Bei der 70. Vierschanzentournee steht an Silvester und Neujahr traditionell die zweite Station in Garmisch-Partenkirchen an (ab 14:00 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1, bei Eurosport auf Joyn und im Liveticker bei Eurosport.de). Die Ausgangslage könnte kaum spannender sein: Nach dem Auftaktspringen in Oberstdorf liegen die ersten fünf Athleten innerhalb von 6,1 Punkten. So eng war es nach dem ersten Tournee-Springen zuletzt 2013.
Angeführt wird das Spitzenquintett vom japanischen Überflieger Ryoyu Kobayashi, der seine Stellung als einer von zwei Top-Favoriten eindrucksvoll untermauerte. Karl Geiger konnte den hohen Erwartungen als Gesamtweltcupführender dagegen nicht ganz gerecht werden und musste sich auf seiner Heimschanze mit Rang fünf begnügen.
Auch weil mit Halvor Egner Granerud, Robert Johansson und Marius Lindvik gleich drei Norweger im Regen von Oberstdorf ganz groß auftrumpften und sich zwischen Kobayashi und Geiger schoben.
Oberstdorf
Klare Ansage: Eisenbichler äußert sich zur Tournee-Wertung
30/12/2021 AM 09:12
Wird aus dem prognostizierten Zweikampf um den goldenen Adler nun also ein Fünfkampf? Und haben die drei Norweger das Potenzial, auch bis Bischofshofen um den Gesamtsieg mitzuspringen? Eurosport.de macht den Check.
LIVETICKER | Vierschanzentournee: Qualifikation in Garmisch
WER GEWINNT DIE VIERSCHANZENTOURNEE?

Ryoyu Kobayashi: Der Überflieger

Platz 1, 302,0 Punkte
Schon im Vorfeld der Vierschanzentournee galt Ryoyu Kobayashi als Geigers größter Herausforderer um den Gesamtsieg. In Oberstdorf schwang er sich nun nicht nur mit seinem Sieg zum Top-Favoriten auf. Insbesondere sein zweiter Sprung auf 141 Meter, dank dem er im Finale noch von Rang fünf auf eins flog, hinterließ mächtig Eindruck.

"Unglaublich": Kobayashi fliegt mit Traumsprung zum Sieg

"Er hat nicht gezögert, sofort den Oberkörper leicht in die aerodynamische Haltung nach vorne gebeugt. Die Skier waren symmetrisch dabei. Dann hat er nicht nur den guten Absprung, sondern auch die schnelle Flugposition. Was mich völlig fasziniert hat, war sein Telemark", schwärmte Eurosport-Experte Werner Schuster in seiner Analyse.
Aus Sicht des ehemaligen Bundestrainers war dies angesichts der engen Abstände der entscheidende Faktor. "Er ist wirklich ganz ausgeflogen, hat keine Zweifel gelassen und damit das Springen gewonnen", so Schuster.
Auch die Konkurrenz zeigte sich beeindruckt. "Kobayashi muss schon einen Granatensprung ausgepackt haben", meinte Geiger.
Wenn Kobayashi auch bei den weiteren Stationen solche "Granatensprünge" gelingen, dann ist der Japaner momentan nicht zu schlagen. Und angesichts seiner aktuellen Form besteht daran kaum ein Zweifel. Zumal er bei seinem Grand-Slam-Triumph 2018/2019 bereits auf allen vier Schanzen gewinnen konnte und daher mit sehr guten Erinnerungen nach Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen reist.
"Jetzt hat er sich freigesprungen", sagte Schuster nach dem 141-Meter-Traumflug. Es klingt wie eine Drohung.

