Karl Geiger fluchte kurz, ließ die Schultern hängen, doch dann klatschte Deutschlands bester Skispringer kämpferisch mit seinen Teamkollegen ab: In einem packenden Auftaktwettbewerb der 70. Vierschanzentournee ist Geiger bei strömendem Regen in seiner Oberstdorfer Heimat zwar am Podest vorbeigeflogen, hat sich mit Platz fünf beim Sieg des Japaners Ryoyu Kobayashi aber eine gute Ausgangsposition erkämpft.
Der Traum vom ersten deutschen Gesamtsieg beim Skisprung-Spektakel seit Sven Hannawald vor 20 Jahren lebt damit weiter. "Im ersten Moment war ich ein bisschen enttäuscht. Es ist aber insgesamt in Ordnung", sagte Geiger nach einem harten Kampf vor wegen der Corona-Pandemie erneut leeren Ränge in der 27.000-Zuschauer-Arena: "Die Spannung war größer als gedacht. Die Sprünge waren gut, aber nicht so gut, wie ich es kann."
Der im Gesamtweltcup führende Geiger sprang 131,5 und 131,0 Meter (295,9 Punkte). Im zweiten Durchgang hatte der Oberstdorfer Pech, dass er von zwei Luken niedriger als die später auf dem Podium platzierten Springer starten musste, dabei aber auch noch Rückenwind hatte.
Nach dem ersten Durchgang hatte der Vorjahressieger vom Schattenberg noch auf Platz drei gelegen. "Das war das erste von vier Springen, da ist noch alles drin", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher. Im Vorjahr hatte Geiger das erste Springen gewonnen und Platz zwei im Gesamtklassement belegt.
"Das gibt Auftrieb!" DSV-Adler in Oberstdorf geschlossen stark
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Vierschanzentournee: Markus Eisenbichler steigert sich
"Das, was bei Kobayashi nach vorne ging, ging bei Geiger jetzt knapp nach hinten", meinte Eurosport-Experte Werner Schuster: "Ärger dich nicht zu sehr, Karl. Du bist in Schlagdistanz. Wir haben eine spannende Tournee und Karl ist weiter in der Angreiferposition. Das ist eine gute Ausgangsposition und ein fantastischer Tourneeauftakt."
Markus Eisenbichler (Siegsdorf) sprang mit einem Satz auf 132,5 Metern im zweiten Durchgang noch von Rang zehn nach vorne (281,1), hat aber schon 20,9 Punkte Rückstand auf den Tournee-Führenden.
"Der zweite Sprung stimmt mich positiv, es geht in die richtige Richtung", sagte Eisenbichler.
"Granate vom Eisei!" Eisenbichler startet Aufholjagd - Leyhe glänzt
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Vierschanzentournee: Ryoyu Kobayashi springt weltklasse
Den besten Sprung des Tages zeigte Quali-Sieger Ryoyu Kobayashi: 141,0 Meter im zweiten Durchgang katapultierten den Gesamtsieger von 2018/19 nach "nur" 128,5 m im ersten Durchgang noch von Rang fünf nach vorne (302,0 Punkte). Es war sein 23. Weltcup-Sieg.
"Unglaublich": Kobayashi fliegt mit Traumsprung zum Sieg
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"Jetzt hat er sich freigesprungen. Der war richtig gut. Diese Landung - sensationell", lobte Eurosport-Experte Schuster den exzellenten Sprung des 25-Jährigen.
"Das war der Sprung, den er gebraucht hat", ergänzte Martin Schmitt: "Der gibt ihm viel Selbstvertrauen. So einen Sprung über Hillsize zu spüren und zu erleben - ein Sprung mit Telemark, bei dem alles passt, das gibt dir so ein cooles Feedback, das du abspeicherst. Das nimmt er mit, damit schläft er heute Abend ein und das macht ihn auch für die nächsten Stationen sehr gefährlich."
Vierschanzentournee: Karl Geiger noch mit allen Chancen
Kobayashi setzte sich vor den Norwegern Halvor Egner Granerud (132,0 m /133,0 m/299,2) und Robert Johansson (135,5 m/131,0 m/298,6) durch. Auch Marius Lindvik (129,5 m/137,5 m/296,3) schob sich noch an Geiger vorbei.
