Jens Weißflog exklusiv zur Vierschanzentournee: "Andreas Wellinger und Karl Geiger müssen Erwartungshaltung abkönnen"
Bis zum Start der Vierschanzentournee sind noch einige Tage hin, doch bereits jetzt träumen viele deutsche Fans angesichts der Leistungen von Andreas Wellinger und Co. vom ersten Gesamtsieg seit 22 Jahren. Jens Weißflog hält diese Erwartungshaltung für gerechtfertigt. "Bei solchen Erfolgen kommt man einfach nicht um die Favoriten- oder Mitfavoritenrolle umhin", sagte er gegenüber Eurosport.de.
Maschine Geiger! Der Flug zum Klingenthal-Double
Quelle: Eurosport
"So wie die Saison bisher verlaufen ist, können wir diese Erwartungshaltung nicht wegdiskutieren", sagte Jens Weißflog im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de weiter.
Natürlich müsse man das Weltcup-Wochenende in Engelberg noch abwarten. Aktuell befinden sich mit Andreas Wellinger, Karl Geiger und Pius Paschke jedoch gleich drei Deutsche in den Top vier des Gesamtweltcups.
Einzig der Österreicher Stefan Kraft thront noch über dem DSV-Trio. Zuletzt gewann Geiger zudem beide Springen beim Heim-Weltcup in Klingenthal.
"Die Erwartungshaltung ist einfach immer da. Das ist natürlich immer auch für die deutsche Mannschaft etwas schwierig, weil wir beginnen in Deutschland und müssen natürlich sofort der Erwartungshaltung gerecht werden", erklärte Weißflog, der in seiner Karriere selbst vier Mal die Tournee gewinnen konnte, und gab zu bedenken: "Ich glaube, es gibt keine Mannschaft, die mehr Druck hat bei der Tournee als zu Beginn die deutsche Mannschaft."
Weißflog: "Geiger und Wellinger müssen das abkönnen"
In den vergangenen Jahren schienen die DSV-Springer aber regelmäßig im Laufe der Tournee an diesem Druck zu zerbrechen. Bezeichnenderweise holte Lokalmatador Geiger ausgerechnet während der Corona-Saison 2020/2021, in der keine Zuschauer bei der Tournee zugelassen waren, in Oberstdorf den Auftaktsieg. Doch bereits in Garmisch-Partenkirchen musste er das Führungstrikot nach Platz fünf wieder hergeben.
In den vergangenen beiden Jahren wurde er auf seiner Heimschanze Fünfter und Vierter. Beide Male waren gingen jedoch erneut am Neujahrstag die Chancen auf den Gesamtsieg flöten.
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"Da verliert er viele Punkte": Geiger tut sich mit Windbedingungen schwer
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Andreas Wellinger schaffte es bisher nie beim Auftaktspringen in die Top fünf. Sein bestes Ergebnis war im vergangenen Jahr Rang sechs. Sein Rückstand auf Tagessieger Halvor Egner Granerud betrug aber über 25 Punkte.
Als Ausrede möchte Weißflog die spezielle Drucksituation aber nun nicht mehr gelten lassen. "Karl Geiger, Andreas Wellinger und allen anderen haben mittlerweile so viel internationale Erfahrung und so viele internationale Erfolge gefeiert, dass sie das einfach abkönnen müssen. Da kann man sie auch schwer in Schutz nehmen", meinte der 59-Jährige vor der Tournee-Generalprobe in Engelberg (die Qualifikation am Freitag sowie die Wettkämpfe am Samstag und Sonntag live im TV bei Eurosport und im Livestream auf discovery+).
Im Sport müsse man mit der Favoritenrolle umgehen können, ergänzte Weißflog.
Weißflog: "Die gute Generalprobe hatten wir schon ganz oft"
Sollten Geiger, Wellinger und Co. in Engelberg an ihre bisherigen Saisonleistungen anknüpfen, dürfte die Erwartungshaltung noch größer werden.
Weißflog warnte aber davor, der traditionellen Tournee-Generalprobe in der Schweiz zu große Bedeutung bei zu messen: "Die gute Generalprobe hatten wir schon ganz oft. Die würde ich jetzt aber gar nicht so hoch hängen. Vor zwei Jahren hat Karl Geiger in Engelberg gewonnen und dann ging es auch in Oberstdorf super los (Geiger lag als Fünfter nur 6,1 Punkte hinter Sieger Ryoyu Kobayashi, Anm. d. Red.), aber das ist immer nur eine Momentaufnahme."
Zudem sei die Form bei der Tournee nur ein Faktor. "Die Tournee hat vier Springen mit vier verschiedenen Schanzen und es sind bei acht Wettkampfsprüngen auch acht verschiedene Einflüsse von außen", erklärte er.
