Martin Schmitt im Interview zum Start der Skisprung-Saison über Wellinger, Eisenbichler und die neue Punkte-Regel

Die neue Skisprung-Saison steht unmittelbar vor der Tür und Martin Schmitt blickt gespannt auf die bevorstehenden Wettkämpfe. Im exklusiven Interview spricht der Eurosport-Experte über die Folgen der neuen Lande-Regelung und bewertet die Chancen der deutschen Springer um Karl Geiger, Markus Eisenbichler und Andreas Wellinger. Gerade Letztgenanntem rechnet Schmitt bereits zum Auftakt einiges aus.

Wellinger beeindruckt Schmitt: "Als Sportler enorm gewachsen"

Quelle: Eurosport

Am Freitag startet die Skisprung-Elite in Lillehammer (ab 16:15 Uhr im Liveticker sowie live auf Eurosport und bei discovery+) in die neue Weltcup-Saison.
Die Hoffnungen aus deutscher Sicht ruhen vor allem auf Andreas Wellinger, der in der Vorsaison Dritter im Gesamtweltcup wurde und bei der Vierschanzentournee lediglich Ryoyu Kobayashi den Vortritt lassen musste.
Eurosport-Experte Martin Schmitt rechnet dem 29-Jährigen auch in diesem Winter einiges aus. "Andi ist über die letzten Jahre als Sportler enorm gewachsen und hat jetzt das Selbstvertrauen, ganz vorne mitzumischen. Ich bin überzeugt, dass in dieser Saison etwas Großes für ihn aufgehen wird", betont der zweimalige Gesamtweltcupsieger.
Generell sieht der 46-Jährige das DSV-Team, dem in diesem Winter auch wieder Markus Eisenbichler angehört, gut für die neue Saison gerüstet.
Im exklusiven Interview bewertet Schmitt die Chancen der deutschen Springer/innen zum Auftakt in Lillehammer. Außerdem wagt er einen Blick auf die Konkurrenz und spricht über die Auswirkungen der neuen Regelung in Sachen Landung.
Herr Schmitt, wie groß ist Ihre Vorfreude auf die neue Skisprung-Saison?
Martin Schmitt: Die Vorfreude ist riesig - endlich geht es los! In der Sommervorbereitung habe ich schon viele tolle Sprünge gesehen, aber jetzt zählen die Weltcup-Wettkämpfe. Ich bin zuversichtlich, dass uns eine spannende und hochklassige Saison erwartet. Die Teams haben sich hervorragend vorbereitet, und wir können uns auf Skispringen auf höchstem Niveau freuen. Es werden aufregende Wettkämpfe mit weiten Sprüngen, beeindruckenden Landungen und wahrscheinlich auch vielen Diskussionen geben.
Bevor die neue Saison überhaupt begonnen hat, sorgt schon eine neue Regel bei den Haltungsnoten für Aufregung: Bei der Landung sollen nun drei statt der bisherigen zwei Punkte abgezogen werden. Wie stehen Sie zu dieser Änderung?
Schmitt: Das ist ein schwieriges Thema. Auf den ersten Blick mag der Unterschied von zwei auf drei Punkte nicht so groß erscheinen. Doch wenn man mit Kampfrichtern spricht, wird schnell klar, dass es eine interne Richtlinie gibt, die mehr beeinflussen kann, als nur diesen einen zusätzlichen Punkt. Es wurde präzisiert, wie die Abzüge vorgenommen werden. Dies gibt den Kampfrichtern deutlich mehr Spielraum, um Punkte für eine unsaubere Landung abzuziehen. Das führt zu größeren Unterschieden, was schon beim Sommer-Grand-Prix sichtbar war. Beim Wettkampf in Hinzenbach zum Beispiel erhielt Anze Lanisek für einen Sprung mit einem Fehler bei der Landung eine 12,0. Solche Bewertungen gab es früher nur, wenn man gerodelt (die Hand bei der Landung im Schnee; Anm. d. Red.) hat. Diese Art der Wertung hat große Auswirkungen, weshalb es Unstimmigkeiten gab: Ein Kampfrichter vergab eine 12,0, ein anderer eine 15,5 - und das wirft die Frage auf, wie solche Fälle am besten bewertet werden sollen. Es wird auf jeden Fall für Diskussionen sorgen. Durch den größeren Spielraum bei den Abzügen müssen die Springer wirklich auf der Hut sein.
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Schmitt beurteilt neue Lande-Regel: "Wird für Diskussionen sorgen"

