Anton Grammel im Interview vor Weltcup-Auftakt in Sölden: "Wusste nicht, ob ich ein One-Hit-Wonder war"

Anton Grammel startete in der vergangenen Saison so richtig durch. Der Riesenslalom-Spezialist fuhr im Weltcup mehrmals in die Top 15 und überzeugte bei der WM in Saalbach mit Rang zwölf in seiner Paradedisziplin. Im exklusiven Eurosport-Interview spricht der 27-Jährige über gestiegene Erwartungen, den Unterschied zu den Topstars und ein tiefes Tal, das er als Profisportler durchschreiten musste.

Grammel über schwierige Phase: "Bekam Pistole auf Brust gesetzt"

Quelle: Eurosport

In der Saison 2024/25 platzte bei Anton Grammel der Knoten. Viermal kam er im Weltcup in die Top 15 und wurde beim WM-Riesenslalom Zwölfter mit Bestzeit im zweiten Durchgang.
Dabei hat der Schwabe auch die Schattenseiten des Profisports kennengelernt. Ein Jahr lang musste er sich selbst finanzieren.
In der am kommenden Wochenende in Sölden (live auf Eurosport und discovery+) startenden neuen Saison will Grammel den nächsten Schritt machen und peilt im Riesenslalom Podestplätze an.
Im Interview mit Eurosport.de schildert Grammel die Faszination, aber auch die Anstrengungen im Leben als Skirennläufer.
Am Wochenende geht es wieder los - Weltcup-Auftakt in Sölden: Wie lief der Sommer, wie lief die Vorbereitung?
Anton Grammel: Ich hatte nach der Deutschen Meisterschaft (Anfang April d. Red.) nur eine Woche Pause und habe dann wieder mit Konditionstraining angefangen. Mein Ziel war, körperlich stärker zu werden, denn das war in den letzten Jahren meine Baustelle. Es hat sehr gut funktioniert, ich habe über den Sommer fast zehn Kilo zugenommen. Im Trainingslager in Argentinien habe ich dann nicht lange gebraucht, um wieder ein gutes Gefühl auf Skiern zu bekommen. Insgesamt war es eine sehr gute Vorbereitung, ich war in den Trainings bei der Musik dabei. Das ist beruhigend, da ich nach der guten Saison nicht wusste, ob ich daran anknüpfen kann oder ob es eher ein 'One-Hit-Wonder' war.
Mikaela Shiffrin verriet bei Eurosport, dass sie vor dem Auftakt in Sölden immer nervös ist. Was macht die Faszination Sölden aus?
Grammel: Wir sind alle monatelang raus aus dem Renngeschäft. Dadurch ergibt sich eine gewisse Nervosität. Wie war unser Training, wo stehen wir? War es sinnvoll, nach Argentinien zu fliegen und nicht nach Neuseeland? Hatten andere Nationen bessere Bedingungen? Es gibt viele Fragezeichen und wir bekommen erst am Renntag die Antworten.
Zwölfter im WM-Riesenslalom mit Bestzeit im zweiten Lauf, mehrere Top-15-Platzierungen - in der zweiten Hälfte der letzten Saison ist bei Ihnen der Knoten geplatzt. Wie erklären Sie sich das?
Grammel: Ich hatte immer wieder Lichtblicke im Training, auch im internationalen Vergleich mit Weltklassefahrern. Aber das war sehr inkonstant und es musste alles zusammenpassen: Hang, Material, Schneeverhältnisse. Vor Beginn der letzten Saison war ich erstmals konstant vorne dabei - unabhängig von den Bedingungen. Das war ein Mix aus verschiedenen Sachen: Ein neuer Trainer hat sehr guten Input geliefert. Ich habe etwas an Schuh und Ski verändert, das mir geholfen hat. Zudem hat sich bei mir privat etwas getan. Ich bin mit meiner Freundin zusammengezogen - das hat mir viel Stabilität verliehen. Leider konnte ich das in den ersten Rennen gar nicht zeigen, was sehr frustrierend war. Mit dem elften Platz in Alta Badia ist dann der ganze Druck abgefallen.
Die Ansprüche sind dieses Jahr natürlich anders. Es wird für mich jetzt ein ganz anderer Sport. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit Startnummer 20 fährt oder mit Nummer 60.
Sie haben bewiesen, dass Sie mit den Besten, auch mit einem Marco Odermatt mitfahren können, sind andererseits aber der Musik hinterhergefahren. Wie erklären Sie sich diese Leistungsunterschiede?
Grammel: Das ist sehr viel Kopfsache. Man muss von dem Moment an, wenn man aus dem Starthaus rausfährt, zu 100 Prozent bereit sein. Ich habe früher oft verkrampft im Rennen und konnte das, was ich im Training gezeigt habe, nicht bringen. Nervosität und Erwartungsdruck blockieren. Das macht die Superstars aus: Die sind vom Kopf her so gefestigt und haben einfach die Überzeugung, dass im Rennen nichts anders laufen wird als im Training. Ein Henrik Kristoffersen kann sich im Wettkampf noch steigern, weil er sich so heiß macht. Im Training gibt es keine großen Niveau-Unterschiede, aber im Rennen zeigt sich, wer cool ist und wer Nervenflattern bekommt.
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Grammel exklusiv zum Saisonstart: "Bin bei der Musik dabei"