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Halvor Egner Granerud: Die Wundertüte

2. Platz, 299,2 Punkte
Der zweite Platz von Halvor Egner Granerud in Oberstdorf war durchaus eine kleine Überraschung. Denn zwischenzeitlich lief beim Gesamtweltcupsieger der vergangenen Saison nicht mehr viel zusammen. Zwar gewann er beim Saisonauftakt in Nizhny Tagil ein Springen, doch danach gingen seine Leistungen bergab. In Ruka verpasste er die Qualifikation, in Wisla wurde er nur 48. In Klingenthal und Engelberg kam er jeweils in die Top sieben.
Der Grund für seine Schwankungen: Der Norweger springt ein aggressives System und hat zudem eine Asymmetrie im Sprung, weshalb es ihn oft auf die rechte Seite zieht. Bei ihm gibt es aktuell nur hopp oder top.
"Er hat ein extrem aggressives System und kann dann ausfliegen. Es war sein schrägster Sprung von allen. Die Schanze ist für ihn fast nicht breit genug. Aber er war zumindest mittendrin", analysierte Schuster Graneruds zweiten Sprung auf 133 Meter, bei dem er nach der Landung ganz knapp an der Bande vorbeifuhr.

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Gelingt es dem 25-Jährigen den Fehler zu minimieren, ist er vorne dabei. "Vom Potenzial her ist er Wahnsinn. Kriegt er das besser in den Griff, kann er auch Kobayashi fordern", glaubt Schuster.
Doch es stellt sich die Frage, ob Granerud momentan die Konstanz hat, um Kobayashi (und Geiger) über insgesamt acht Sprünge Paroli bieten zu können. Bekanntlich kann ein schwacher Sprung schon das Aus aller Tournee-Hoffnungen bedeuten.
In der vergangenen Saison übernahm er mit einem zweiten Platz in Garmisch-Partenkirchen die Führung in der Tournee-Wertung, wurde dann jedoch in Innsbruck und Bischofshofen nur 15. und Zwölfter. Granerud, der im Vorfeld als Top-Favorit anreiste, beendete die Tournee als Vierter. Diesmal wäre solch ein Endresultat definitiv ein Erfolg.

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Robert Johansson: Die Überraschung

3. Platz, 298,6 Punkte
Bei Granerud lässt sich sicher darüber streiten, ob der Podestplatz in Oberstdorf wirklich eine Überraschung war. Bei Robert Johanssons drittem Rang gibt es dagegen keinen Zweifel.
Denn im bisherigen Saisonverlauf schaffte der 31-Jährige nur dreimal eine einstellige Platzierung. Sein bestes Resultat war ein vierter Rang bei den norwegischen Festspielen in Klingenthal. Auch in der Qualifikation auf der Schattenbergschanze war er nur 22. geworden.
Im ersten Durchgang traf Johansson dann jedoch die Absprungkante perfekt und spielte anschließend seine Flugqualitäten aus. Mit 135,5 Meter übernahm er die Führung, die er nicht mehr hergeben sollte. Im Finale legte der dreimalige Weltcupsieger dann mit 131 Meter nach und sicherte sich Rang drei.
Stellt sich nun die Frage: Kann der Norweger tatsächlich um den Gesamtsieg mitspringen?
Seine bisherigen Ergebnisse in Garmisch-Partenkirchen sprechen eher dagegen. Denn obwohl die Olympiaschanze als Fliegerschanze gilt und damit eigentlich Johansson entgegenkommen müsste, reichte es für den Team-Olympiasieger von 2018 am Neujahrstag bisher nie für die Top Ten. Sein bestes Resultat ist ein 14. Platz (2020).
Johansson dürfte aus diesem Quintett an der Spitze wieder herausfallen.

Marius Lindvik: Der zweite Herausforderer

4. Platz, 296,3 Punkte
Ganz anders sieht dies beim dritten Norweger im Bunde aus: Marius Lindvik weiß, wie man auf der Großen Olympiaschanze gewinnt. 2020 schockte er im ersten Durchgang die Konkurrenz und segelte auf die Schanzenrekord-Weite von 143,5 Meter. Im zweiten Durchgang machte er dann seinen ersten Weltcupsieg perfekt. Und nur drei Tage später legte er in Innsbruck mit dem zweiten Erfolg nach. Nach einem dritten Platz in Bischofshofen beendete er die Tournee als Gesamtzweiter.

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In der vergangenen Saison wurde er Dritter in Oberstdorf und Zweiter in Bischofshofen, im Gesamtklassement wurde er jedoch nur 36., weil er die beiden mittleren Springen wegen einer Zahn-OP verpasste. Doch die Ergebnisse zeigen: Der 23-Jährige kann Vierschanzentournee.

