Vierschanzentournee: Halvor Egner Granerud besiegt die Dämonen - die Lehren aus Innsbruck
Halvor Egner Granerud bezwingt seine Angstschanze und hält Dawid Kubacki bei der Vierschanzentourneewertung auch nach in Innsbruck auf Distanz. Der Pole holt am Bergisel zwar seinen ersten Tagessieg, verpasst es im zweiten Durchgang aber, noch näher an Granerud ranzurücken. Aus dem deutschen Lager gibt es derweil nichts wirklich Gutes zu vermelden. Die Lehren aus Innsbruck.
Schmitt-Analyse am Bergisel: "Granerud hat zurückgeschlagen"
Quelle: Eurosport
Halvor Egner Granerud wankte, aber er fiel nicht: So lässt sich das Bergiselspringen in Innsbruck im Rahmen der Vierschanzentournee 2022/23 wohl zusammenfassen.
Der Norweger war mit zwei Siegen, aber auch einer gehörigen Portion Respekt an den tückischsten der vier Veranstaltungsorte angereist, wahrte aber mit dem weitesten Satz des Tages auf 133,0 Meter im zweiten Durchgang seine Tourneechancen.
So blieb dem Gesamtweltcupführenden Dawid Kubacki zwar der Tagessieg, in der Tourneewertung hat der Pole jedoch vor dem letzten Springen in Bischofshofen am Freitag weiter großen Rückstand (23,3 Punkte) auf Granerud.
Im deutschen Lager herrschte derweil große Ernüchterung. War man in Garmisch-Partenkirchen schon hinter den Erwartungen geblieben, wurde es am Bergisel noch schlechter: Mit Platz 13 kam nur Philipp Raimund unter die besten 15, Andreas Wellinger verlor als Tages-18. zwei Plätze in der Gesamtwertung (8.) und muss sich nun strecken, um in Bischofshofen zumindest einen Top-10-Platz eines DSV-Adlers in der Tourneewertung ins Ziel zu bringen.
Die Lehren aus Innsbruck.
1.) Kubacki vergibt eine große Chance
Dawid Kubacki war als Dritter von Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen immer nahe dran - in Innsbruck holte er sich seinen ersten Tagessieg bei der diesjährigen Tournee und wahrte somit die Chance auf seinen zweiten Gesamtsieg nach 2019/20.
Nach guten Sprüngen in Training und Qualifikation war vor allem sein Flug im ersten Durchgang eine Augenweide: Bei schwierigen Bedingungen und verkürztem Anlauf brachte der 32-Jährige eine Weite von 127,0 Metern zustande, die ihm die Führung bescherte und Druck auf Halvor Egner Granerud aufbaute - Druck, den der Norweger allerdings im zweiten Durchgang mit seinen 133 Metern zurückgab.
Kubacki stand da noch oben und wusste, dass er es schwer haben würde, weitere Meter gutzumachen. "Ich habe nur von unten gehört, dass er gut gesprungen ist. Ich weiß nicht mal, wie weit er war", sagte der Pole zu Eurosport.
Mit einem kleinen Fehler beim Absprung landete Kubacki als letzter Springer bei 121,5 Meter - das reichte zwar zum Sieg, kostete aber Punkte in der Gesamtwertung.
"Er hat beim Absprung leicht den Schwerpunkt verloren und war nicht ganz balanciert", analysierte Martin Schmitt für Eurosport.de: "Dann fehlt einfach ein bisschen die Energie. So ist das Punktekonto wieder geschmolzen. Die große Chance hat er im zweiten Durchgang vergeben."
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Granerud-Angriff abgewehrt: Kubacki triumphiert am Bergisel
Quelle: Eurosport
Auch Kubacki sah, dass mehr drin gewesen wäre. "Es hätte besser sein können, es waren wohl kleinere Fehler drin", kommentierte der Pole bei Eurosport seinen zweiten Sprung. Er sei dennoch happy, "es war ein unglaublich guter Wettkampf" - mit ihm als Sieger.
Für die Paul-Außerleitner-Schanze, auf der er 2020 gewann und 2019 den Schanzenrekord aufstellte (145,0 m), fühlt sich der Pole damit gut gerüstet. "Es ist noch alles möglich. Ich werde bis zum Ende hart kämpfen und dann sehen wir am Ende, wer besser war", sagte er. Sein Rückstand auf Granerud: 23,3 Punkte, umgerechnet knapp 13 Meter.
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Trotz zwei Luken weniger: Kubacki erhöht den Druck auf Granerud
Quelle: Eurosport
2.) Granerud besiegt die Dämonen
Halvor Egner Granerud verlor in Innsbruck die Chance auf den Grand Slam, also den Sieg bei allen vier Springen der Tournee. So weit dachte der Norweger vor dem Bergiselspringen aber gar nicht erst, der 26-Jährige hatte vielmehr einen Mordsrespekt vor der so eigenen Anlage in Innsbruck.
Bei zuvor sechs Springen am Bergisel hatte Granerud nämlich nicht einmal ein Top-15-Ergebnis zustande gebracht; eine Bilanz, die schwer an ihm nagte. Platz 13 in der Qualifikation am Dienstag half da auch nur bedingt.
"Ich bin um 5 Uhr aufgewacht und habe mir Gedanken drüber gemacht, wie ich diesen Berg bezwingen kann", verriet der Norweger nach dem Wettkampf am Mittwoch gegenüber Eurosport: "Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme hier und um ehrlich zu sein das Gefühl, dass mir das gleiche wieder passiert. Deswegen bin ich insgesamt sehr happy jetzt."
