Karl Geiger war zufrieden, Bundestrainer Stefan Horngacher so halb, Markus Eisenbichler nahm's mit Galgenhumor: Die 69. Vierschanzentournee hat beim Deutschen Ski-Verband gemischte Gefühle hinterlassen.

Zwar sprang Geiger beim abschließenden Springen in Bischofshofen noch auf Gesamtrang zwei nach vorne und machte damit die sechste Podestplatzierung eines DSV-Springers in den letzten sechs Jahren klar.

Bischofshofen
Nur Platz 35: Eisenbichler erlebt Debakel in Bischofshofen
06/01/2021 AM 19:51

Das große Ziel verpassten Geiger und Eisenbichler aber erneut: den Tourneesieg.

Im Fall von Eisenbichler sogar deutlich: Der Siegsdorfer, als zweifacher Weltcupsieger 2020/21 und Gesamtweltcup-Zweiter zur Tournee gereist, hatte vor dem Start in Oberstdorf noch angriffslustig gesagt, er könne den bis dahin dominierenden Halvor Egner Granerud schlagen, wenn er nur seine Sprünge gut runterbringe.

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Eisenbichler enttäuscht mit Platz 16

Unterm Strich brachte der 29-Jährige bei der Tournee aber nicht mal einen Podestplatz zustande.

Nach Platz fünf in Oberstdorf, Platz sieben in Garmisch-Partenkirchen und Rang sechs am deutschen Schicksalsberg in Innsbruck schmierte Eisenbichler in Bischofshofen vollkommen ab, verpasste mit einem Hüpfer auf nur 120,5 Meter den zweiten Durchgang.

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"Es war einfach ein beschissener Sprung", meinte Eisenbichler bei Eurosport. "Total schlecht. Ich war nicht so entspannt, wie ich es sein wollte. Ich bin auf der Suche nach der Sprungform. Ich kann aber auch schon wieder drüber lachen, weil: Wenn ich so einen Blödsinn mache, dann gehört's mir auch nicht anders."

In der Gesamtwertung wurde der amtierende Weltmeister auf der Großschanze so noch von Platz fünf auf 16 durchgereicht und verlor auch im Gesamtweltcup weiter an Boden auf Granerud.

Eisenbichler ehrlich: "Beschissener Sprung"

"Man leidet mit. Es ist manchmal zum Mäusemelken", sagte Geiger.

Bundestrainer Horngacher erschöpft

"Markus ist voll auf Angriff gesprungen, und es ist in die Hose gegangen. Aber es ist mir lieber so, als wenn er lauwarm über die Schanze fährt", analysierte indes Bundestrainer Stefan Horngacher.

Die Tournee habe ihm schon "ein paar Jahre meines Lebens geraubt", fügte der 51-Jährige hinzu, "es ist schon anstrengend."

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Vor allem, wenn ihm am Ende sogar ein ehemaliger Schützling die lange Nase dreht: Kamil Stoch. Der polnische Altmeister distanzierte Geiger am Ende um 41,8 Punkte, was knapp 27 Metern entspricht – Welten im Skispringen.

"Stoch in der Form ist unschlagbar", musste der ehemalige polnische Cheftrainer Horngacher anerkennen und gab sich deshalb auch mit Geigers zweitem Platz zufrieden: "Wir springen hier mit den besten Skispringern der Welt und sind die zweitbesten bei dieser Vierschanzentournee. Wir können uns schon darüber freuen."

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Geiger über Ende "megaglücklich"

Dass Geiger auf dem Podest stand, war nach dessen Corona-Erkrankung unmittelbar vor der Tournee auch nicht wirklich zu erwarten gewesen und darf deshalb als Erfolg verbucht werden.

"Ich bin froh, dass ich alles rausholen konnte, was noch drin ist. Ich bin megaglücklich und echt froh, dass ich das heute hinbekommen habe", sagte Geiger, der nach dem Sieg in Oberstdorf und einer Aufholjagd auf Platz fünf in Garmisch mit Rang 16 in Innsbruck alle Chancen auf den Tourneesieg verspielt hatte. Platz drei in Bischofshofen war ein starker, versöhnlicher Abschluss.

"Der stabilste deutsche Springer ist belohnt worden", sagte Eurosport-Experte und Ex-DSV-Cheftrainer Werner Schuster: "Geiger war letzte Saison Dritter, jetzt Zweiter – mal schauen, ob er diese Serie fortsetzen kann."

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Vorleistungen der Deutschen waren besser

So waren es also eher die anderen DSV-Springer, die bei der Tournee enttäuschten und bis zum dritten Saisonhöhepunkt, der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf (23. Februar bis 7. März), wieder besser in Form kommen müssen.

"Stefan Horngacher wird mit der Mannschaftsleistung nicht ganz zufrieden sein", meinte Eurosport-Experte Martin Schmitt: "Das sah vor der Tournee besser aus."

Da hatten mit Eisenbichler (2.), Paschke (6.), Geiger (11.) und Hamann (15.) schließlich gleich vier DSV-Adler im Gesamtweltcup auf den vorderen Plätzen gestanden.

Freund auf Platz 27 drittbester DSV-Springer

Bei der Tournee hielten auch Hamann (28.) und Paschke (30.) nicht ihr vorher gezeigtes Niveau. So fand sich Altstar Severin Freund als drittbester Deutscher nur auf Platz 27 der Tournee-Gesamtwertung wieder.

"Die Tournee generell hat Licht und Schatten gehabt", meinte der 32 Jahre alte Freund und schilderte seinen Tourneeverlauf so: "Ich bin eigentlich gut reingekommen und dann hat es mich in Garmisch etwas verblasen. In Innsbruck war ich raus, aber hier habe ich dann noch einmal die Wende geschafft."

"Zum Glück enden wir mit einem schönen Moment nach vielen schönen Momenten und vielen Rückschlägen", fasste Geiger zusammen.

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Es geht Schlag auf Schlag bis zur WM

Viel Zeit, die Tournee zu verarbeiten, haben die Springer indes nicht: Schon am Freitag geht es mit der Qualifikation von Titisee-Neustadt (live bei Eurosport) im Weltcup weiter.

Und wird der geplante Wettkampf in Polen für die abgesagten Springen in Sapporo und Peking Mitte Februar (12.-14.2.) bestätigt, gibt's bis zum Start der WM keine freie Woche mehr.

Horngacher wird also abwägen müssen, wann er nochmal eine Regeneration- und Trainingsphase einlegen lässt – dann aber möglicherweise auf Kosten der Chancen von Eisenbichler und Geiger im Gesamtweltcup.

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