Quelle: Eurosport

Aus dem deutschen Lager gab es deutliche Kritik. Markus Eisenbichler hat etwa bemängelt, dass gute Flieger ihre Sprünge dann nicht mehr ausreizen würden.
Schmitt: Zunächst einmal muss man sagen, dass niemand mit böser Absicht handelt. Wenn man das Reglement präzisieren möchte, kommen viele Details ins Spiel: Was passiert beispielsweise, wenn der Ski bei der Landung nicht sauber aufgesetzt wird? Oder wie wird die Armhaltung bewertet? Das Hauptproblem sehe ich darin, dass Landefehler doppelt bestraft werden - sowohl in der Landung selbst, also beim Abfedern des Landedrucks, und bei der Ausfahrt. Wenn es bei der Landung schon Probleme gibt, wirkt sich das automatisch auch auf die Ausfahrt aus. Ich erinnere mich an den Sprung von Stefan Kraft bei seinem Tourneesieg 2015 in Innsbruck, als er den alten Schanzenrekord pulverisierte (137 m; Anm. d. Red.) und das Stadion zum Beben brachte. Damals bekam er für die Landung in tiefer Hocke eine Wertung von 17,0. Wenn er heute mit einem ähnlichen Sprung nur eine 13,5 erhält, hat das natürlich große Auswirkungen, besonders wenn mehrere Punktrichter die Entscheidung treffen.
Können Sie die Kritik alos nachvollziehen?
Schmitt: Die Athleten sorgen sich, dass weite Sprünge - die ja das Besondere am Skispringen ausmachen und für die die Zuschauer ins Stadion kommen - zu stark bestraft werden. Gerade bei Flügen über Hillsize, dem Weitenbereich, bis zu dem eine sichere Landung möglich ist, sollte das nicht passieren. Das ist schließlich der Grund, warum wir alle Skispringen schauen. Ich hoffe daher, dass man in dieser Hinsicht mit Fingerspitzengefühl vorgeht und es keine größeren Dramen gibt. Wenn zu viele Details im Reglement beschrieben sind und für jeden noch so kleinen Fehler ein Abzug vorgesehen ist, kommen schnell viele Punkte zusammen, die dem Springer am Ende fehlen können. Wir werden sehen, wie sich das in der Praxis auswirkt. Es gibt aber auch Springer, die von dieser Regelung profitieren können, wie zum Beispiel Andreas Wellinger oder Stefan Kraft, die sehr sichere Landungen zeigen. Der Telemark ist ein traditionelles Technik- und Stilelement im Skispringen, das immer schon eine Rolle gespielt hat. Jeder Athlet wusste von Anfang an, dass er den Telemark zeigen muss, sonst gibt es Abzüge. Dieses Element wird nun noch stärker herausgestellt und gewinnt an Bedeutung. Nach Saisonende können wir dann Bilanz ziehen und bewerten, wie sich die Regelung wirklich ausgewirkt hat.
Für Markus ist es großartig, dass er von Anfang an wieder im Weltcup-Team dabei ist. Die vergangene Saison war für ihn sehr schwierig und hat sicherlich Spuren hinterlassen. Umso wichtiger ist es, dass er jetzt wieder Teil des Teams ist.
Blicken wir explizit auf das DSV-Team: Markus Eisenbichler hat sich nach zahlreichen Rückschlägen in der Vorsaison zurück ins Weltcup-Team gekämpft. Was trauen Sie ihm in diesem Winter zu?
Schmitt: Für Markus ist es großartig, dass er von Anfang an wieder im Weltcup-Team dabei ist. Die vergangene Saison war für ihn sehr schwierig und hat sicherlich Spuren hinterlassen. Umso wichtiger ist es, dass er jetzt wieder Teil des Teams ist. Wobei das natürlich auch für Constantin Schmid von großer Bedeutung gewesen wäre. Die beiden waren leistungsmäßig auf Augenhöhe, und der Bundestrainer musste eine Entscheidung treffen. Letztlich war Markus im Herbst einen kleinen Schritt voraus, was den Ausschlag gegeben hat. Mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen und mehr Stabilität in seinen Sprüngen traue ich Markus wieder Topleistungen zu. Dafür ist aber ein starker Einstieg in die Saison entscheidend. Die Schanzen in Lillehammer und Ruka, die jetzt zum Auftakt anstehen, liegen ihm gut. Dort kann er seine Flugqualitäten ausspielen. Wichtig ist, dass er Ergebnisse liefert, die ihm die nötige Bestätigung geben. Markus ist ein sensibler Sportler, der stark vom Selbstvertrauen abhängt. Wenn er das spürt, kann er wieder aufblühen. Ich drücke ihm fest die Daumen, dass ihm der Start gelingt.
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Schmitt optimistisch: "Traue Eisenbichler Topleistungen zu"