Der Österreicher Stefan Kraft, der
im März am Schattenberg Weltmeister geworden war, verlor als Zwölfter (126,5 m/123,0 m/260,1) schon viel Boden in der Gesamtwertung. "Das ist so ungefähr mein Level", musste sich Kraft eingestehen.
Eisenbichler im Interview: "Gesamtklassement juckt mich gar nicht"
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Bei umgerechnet knapp dreieinhalb Metern Rückstand auf Kobayashi ist für Geiger im Kampf um den ersten deutschen Tourneesieg seit Sven Hannawald 2001/02 noch alles drin. "Die Ausgangsposition ist immer noch gut", sagte Geiger.
"Reicht nicht": Geiger fliegt in Oberstdorf knapp am Podest vorbei
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Oberstdorf: Martin Schmitt sieht Karl Geiger noch im Rennen
"Karl ist im Rennen", meinte auch Eurosport-Experte Schmitt: "Das war ein solider Wettkampf, aber solide reicht nicht, um zu gewinnen oder auf dem Podest zu stehen."
Geiger für Schmitt voll im Rennen: "Vielleicht gar nicht so schlecht, dass …"
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Geiger wisse "um sein Potenzial und seine Stärke - vielleicht ist es da gar nicht so schlecht, dass der Druck und die Erwartungshaltung jetzt noch nicht so groß ist und er von hinten angreifen kann. Der Rückstand von 6,1 Punkten ist kein Drama. Karl braucht eben auch zwei optimale Sprünge und die werden ihm während der Tournee schon noch gelingen."
Im Vorjahr hatte
Geiger in seiner Heimatgemeinde ein kleines Skisprung-Märchen erlebt. Kurz vor der Tournee hatte er sich damals mit Corona infiziert, noch einen Tag vor der Qualifikation war sein Start in Oberstdorf fraglich - und dann gewann er praktisch aus der Quarantäne heraus am Schattenberg. Dass es letztlich in der Tourneewertung Platz zwei und nicht der Gesamtsieg wurde, ist fast schon schlechte deutsche Tradition. Seit 1992 siegten DSV-Adler zehnmal in Oberstdorf - nur Hannawald holte den Gesamtsieg.
Oberstdorf: Severin Freund ärgert sich über Disqualifikation
Enttäuschend verlief das Weltcup-Comeback für Severin Freund - der ehemalige Gesamtweltcupsieger hätte sich mit einem Sprung auf 124,5 m (134,7) sportlich klar für den zweiten Durchgang qualifiziert,
wurde jedoch bei der Anzugkontrolle disqualifiziert.
"Das ist sehr schade, weil ich glaube, dass der Sprung echt was wert war. Aber das Material muss natürlich auch stimmen. Das wird gut und genau kontrolliert - und das hat heute bei mir nicht gepasst. Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet", sagte Freund, der 2015 am Schattenberg triumphiert hatte, bei Eurosport.
Freund bedient, Schmitt erklärt: So kam's zur Disqualifikation
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Stephan Leyhe (Willingen) wurde Neunter (124,5 m/125,0 m/266,8). Pius Paschke (Kiefersfelden) belegte nach einem schwachen zweiten Durchgang Rang 26 (123,0 m/110,0 m/233,8). "So danebengesemmelt habe ich schon lange keinen Wettkampfsprung mehr", ärgerte sich Paschke bei Eurosport.
Türke Ipcioglu sorgt für Premiere
Constantin Schmid (Oberaudorf) schied im ersten Durchgang aus, nachdem er sein Duell mit 118,5 m (124,6) knapp um 0,2 Punkte gegen den Japaner Yukiya Sato verloren hatte. Auch als Lucky Loser reichte es für den Youngster nicht.
Olympiasieger Andreas Wellinger war bereits in der Qualifikation ausgeschieden. Eine nationale Gruppe des Deutschen Skiverbandes (DSV) mit sechs weiteren Springern ist diesmal erst bei der zweiten Tourneestation in Garmisch-Partenkirchen im Einsatz.
