Der Sieg ging an Kamil Stoch (Polen) vor Anze Lanisek (Slowenien) und Titelverteidiger Dawid Kubacki (Polen).
"Es war ziemlich ernüchternd, ziemlich bitter. Ich bin ziemlich gefrustet", sagte Karl Geiger bei Eurosport: "Man fragt sich: Was ist da eigentlich passiert?"
Der zweimalige Tourneesieger Stoch übernahm damit auch die Führung in der Gesamtwertung, Geiger fiel auf den vierten Platz zurück.
Innsbruck
"Viel verbrannte Erde": Kritik an Stehaufmännchen Schlierenzauer
03/01/2021 AM 10:55
Geiger hatte sich schon im ersten Durchgang mit einem Hüpfer auf nur 117 Meter wohl aller Chancen auf den Sieg bei der 69. Vierschanzentournee beraubt.

Der Spielfilm vom Bergisel: Drama um Geiger und Granerud

Geiger und Granerud patzen im ersten Durchgang

Wäre das Springen nicht im K.o.-Modus ausgetragen worden, hätten der bis dato in der Tourneewertung führende Granerud (116,5 m/35.) und Geiger (37.) sogar den zweiten Durchgang verpasst. So "retteten" sich beide auf Rang 29 bzw. 30 in den Endkampf.
Zu einem Fehler beim Absprung kamen bei Geiger schlechte Bedingungen hinzu - so fehlten dem Skiflug-Weltmeister gleich mal rund sieben Meter Weite.

Geiger patzt in Innsbruck: "Ganz weit hinten"

"Ich weiß ja, dass ich gut springen kann", haderte Geiger: "Solche Patzer nerven mich einfach. Dass es mich dann auch noch so hinsaugt, ist einfach saumäßig bitter."

Geiger extrem enttäuscht

Und auch wenn der 27-Jährige im zweiten Durchgang mit einem Sprung auf 128,5 Meter Schadensbegrenzung betrieb - der deutsche Schicksalsberg Bergisel hatte wieder zugeschlagen.

Geiger angefressen: "Da kriegt man das Kotzen"

"Irgendwie ist das die letzten Jahre hier immer unser Genickbruch", meinte der Oberstdorf-Sieger: "Das es schon wieder so ist, da kriegt man einfach nur das Kotzen."
Der erste deutsche Gesamtsieg beim Skisprung-Spektakel seit Sven Hannawalds "Grand Slam" vor 19 Jahren ist damit höchst unwahrscheinlich. "Im Moment bin ich ziemlich angefressen und erwarte gar nichts mehr von der Gesamtwertung. Ist mir aber auch egal", sagte Geiger.

Enttäuschter Geiger haut im zweiten Durchgang eine "Granate" raus

DSV-Springer enttäuschen

Auch Eisenbichler war im ersten Durchgang nicht über 120,5 m hinausgekommen und hatte als 15. ebenfalls an Boden verloren. Mit einem Sprung auf 128,5 Meter im zweiten Durchgang verbesserte sich Eisenbichler immerhin noch auf Platz sechs. So war Martin Hamann als Achter bester deutscher Springer im ersten Durchgang, am Ende wurde er 13. und platzierte sich damit noch vor Geiger.

Eisenbichler fühlt mit Geiger: "Für Karl tut's mir leid"

"Es war ein brutaler Wettkampf", sagte Eisenbichler in der "ARD": "Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen." Im ersten Durchgang hätten er und Geiger jedoch von den Verhältnissen her "ins Klo gegriffen". Der 29-Jährige hatte im ersten Durchlauf sogar die schlechtesten Windbedingungen, Geiger die neuntschlechtesten aller Gestarteten.
Ebenfalls schlecht für den DSV: Ex-Weltmeister Severin Freund als 34., Pius Paschke als 36. und Constantin Schmid als 39. verpassten den Endkampf. "Der Bergisel ist einfach eine komplizierte Schanze", sagte Freund bei Eurosport: "Es hilft nix, Mund abwischen, weitermachen."

"Kämpft wie ein Löwe": Eisenbichler trumpft nach Patzer auf

Kamil Stoch pünktlich zur Stelle

Zum Top-Event in Form präsentierte sich dagegen Stoch, der mit 130 Metern im zweiten Durchgang die Bestweite stand, sich damit seinen ersten Weltcupsieg in dieser Saison holte und die Führung in der Tournee übernahm - und das gleich mit 15,2 Punkten Vorsprung auf seinen Landsmann und Vorjahressieger Dawid Kubacki. Granerud (+20,6), Geiger (+24,7) und Eisenbichler (+33,4) haben bereits großen Rückstand.
"Der Chef ist zurück", analysierte Werner Schuster bei Eurosport: "Eine Augenweide. Er hat zurecht das Springen gewonnen." Martin Schmitt meinte: "Kamil war unglaublich. Ein bärenstarker Wettbewerb. Er hat keine Fehler gemacht. Er hat seine Chance genutzt."
So sah es auch Bundestrainer Stefan Horngacher: "Der Kamil hat wieder gezeigt, wer der Chef im Ring ist. Er zieht das auch wieder gnadenlos durch. Gratulation an ihn. Er ist ein toller Springer."