Quelle: Eurosport

Spüren Sie einen erhöhten Erwartungsdruck nach der guten vergangenen Saison?
Grammel: Ich weiß nicht, ob es Druck von außen gibt, ich spüre ihn jedenfalls nicht (lacht). Den Druck mache ich mir - wenn dann - selber. Die Ansprüche sind dieses Jahr natürlich anders. Es wird für mich jetzt ein ganz anderer Sport. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit Startnummer 20 fährt oder mit Nummer 60. Ich mache mir keinen Druck dahingehend, dass es mich blockiert. Ich freue mich einfach, dass mir der Schritt nach vorne gelungen ist und ich mich noch weiter nach vorne orientieren kann. Ich muss nicht mehr um Qualifikationen bangen, sondern kann mir Ergebnisse als Ziel setzen.
Ich hatte vor drei, vier Jahren einen Ergänzungskader-Status im DSV, war aber in keiner Trainingsgruppe. Das war sehr enttäuschend, denn Skifahren ist das Größte für mich, mein Ein und Alles. Natürlich bekommt man da Existenzangst.
Sie haben auch schwierige Zeiten als Rennfahrer hinter sich und wurden zwischenzeitlich vom DSV aussortiert. Wie haben Sie dieses Tal durchschritten?
Grammel: Ich hatte vor drei, vier Jahren einen Ergänzungskader-Status im DSV, war aber in keiner Trainingsgruppe. Das war sehr enttäuschend, denn Skifahren ist das Größte für mich, mein Ein und Alles. Natürlich bekommt man da Existenzangst. Für mich war aber gleich klar: Ich gebe nicht auf, ich werde alles in meiner Macht Stehende probieren, um mir meinen Traum und meine Ziele zu erfüllen. Ich habe mich dann dem Global Racing Team angeschlossen. Ein Team, das gebildet wird aus Fahrern aus exotischen Ländern und Rennläufern, die sich in ihre nationalen Kader zurückkämpfen wollen. Wir waren Einzelkämpfer.
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Die Hoffnungen des DSV ruhen auf dem 27-jährigen Anton Grammel

Fotocredit: Getty Images

Man musste Verantwortung übernehmen, sich selbst um An- und Abreise und das Material kümmern. Im Verband ist alles super strukturiert und man wird sehr behütet. Es wird einem viel abgenommen. Mir hat es geholfen, dass ich die Pistole auf die Brust gesetzt bekam und ich meinen eigenen Weg finden musste. Das hat mich in meiner persönlichen Entwicklung vorangebracht. Mein großes Glück war, dass mich der Verband trotzdem noch auf den Ergänzungskader-Status gesetzt hat und ich meinen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr behalten konnte.
Ohne das wäre das Ganze nicht finanzierbar gewesen. Ich hatte die Jahre davor relativ sparsam gelebt, meine Ersparnisse aber in dem einen Jahr aufgebraucht. Für ein zweites hätte es nicht mehr gereicht. Der Sport ist sehr teuer und brutal exklusiv mittlerweile.
Man kann Olympische Spiele nicht ausblenden, sie sind natürlich im Hinterkopf. Aber ich habe erstmal andere Prioritäten.
Als Skifahrer sind sie generell Einzelkämpfer, vertreten aber Deutschland als Teammitglied des DSV. Wie läuft die Zusammenarbeit unter den Fahrern?
Grammel: Die letzte Saison war eine entscheidende. Mit Alexander Schmid hat sich unser Aushängeschild im Riesenslalom früh verletzt. Dadurch ist ein Loch entstanden und es stellte sich die Frage, ob es überhaupt noch einen deutschen Fahrer gibt, der die zweiten Durchgänge erreicht. Fabian Gratz, Jonas Stockinger und ich haben das gut aufgefangen, weil jeder einzelne von uns einen großen Schritt nach vorne gemacht hat.
Das war auch der Verdienst des neuen Trainers (Mike Pilarski, d. Red.), der frischen Wind reingebracht hat. Unsere guten Ergebnisse brachte Dynamik ins Team. Missgunst gibt es bei uns nicht, wir freuen uns füreinander und pushen uns gegenseitig. Wir haben jetzt auch international ein ganz anderes Standing, sind mit vier Läufern unter den Top 30 im Weltcup. Das gab es im Riesenslalom beim DSV schon lange nicht mehr. Selbst zu Zeiten von Felix Neureuther, Fritz Dopfer und Stefan Luitz waren es nur drei Läufer.
Welche Ziele haben Sie sich für die anstehende Olympia-Saison gesetzt?
Grammel: Man kann Olympische Spiele nicht ausblenden, sie sind natürlich im Hinterkopf. Es ist das Highlight dieser Saison und kommt nur alle vier Jahre vor. Aber ich habe erstmal andere Prioritäten. Im Riesenslalom möchte ich mich in der Startliste in die Top 15 vorarbeiten und so konkurrenzfähig werden, dass ich um Podestplätze mitfahren kann. Ich möchte mich insgesamt breiter aufstellen und auch Super-G-Rennen fahren.
In dem Bereich kann ich noch schwer einschätzen, wie konkurrenzfähig ich bin. Ich fühle mich auf steileren, drehenderen Strecken, die mehr Richtung Riesenslalom gehen, wohler. Da hätte ich eher die Chance, mich erstmal intern für einen Startplatz im Weltcup zu qualifizieren.
Der Weltcup-Auftakt in Sölden am 25. und 26. Oktober live bei discovery+ und Eurosport.
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Grammel exklusiv: Das ist der Unterschied zu Odermatt

Quelle: Eurosport


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