"Gewaltiger Sprung": Lindvik springt nach Zahn-OP aufs Podest

Und speziell nach dem vergangenen Jahr hat er mit der Tournee noch eine Rechnung offen, die er nur allzu gerne schon jetzt begleichen würde. Der Start in Oberstdorf war mit Rang vier verheißungsvoll. Zumal für ihn sogar noch mehr drin gewesen wäre, hätte er im zweiten Sprung eine bessere Landung gezeigt. "Er konnte den Radiusdruck nicht aushalten. Er hat keinen Telemark gesetzt und wurde dafür bestraft", erklärte Schuster.
Experten-Kollege Martin Schmitt meinte sogar: "Lindvik hätte es mit der richtigen Landung gewinnen können." Angesichts der engen Abstände ein bitteres Missgeschick, das ihm aber wohl nicht nochmal unterlaufen dürfte.
"Die Norweger sind extrem heiß. Die haben ihre Hausaufgaben gemacht", sagte Schuster zum starken Auftritt der Wikinger. Das gilt insbesondere für Lindvik.

Karl Geiger: Der Jäger

5. Platz, 295,9 Punkte
Führender im Gesamtweltcup, bereits zwei Saisonsiege, darunter bei der Tournee-Generalprobe in Engelberg, dazu noch der Vorjahressieg in Oberstdorf: Die Erwartungen an Karl Geiger vor dem Auftakt waren hoch. Am Ende womöglich zu hoch. "Die Anspannung war doch ziemlich hoch in mir drin und da habe ich auch nicht ganz die feine Klinge auspacken können", erklärte der Oberstdorfer bei Eurosport nach dem Wettkampf auf seiner Heimschanze.
So reichte es trotz des dritten Platzes zur Halbzeit am Ende "nur" zu Rang fünf. Dennoch zeigte sich Geiger nach der ersten kurzen Enttäuschung zufrieden: "Die erste Emotion ist verkocht - es war echt ein guter Wettkampf, das passt. Ich bin glücklich damit."

"Reicht nicht": Geiger fliegt in Oberstdorf knapp am Podest vorbei

Wohl auch weil sich an der Ausgangslage und seinen Chancen auf den Gesamtsieg nicht viel geändert hat. Denn der Abstand zu Kobayashi beträgt nur 6,1 Punkte, umgerechnet etwas mehr als drei Meter.
"Ich finde es sehr, sehr gut für ihn. Er hat nicht gewonnen, aber er ist ganz, ganz knapp dabei", sagte Schuster zur Situation in der Gesamtwertung und ergänzte: "Er hatte nicht die Ruhe drin, die er schon mal drin hatte. Aber es ist alles wunderbar. Vielleicht ist es genau die Position, die er braucht, um wirklich frei zu werden."
Geiger ist nun in der Position des Angreifers und er machte schon in Oberstdorf direkt klar, dass der Gesamtsieg weiter das große Ziel bleibt. Kobayashis zweiter Sprung mag ihn zwar beeindruckt haben, Angst machte er ihm ganz sicher nicht. "Der springt schon echt stark, aber der erste Durchgang hat gezeigt, dass er auch nur mit Wasser kocht", sagte der Skiflug-Weltmeister über seinen japanischen Konkurrenten. Und: "Es gibt auch andere, die aufgezeigt haben. Wir haben erst zwei von acht."

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Vor einem Jahr reiste er nach seinem Sieg in Oberstdorf als Tournee-Führender nach Garmisch-Partenkirchen und wurde dort Fünfter. In diesem Jahr könnte er es nun umgekehrt machen. Es würde den Kampf um den goldenen Adler noch spannender machen, als er ohnehin schon ist.
Eurosport zeigt alle Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen inklusive der Qualifikation LIVE im Free-TV. Werner Schuster kommentiert mit Gerhard Leinauer, Martin Schmitt analysiert mit Birgit Nössing im Studio. Alle Springen LIVE gibt's auch bei Eurosport mit Joyn+!
Das Springen von Garmisch-Partenkirchen live im Free-TV bei Eurosport 1, bei Eurosport auf Joyn und im Liveticker bei Eurosport.de
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