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Horngacher zerknirscht

Über die Leistung der Deutschen äußerte sich der Bundestrainer zerknirscht, aber nicht böse. "Das kann passieren, der Karl ist auch nur ein Mensch", hatte der Österreicher nach dem ersten Durchgang in der "ARD" gesagt. Und hinterher: "Wir müssen es so nehmen, wie es ist."
Das Springen habe man allerdings schon am Samstag verloren. "Der gestrige Tag war vom Training her zu schlecht", sagte der Österreicher: "Vielleicht haben alle auch ein bisschen Angst gehabt vorm Bergisel. Das müssen wir analysieren. Das kann ich jetzt aus der Emotion heraus nicht sagen, dann würde wahrscheinlich nur Blödsinn rauskommen."
Nach schwachen Trainingssprüngen hätten seine Athleten es vielleicht überreizt. "Dann fehlt die Lockerheit und man will was erzwingen. Karl hat den Bogen etwas überdehnt und dann funktioniert es nicht", analysierte Horngacher schonungslos.

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Bergisel-Fluch schlägt wieder zu

So schlug der Bergisel-Fluch für die DSV-Adler erneut zu: In den vergangenen drei Jahren waren Geiger (2020), Eisenbichler (2019) und Richard Freitag (2018) ebenfalls als Gesamtzweite nach Österreich gereist - und verspielten in Innsbruck all ihre Chancen.
Freitag war im tückischen Auslaufhang sogar gestürzt und musste aus der Tournee aussteigen. Einzige Ausnahme bleibt die starke WM 2019, als sich Eisenbichler vor Geiger zum Weltmeister gekrönt hatte und beide Gold im Team holten.
Für Bischofshofen (Qualifikation am Dienstag ab 16:30 Uhr live bei Eurosport) bleibt nun nur noch die Hoffnung auf einen Podestplatz. "Wir werden das machen, was wir können. Die anderen müssten einen Fehler machen", sagte Horngacher: "Wir müssen wir das Training besser gestalten und einen besseren Wettkampf machen. Wer weiß, was noch alles passiert."
Seinen geknickten Schützling Geiger baute der 51-Jährige auch sogleich wieder auf: "Ich habe ihn kurz sprechen können und dran erinnert, dass er schon Skiflug-Weltmeister ist."

"Herber Schlag" für Geiger: Die Analyse zum Bergiselspringen

Die Top-Plätze in Innsbruck:

PLATZNAME1. DG (m)2. DG (m)PUNKTE
1.Kamil Stoch127,5130,0261,6
2.Anze Lanisek127,5123,5249,6
3.Dawid Kubacki126,0127,0248,3
4.Piotr Zyla126,5124,5246,2
5.Yukiya Sato126,5130,0245,6
6.M. Eisenbichler120,5128,5245,0
7.R. Kobayashi132,0123,0244,3
8.Stefan Kraft121,0127,0243,5
9.M. Hayböck127,5123,0242,5
10.G. Deschwanden124,5126,5240,6
...
13.M. Hamann130,0124,5235,6
15.H. E. Granerud116,5127,5234,3
16.Karl Geiger117,0128,5234,2

Gesamtwertung Vierschanzentournee:

(nach dem dritten von vier Springen)
PLATZATHLET (NATION)GESAMTPUNKTE
1.Kamil Stoch (Polen)809,9
2.Dawid Kubacki (Polen)794,7
3. Halvor Egner Granerud (Norwegen)789,3
4.Karl Geiger (Deutschland)785,2
5.Markus Eisenbichler (Deutschland)776,5
6.Anze Lanisek (Slowenien)770,4
7.Ryoyu Kobayashi (Japan)766,7
8.Piotr Zyla (Polen)763,3
9.Philipp Aschenwald (Österreich)761,7
10.Andrzej Stekala (Polen)760,3
Die Vierschanzentournee 2020/21: Alle Springen - Qualifikation und Wettkampf - in Oberstdorf (28.12./29.12.), Garmisch-Partenkirchen (31.12./1.1.), Innsbruck (2.1./3.1.) und Bischofshofen (5.1./6.1.) LIVE im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!
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