Im ersten Durchgang zeigte Granerud einen "Sicherheitssprung", wie es die Eurosport-Experten Werner Schuster und Martin Schmitt unisono nannten; 123,0 Meter bei schlechten Bedingungen reichten aber immerhin zu Rang sechs und gaben dem Norweger Sicherheit.
Beim zweiten Sprung rief er dann sein ganzes Potenzial ab und stand die Tagesbestweite von 133,0 Metern. "Im zweiten Durchgang hatte ich zum ersten Mal in Innsbruck das Gefühl, Glück mit den Bedingungen zu haben. Die habe ich dann auch gut ausgenutzt", freute er sich über Platz zwei.
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133 Meter! Granerud düpiert die Konkurrenz im Finale am Bergisel
Quelle: Eurosport
Anders als 2020/21, als er in Innsbruck die Gesamtführung verlor und am Ende nur Vierter wurde, geht er nun als Spitzenreiter ins letzte Springen nach Bischofshofen.
Hat Granerud seine Nerven im Griff, greift er am Dreikönigstag nach dem goldenen Adler und 100.000 Schweizer Franken Siegprämie. "Ich hoffe es", sagte er nach Innsbruck: "Ich freue mich auf Bischofshofen und die Herausforderung. Ich bin gespannt auf die Emotionen, die mich dort überkommen werden."
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Halvor Egner Granerud (Norwegen) betrachtet in Innsbruck den Goldenen Adler für den Sieger der Vierschanzentournee
Fotocredit: Getty Images
3.) DSV droht die große Klatsche
Innsbruck war in vergangenen Jahren bei der Vierschanzentournee oft der Schicksalsberg für die deutschen Skispringer. 2021 und 2020 verspielten Markus Eisenbichler und Karl Geiger mit schwachen Sprüngen alle Chancen auf den Tourneesieg. Ähnlich erging es Richard Freitag 2018 und Severin Freund 2016. Auch für Martin Schmitt platzte der Traum 1999 in Innsbruck nach zwei Tagessiegen in Deutschland.
Nach dem enttäuschenden Springen in Innsbruck, bei dem Philipp Raimund als bester Deutscher nur auf Rang 13 landete, droht den DSV-Adlern somit erstmals seit 2016/17 wieder eine Tournee ohne einen Podestplatz bei einem der vier Springen.
Nach mehreren Jahren, in denen die deutschen Springer bis zum Ende zumindest immer ums Podest der Vierschanzentournee mitsprangen, ist 2022/23 komplett der Wurm drin. Andreas Wellinger, der im Laufe der Tournee immer mehr an Substanz verlor, liegt in der Gesamtwertung als bestplatzierter DSV-Adler nach Innsbruck gerade mal auf Rang acht, Raimund ist 13.
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Bester Deutscher am Bergisel: Raimund macht auch in Innsbruck Freude
Quelle: Eurosport
"Momentan geht uns kein Wettkampf so richtig leicht von der Hand", sagte Wellinger bei Eurosport: "Wir sind alle auf der Suche nach dem richtigen Gefühl." Da mit Karl Geiger der eigentlich beste Deutsche völlig überraschend schon in der Qualifikation gescheitert war (51.), kämpfte das DSV-Team am Bergisel ein bisschen aber auch mit stumpfen Waffen.
"Es war nicht der erhoffte Befreiungsschlag", bilanzierte Eurosport-Experte Schmitt: "Man spürt es in der ganzen Mannschaft, dass man nicht dran ist und dann verkrampft man vielleicht auch ein bisschen. Bei allen Versuchen ranzukommen, geht es oftmals einen Schritt zurück."
Das musste sich auch der Bundestrainer eingestehen. "Ich habe nach Oberstdorf gedacht, dass wir die Kurve gekriegt haben. Aber leider haben wir wieder den anderen Weg eingeschlagen und haben uns zurückentwickelt. Die Situation ist schwierig für uns", meinte Stefan Horngacher bei Eurosport.
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Horngacher nach DSV-Debakel kritisch: "Uns fehlt die Stabilität"
Quelle: Eurosport
Im Team müsse man jetzt "gut zusammenhalten, gut analysieren und vor allem auch schauen, dass die Athleten ein bisschen die Motivation und die Leichtigkeit finden". Generell fehle aber "die Stabilität. Es war vorher schon ein Auf und Ab. Das hat sich hier jetzt fortgesetzt."
Das sieht man auch beim DSV so. "Der Tournee-Verlauf kann uns nicht zufriedenstellen", sagte der Sportdirektor Horst Hüttel bei Eurosport: "Da haben wir als Verband sowie das Trainerteam und die Athleten selbst höhere Ansprüche. Es ist im Moment keine einfache Zeit für uns."
Bis Bischofshofen, wo am Donnerstag nach 170 Kilometer Transfer bereits die Qualifikation steigt (16:30 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1 und im Livestream bei discovery+), kann man daran wenig ändern. "Man kann hier keine wahnsinnigen Schritte mehr machen", sagte Horngacher: "Man kann am Materialsetup ein bisschen was umstellen, das werden wir definitiv machen. Der Rest muss dann aber einfach passieren."
Als Trainer hoffe er einfach, "dass einer in einen Flow reinkommt. Vielleicht kann in Bischofshofen der ein oder andere was zünden." Darauf hofft auch Schmitt. "In der Tournee kann man nicht mehr viel reißen, aber einen versöhnlichen Abschluss schaffen", sagte der Eurosport-Experte: "Mein Eindruck ist, dass das Team schon sehr stark zusammensteht und in der schwierigen Situation niemand den Kopf in den Sand steckt."
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