Natürlich hätte auch seine Springergeneration schon Windglück gebraucht, um die Tournee zu gewinnen, aber heute nähmen die äußeren Bedingungen noch mehr Einfluss auf die Leistung. "Daher brauchst du heute noch mehr Glück als wir damals", brachte es Weißflog auf den Punkt.
Und weiter: "Das ist einfach dieser Knackpunkt, dass du selbst als erfolgreicher Springer in Topform in einem Sprung Pech haben kannst und dann ist die Tourneewertung dahin."
Freund und Freitag vergaben Tournee-Chancen am Bergisel
Besonders schmerzvoll musste dies die deutsche Mannschaft 2016 und 2018 am Bergisel erfahren. Nach seinem Auftaktsieg in Oberstdorf und Rang drei in Garmisch-Partenkirchen lag Severin Freund vor dem dritten Springen in Innsbruck aussichtsreich auf Gesamtrang zwei hinter dem Slowenen Peter Prevc.
Doch dann stürzte der Team-Olympiasieger von 2014 im Probedurchgang. Zwar erholte er sich von seinem Sturz schnell und wurde im Springen selbst Zweiter, dennoch verlor er 11,1 Punkte auf Prevc, der drei Tage später in Bischofshofen den Tourneesieg perfekt machte.
Zwei Jahre später reiste Freitag ebenfalls als Gesamtzweiter und als Gesamtweltcupführender in die Tiroler Landeshauptstadt. Im ersten Durchgang flog er auf starke 130 Meter, stürzte aber aufgrund eines nicht perfekt präparierten Aufsprunghangs bei der Landung und musste vorsichtshalber ins Krankenhaus - dahin waren alle Tournee-Chancen.
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"Darf nicht wahr sein!" Freitag stürzt am Bergisel
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Neue deutsch-österreichische Rivalität?
Auch bei der 72. Vierschanzentournee könnte der Bergisel wieder zum Scharfrichter werden. Nach aktuellem Stand ist alles angerichtet für ein ganz besonderes Duell: Stefan Kraft gegen Andreas Wellinger und Karl Geiger. Österreich gegen Deutschland.
In den vergangenen Jahren schien die deutsch-österreichische Rivalität etwas zu ruhen, weil meist nur einer der beiden Nationen um den Gesamtsieg mitsprang und sich die Deutschen wie bereits erwähnt, meist spätestens in Innsbruck endgültig aus dem Rennen um den goldenen Adler verabschiedeten.
Angesichts der aktuell starken Form von Kraft, der die ersten vier Saisonspringen für sich entschied und erst in Klingenthal von Geiger erstmals geschlagen wurde, sowie den beiden Deutschen könnte es aber diesmal erstmals seit vielen Jahren zum direkten Duell kommen.
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Mit 146 Metern zum Heimsieg! Geiger lässt Klingenthal beben
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Eine ganz besondere Situation, wie Weißflog betonte: "Das bietet schon Zündstoff. Das muss man sagen. Wenn diese Konstellation Deutschland gegen Österreich oder umgekehrt entsteht, dann birgt so etwas einfach Sprengstoff, der sich auch an der Schanze bei den Zuschauern bemerkbar machen kann."
Weißflog: "In Bischofshofen fielen übelste Beleidigungen"
Weißflog weiß, wovon er spricht, schließlich er hat das zu seiner aktiven Zeit selbst einige Male erlebt. "Ich kann mich an Dinge erinnern aus Österreich, da waren wir in Bischofshofen echt froh an den Zuschauern vorbei zu sein, weil da übelste Beleidigungen fielen. Das ging quasi zu wie auf dem Fußballplatz, wo wirklich ganz große Emotionen rauskommen", so der dreimalige Olympiasieger, der aber auch betonte, mit den österreichischen Fans viele "tolle Erlebnisse" gehabt zu haben.
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Jens Weißflog sicherte sich bei der Vierschanzentournee 1995/1996 mit einem Sieg in Bischofshofen seinen vierten Tournee-Gesamtsieg
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Zudem seien die Fans heute aber auch weit weniger aggressiv als damals: "Glücklicherweise hat sich das in vielen Dingen heute geändert."
Auch deshalb gab er sich zuversichtlich, dass die Rivalität trotz aller sportlichen Brisanz im Rahmen bleibt. "Ich hoffe es bleibt immer fair, sodass jeder fair mit dem Gegner umgeht", meinte der Oberwiesenthaler: "Wir kennen das deutsche Publikum in Oberstdorf und Garmisch. Ich denke, die kriegen das so hin, dass das ein Vorbild sein kann für Österreich im Anschluss."
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Schanzenrekord! Wellinger mit Traumflug aufs Podest
Quelle: Eurosport
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