Quelle: Eurosport

Für Karl Geiger lief es in der Vorsaison alles andere als optimal. Was muss er tun, damit ihm jetzt der Turnaround gelingt?
Schmitt: Karl hatte mit den Regeländerungen zur Standhöhe und Keildicke größere Schwierigkeiten, was Anpassungen erforderlich machte. Die Anfahrtsposition ist für einen Skispringer ein äußerst sensibler Bereich. . Wenn man ein erfolgreiches Setup im Materialbereich und die Bewegung dazu perfektioniert hat und dann gezwungen ist, dieses funktionierende System zu ändern, stellt das eine große Herausforderung dar. Genau das war für ihn ein Problem, denn diese Änderungen kamen ihm nicht unbedingt entgegen. Karl hat in der Vergangenheit schon bewiesen, dass er solche Anpassungen meistern kann. Er braucht aber noch Stabilität und vor allem gute Ergebnisse, um sein Selbstvertrauen wieder aufzubauen und in jeder Wettkampfsituation bestehen zu können. Entscheidend wird sein, dass er seine Absprungbewegung optimiert und einen sauberen Übergang ins Flugsystem findet. Wenn ihm das gelingt, hat er definitiv das Potenzial, wieder ganz vorne mitzumischen.
Ich bin überzeugt, dass in dieser Saison etwas Großes für Andi Wellinger aufgehen wird.
Der große deutsche Hoffnungsträger ist einmal mehr Andreas Wellinger. Er wurde in der Vorsaison Zweiter bei der Tournee und Dritter im Gesamtweltcup. Warum könnte es für ihn in diesem Winter mit dem ganz großen Wurf klappen?
Schmitt: Ohne Zweifel war Andi der Stärkste in der Vorbereitung. Besonders im Herbst ist er richtig gut gesprungen und hat sich kontinuierlich gesteigert. In den letzten Wochen konnte er sein hohes Niveau weiter stabilisieren. Im Skispringen macht das einen großen Unterschied: Wenn man viele Sprünge auf konstant hohem Niveau absolviert, entsteht ein besonderes Gefühl - man hebt sich von den anderen ab, gewinnt an Sicherheit, und die Sprünge gelingen fast von selbst. Man muss nicht mehr aktiv in den Bewegungsablauf eingreifen, weil alles automatisch funktioniert. Das ist ein entscheidender Schritt, und genau in dieser Phase befindet er sich gerade. Natürlich bleibt abzuwarten, wie sich das im internationalen Vergleich auswirkt. Ich persönlich glaube, dass es für ihn viel wert ist und er schon am ersten Wochenende um den Sieg mitspringen kann. Andi ist über die letzten Jahre als Sportler enorm gewachsen und hat jetzt das Selbstvertrauen, ganz vorne mitzumischen. Ich bin überzeugt, dass in dieser Saison etwas Großes für ihn aufgehen wird.
Wer sind Ihrer Meinung nach seine größten Konkurrenten in diesem Winter? Vor allem die Österreicher haben mittlerweile gleich mehrere Siegspringer.
Schmitt: Die Österreicher haben in der Tat ein extrem starkes Team. Sie können es sich sogar leisten, Jonas Schuster - der im Herbst österreichischer Meister auf der Normalschanze wurde und auf der Großschanze den zweiten Platz belegte - zu Hause zu lassen. Ebenso bleibt auch Maximilian Ortner, der zuletzt auch auf hohem Niveau sprang, im Continental Cup. Das zeigt, wie tief besetzt ihr Kader ist. Diese starke zweite Reihe sorgt dafür, dass das Weltcupteam permanent unter Druck steht - es darf sich niemand ausruhen oder sicher fühlen. Das treibt die gesamte Mannschaft an, immer auf Angriff zu gehen, und genau das wird sich bei einigen Athleten bezahlt machen. Neben den Österreichern gibt es aber auch andere starke Konkurrenten. Ryoyu Kobayashi wird spätestens zur Vierschanzentournee wieder in Topform sein. Auch Marius Lindvik hatte einen sehr guten Sommer. Er hat im Materialbereich einiges verändert und die Skimarke gewechselt, was sich bislang positiv auszuwirken scheint.
In der Vorsaison gab es in Ruka zum Weltcup-Auftakt drei Podestplätze für das DSV-Team. Was stimmt Sie optimistisch, dass es in diesem Jahr mit einem ähnlichen Coup losgeht?
Schmitt: Es ist schwer, das im Vorfeld realistisch einzuschätzen. Am Ende hängt vieles davon ab, wie gut die Teams insgesamt für die neue Saison aufgestellt sind, insbesondere was den Materialbereich angeht. Wer konnte im Sommer noch einmal zulegen? Wie sind die Anzüge? Genau das macht das erste Training so spannend: Wo steht man im Vergleich zur Konkurrenz? Ich denke, Andi Wellinger hat das Potenzial, ganz vorne um den Sieg mitzuspringen. Mit Karl Geiger, Pius Paschke und vielleicht auch Markus Eisenbichler haben wir zudem Athleten, die Chancen auf die Top Ten haben. Ob es wieder für mehrere Podestplätze reicht, wird sich zeigen. Der Mann fürs Podest ist vorerst ganz klar Andi Wellinger, aber die anderen sind nicht weit weg und haben ebenfalls das Niveau für Spitzenplätze.
Den Auftakt machen in Lillehammer im Einzel die Frauen. Was können wir von den deutschen Springerinnen um Katharina Schmid erwarten?
Schmitt: Im Vorfeld hört man immer wieder von Teams, wie weit auf welcher Schanze und bei welchen Bedingungen gesprungen wurde - da gibt es im Herbst oft Sensationsmeldungen aus verschiedenen Lagern. Aber ich glaube, das deutsche Team ist gut aufgestellt. Mit Heinz Kuttin haben die Springerinnen viel Ruhe, eine klare Ansprache und Linie gewonnen. Das Team harmoniert hervorragend, die Athletinnen fühlen sich gut aufgehoben. Besonders mit Katharina Schmid haben sie eine Springerin, die vorne mitmischen kann. Natürlich bleibt abzuwarten, wie stark die Konkurrenz sein wird.
Simon Ammann ist im Vergleich zu Noriaki Kasai ja fast noch ein Jungspund (lacht).
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Noriaki Kasai (l.) und Simon Ammann 2015 in Innsbruck

