Kamil Stoch schlug sich gegen die Stirn und sprintete zurück in den Auslauf der Paul-Außerleitner-Schanze.
Die schwere Goldadler-Trophäe für seinen dritten Triumph bei der Vierschanzentournee hatte sich Polens Skisprung-Volksheld zwar unter den Arm geklemmt, den an der Bande geparkten Kristallpokal für den Tagessieg in Bischofshofen aber glatt vergessen. Bei so vielen Erfolgen kann man eben schon mal den Überblick verlieren.
"Dieser Augenblick ist so großartig. Ich verspüre nur Dankbarkeit", sagte der 33-Jährige überwältigt, und wenn selbst ein Denkmal innerer Ruhe wie Stoch um Fassung ringen muss, verdeutlicht das die ganze Tragweite dieses Erfolges. Der Stoch endgültig zu einem der Allergrößten dieser Sportart macht.
Bischofshofen
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"Ach, ich versuche einfach, mich jeden Tag zu verbessern", sagte Stoch. Vergleiche, die ihn auf eine Stufe mit einem Matti Nykänen, einem Jens Weißflog stellen, tat er leicht verlegen ab. "Es ist doch eher so", sagte er: "Jeder Titel, jede Medaille ist eine Entschädigung dafür, dass ich nicht bei meiner Familie sein kann."

Geiger über Stoch: "Schätze ihn sehr"

Diese Stoch-Art, dieses Unprätenziöse und Uneitle, ist es, was den Grandseigneur der Schanzen auch unter seinen ärgsten Rivalen so beliebt macht. "Ich schätze ihn extrem als Menschen", sagte der Tourneezweite Karl Geiger: "Er ist so herzlich, so bodenständig. Von ihm kann man sich viel abschauen." Und auch Weltmeister Markus Eisenbichler zog den Hut: "Ich gönne ihm das sehr, weil er ein so herzensguter Mensch ist."

"Verneigung vor König Kamil!" Der Spielfilm zum Showdown in Bischofshofen

Stoch, der dreimalige Olympiasieger, der in Sachen Popularität in seiner Heimat nur noch von Weltfußballer Robert Lewandowski übertroffen wird, gewann noch einmal an Profil. Denn eigentlich war diese Tournee für ihn schon vor dem ersten Springen verloren, als das gesamte polnische Team in Oberstdorf nach dem positiven Coronatest bei Klemens Muranka in Quarantäne gehen musste und vom Auftaktspringen ausgeschlossen wurde.
Der polnische Boulevard tobte, Fans und Politik zürnten. Und Stoch? Von ihm kam kein böses Wort in Richtung Organisatoren. Erst ganz am Ende in Bischofshofen ließ er durchblicken, wie sehr ihn diese Tage doch angefasst hatten. "Das Wichtigste für mich ist, die Möglichkeit zu haben, zu gewinnen. Als uns das jemand wegnehmen wollte, war es eine riesige Enttäuschung", sagte Stoch: "Ich bin den Trainern und dem ganzen Team so dankbar, dass sie so hart auch für mich gekämpft haben. Ich bin froh, dass ich etwas zurückgeben konnte."

Die Lehren der Tournee: "Kamil springt wie eine Maschine"

Horngacher: "Kamil ist ein Ausnahmespringer"

Mit ihm, in dessen Karriere auch im reifen Alter kein Ende in Sicht ist, freute sich Stefan Horngacher. Auch wenn der "Stef" längst deutscher Bundestrainer ist, die gemeinsame Zeit zuletzt von 2016 bis 2019 prägte beide doch nachhaltig.
"Kamil ist ein Ausnahme-Skispringer", sagte Horngacher, der den damals kriselnden Doppel-Olympiasieger von Sotschi wieder flott machte und gleichsam die Grundlagen für den polnischen Erfolg von heute legte - bei der Tournee 2020/21 landeten vier Polen unter den Top Sechs.
"Irgendjemand hat vielleicht da drüben mal ein ganz gutes System aufgebaut", sagte Horngacher in Bischofshofen verschmitzt lächelnd, "und mittlerweile haben sie das noch verfeinert. Und Kamil zeigt, wo es langt geht, er ist der Vorspringer."
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