noch nie in der Karriere" verspürt. Letztlich triumphierte die Ski-Ikone mit einem satten Vorsprung von 1,50 Sekunden, es war einer der größten Momente der Laufbahn.
Odermatt: "Mein einziger Traum, den ich jemals hatte"
Odermatt wiederum überrascht Shiffrin mit einem seiner prägendsten Erlebnisse auf der Piste. Er habe "nie von Goldmedaillen oder Kristallkugeln" geträumt, wohl aber von Adelboden.
"Mein einziger Traum, den ich jemals hatte, war dort zu starten", stellt der Ausnahmesportler aus dem Kanton Nidwalden klar. Am 8. Januar 2022 übertraf Odermatt schließlich seine kühnsten Träume. "Ich habe so viel Druck gespürt, dass ich auf dem Weg zum Start beider Läufe im Sessellift geweint habe", berichtet der 28-Jährige.
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Ski-Legenden unter sich: Marco Odermatt im Gespräch mit Mikaela Shiffrin
Fotocredit: Eurosport
Emotionen, die er für sich zu nutzen wusste. Odermatt ging als Führender in den Final-Durchgang - und gewann das Rennen. "Das war ein großer Moment für mich, in meiner Karriere so etwas zu erfahren und damit umzugehen", erzählt der dreimalige Weltmeister und Riesenslalom-Olympiasieger von 2022.
Die Streif - das letzte große Ziel für Odermatt
Bleibt noch die Streif-Frage, die Shiffrin ihrem Kollegen prompt stellt. "Wie wichtig ist Kitzbühel in deinem Kopf?" Die Antwort kommt schnell: "Das ist das letzte große Ziel in meiner Karriere." Den Super-G auf der wohl berühmtesten Piste der Welt hat der Schweizer bereits zweimal (2025, 2026) für sich entschieden.
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Krimi um Abfahrtssieg: Odermatt fehlen Hundertstel auf der Streif
Quelle: Eurosport
In der Königsdisziplin, der Abfahrt, rauschte Odermatt indes am Sieg vorbei - wie in diesem Winter, als er sich mit nur sieben Hundertstelsekunden dem Italiener Giovanni Franzoni geschlagen geben musste.
Letztlich aber hat sich der Superstar eine gewisse Lockerheit bewahrt. Trotz aller Erwartungen und des medialen Drucks fahre er in erster Linie für sich selbst und sein Team. "Die Schweizer sind so fanatisch, sie schauen auch zu, wenn ich mal nicht so schnell bin", so Odermatt. "Und wenn ich mal ausscheide, gewinnt einfach der Franjo."
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Shiffrin adelt Aicher: "Ich bin so inspiriert von ihr"
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