Mit Fatih Arda Ipcioglu (120,0 m/109,0 m) qualifizierte sich erstmals ein türkischer Skispringer für einen zweiten Wertungsdurchgang - der 24-Jährige sammelte als 29. zum ersten Mal Weltcup-Punkte.
"Ist das cool!" Türke Ipcioglu sorgt für historischen Tournee-Moment
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Kamil Stoch scheitert früh - Debakel für Polen
Für Titelverteidiger Kamil Stoch sind die Träume vom vierten Triumph bei der Vierschanzentournee
dagegen schon nach dem ersten Sprung geplatzt. Der Pole kam in Oberstdorf nur auf 118,0 m, verlor das K.o.-Duell mit dem Slowenen Cene Prevc (122,0) und schaffte es auch nicht als einer der fünf "Lucky Loser" in den zweiten Durchgang. Am Ende stand nur Platz 41.
Damit hat der 34-Jährige keine Chance mehr auf den Gesamtsieg. Der dreimalige Olympiasieger hatte die Tournee 2016/17, 2017/18 und 2020/21 gewonnen. 2017/18 war ihm sogar der Grand Slam mit Siegen bei allen vier Stationen gelungen, was vor ihm nur Sven Hannawalds 2001/02 geschafft hatte.
"Ich habe keine Ahnung, was hier los ist", sagte Stoch bei Eurosport Polen ratlos: "Irgendwas ist total schiefgegangen. Ich bin sehr verwirrt, weil ich wirklich nicht weiß, wo das Problem liegt."
Polen hadern mit dem Material
Das polnische Desaster perfekt machten Jakub Wolny (32.), Pawel Wasek (33.) und Piotr Zyla (38.), die ebenfalls im ersten Durchgang ausschieden. Dawid Kubacki, Tournee-Sieger 2019/20, wurde mit 111,5 und 113,5 m nur 28. (227,8).
"Das ist extrem schade für das polnische Team", meinte Martin Schmitt: "Man merkt, dass im Team Unruhe herrscht: Sie sind auf der Suche, sie haben nicht das Vertrauen."
Vor allem der Materialbereich mache den Polen laut Schmitt zu schaffen: "Mal sind es die Anzüge, dann passt was mit dem Schuh von Kamil nicht. Sowas darf natürlich nicht erst am Wettkampfort beim Wettkampfhöhepunkt auffallen. Das muss man ein bisschen früher bemerken."
Debakel für den Titelverteidiger: Stoch fliegt schon im K.o.-Duell raus
Quelle: Eurosport
Die Top 10 von Oberstdorf:
| PLATZ | NAME | 1. DG | 2. DG | PUNKTE |
| 1 | Kobayashi (JPN) | 128,5 m | 141,0 m | 302,0 |
| 2 | Granerud (NOR) | 132,0 m | 133,0 m | 299,2 |
| 3 | Johansson (NOR) | 135,5 m | 131,0 m | 298,6 |
| 4 | Lindvik (NOR) | 129,5 m | 137,5 m | 296,3 |
| 5 | Geiger (GER) | 131,5 m | 131,0 m | 295,9 |
| 6 | Kos (SLO) | 126,5 m | 139,5 m | 289,5 |
| 7 | Eisenbichler (GER) | 129,5 m | 132,5 m | 281,1 |
| 8 | Huber (AUT) | 129,0 m | 126,5 m | 269,0 |
| 9 | Leyhe (GER) | 124,5 m | 125,0 m | 266,8 |
| 10 | Deschwanden (SUI) | 129,0 m | 122,5 m | 262,6 |
Eurosport zeigt alle Springen der Vierschanzentournee in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen inklusive der Qualifikation LIVE im Free-TV. Werner Schuster kommentiert mit Gerhard Leinauer, Martin Schmitt analysiert mit Birgit Nössing im Studio. Alle Springen LIVE gibt's auch bei Eurosport mit Joyn+!
(mit SID)
"Wahnsinnssituation": Schmitt und Schuster sehen Prevc-Sturz sehr kritisch
Quelle: Eurosport