Fotocredit: Getty Images

Kommen wir zum Abschluss noch zu zwei Legenden: Simon Ammann und Noriaki Kasai. Die beiden haben mit 43 beziehungsweise 52 Jahren noch immer nicht genug. Reiben Sie sich auch manchmal verwundert die Augen, wenn Sie sehen, dass die beiden noch immer auf so einem hohen Niveau springen?
Schmitt: Simon ist im Vergleich zu Noriaki ja fast noch ein Jungspund (lacht). Beide verbindet eine unglaubliche Leidenschaft für den Sport. Sie machen das nach wie vor mit Begeisterung und haben weiterhin ihre persönlichen Ziele vor Augen. Diese Motivation und Hingabe verdienen großen Respekt. Natürlich wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, sich im Weltcup zu behaupten. Auch wenn es vermutlich nicht mehr für den ganz großen Wurf reicht, stellen sie immer wieder ihre Klasse unter Beweis und können bei einzelnen Weltcup-Auftritten noch mit guten Leistungen überzeugen. Ich bin gespannt, was die beiden in dieser Saison noch zeigen werden.
Was treibt einen Noriaki Kasai noch an? Immerhin hat er in seiner Karriere nahezu alles erreicht.
Schmitt: Ich glaube, Noriaki fühlt sich in der Rolle wohl, etwas historisch Einzigartiges zu schaffen - in seinem Alter noch im Weltcup mithalten zu können. Er besitzt nach wie vor großartige Fähigkeiten, auch wenn er nicht mehr die Athletik von früher hat. Sein außergewöhnliches Gespür für das Fliegen und sein Gefühl für die Luftkräfte sind beeindruckend. Auch seine Technik, einen Sprung schnell zu machen und den Übergang vom Absprung in die Fluglage zu meistern, bleiben bewundernswert. Diese Qualitäten kann er unter bestimmten Bedingungen, besonders auf großen Schanzen, voll zur Geltung bringen. Das verdient großen Respekt. Gerade beim Skifliegen zeigt er immer wieder seinen Mut und seine Stärken. Es ist wirklich eindrucksvoll, wie er sich dort präsentiert.

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