Skispringen: Anzug-Skandal der Norweger - Werner Schuster exklusiv über Manipulation, FIS muss sich hinterfragen
Update 10/03/2025 um 16:44 GMT+1 Uhr
Der Manipulationsskandal rund um die norwegischen Skispringer bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim schlägt hohe Wellen und stellt die Sportart an einen Scheideweg. "Es ist ein sehr trauriger Tag für das Skispringen", erklärte Eurosport-Experte Werner Schuster im exklusiven Interview. Das Statement des norwegischen Sportdirektors Jan Erik Aalbu hält er zudem für "völlig unglaubwürdig".
Norwegens Sportchef Aalbu: "Wir haben bewusst betrogen"
Quelle: Eurosport
Die Bombe ist geplatzt, übrig bleibt nur ein Scherbenhaufen. Nach dem Anzug-Skandel rund um das norwegische Skisprungteam bei der Weltmeisterschaft in Trondheim steht die Aufarbeitung auf dem Programm. Das Vorhaben ist jedoch deutlich komplexer als es auf den ersten Blick erscheint.
"Jeder zeigt nun mit dem Finger auf die Norweger. Aber das ist nicht nur ihr Problem, sondern eines des gesamten Skispringens", unterstreicht Eurosport-Experte Werner Schuster im exklusiven Interview.
Neben dem norwegischen Verband, dessen Statement der ehemalige Bundestrainer als "völlig unglaubwürdig" abstempelt, müsse sich auch der Weltverband FIS hinterfragen.
"Die FIS ist nicht ganz unschuldig in dieser Angelegenheit. Die Verantwortlichen müssen sich fragen: Wie konnte es so weit kommen?", meint Schuster.
Herr Schuster, wie fiel Ihre erste Reaktion auf die Manipulation der norwegischen Skispringer aus?
Werner Schuster: Während der Übertragung gab es schon erste Spekulationen, da wir durch Martin Schmitt sehr gut informiert waren, er befand sich in Trondheim am Puls des Geschehens. Mein erster Gedanke war, dass man versuchen wird, einen Skandal zu vermeiden und die Sache im Nachgang aufzuklären. Dann haben sich die Ereignisse überschlagen. Es ist sehr schmerzhaft, vor allem wenn man so lange in dieser Welt des Skisprungs verankert ist wie ich. In diesem Moment weiß man: Das tut dem Skispringen nicht gut. Nicht nur dem norwegischen Skispringen, sondern der gesamten Sportart. Trotzdem: Es rumorte schon etwas länger, deswegen ist es an der Zeit gewesen. Jetzt geht es darum, die Angelegenheit sauber aufzuarbeiten und etwas Positives rauszuziehen. Es ist ein sehr trauriger Tag für das Skispringen.
Jeder zeigt nun mit dem Finger auf die Norweger. Aber das ist nicht nur ihr Problem, sondern eines des gesamten Skispringens.
Wird es eine Zeit vor der Manipulation und eine Zeit danach geben - ist das ein Wendepunkt im Skispringen?
Schuster: Das hängt von einer sinnvollen Aufarbeitung ab. Das Thema Material ist eine besondere Geschichte, dafür muss man etwas ausholen. Auch in anderen Sportarten spitzt sich die Situation immer weiter zu. Die Margen werden immer kleiner, um noch einen Leistungssprung herauszukitzeln. Skispringen ist zwar eine technische und koordinative Sportart, aber auch abhängig vom Material – und das haben die Teams in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter optimiert. Das Regelbuch ist dadurch immer dicker geworden, die Kontrollen stetig aufwendiger. Spekulationen und gegenseitige Anschuldigungen gab es schon immer. Jetzt haben wir eine neue Dimension, es hat ein Level erreicht, auf dem man – das ist zumindest der erste Eindruck – von einer systematischen Manipulation sprechen kann. Es wurden Grenzen überschritten. Jeder zeigt nun mit dem Finger auf die Norweger. Aber das ist nicht nur ihr Problem, sondern eines des gesamten Skispringens. In vielen anderen Bereichen werden ebenso Grenzen ausgelotet. Das ist aber eine neue Liga. Und da müssen sich die schlauen Köpfe zusammensetzen und eine Kultur etablieren, die den Sportlern wieder einen fairen Rahmen bieten kann.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/08/4107060-83278848-2560-1440.png)
Schmitt-Analyse zum Anzugskandal: "Hier wird aktiv versucht zu manipulieren"
Quelle: Eurosport
Anfang Januar haben wir über die Schummelvorwürfe gegen die österreichischen Skispringer gesprochen, damals haben sie ein gewisses Grundvertrauen eingefordert. Rücken nun auch diese Erfolge in ein fahles Licht?
Schuster: Das muss man differenzieren! Es war schon auffällig, dass die Österreicher plötzlich die ersten fünf Plätze belegt haben – aber das muss noch lange nichts mit Manipulation zu tun haben. Es gibt auch innerhalb des Regelwerks Möglichkeiten, Optimierungen vorzunehmen. Das muss aber kein Betrug sein. Was die Norweger veranstaltet haben, ist eine völlig andere Dimension. In dieser Hinsicht kann man Skispringen sehr gut mit der Formel 1 vergleichen: Wenn ein neues Reglement in Kraft tritt, gibt es häufig auch ein Team, das sich am besten auf die neuen Anforderungen eingestellt hat und vorne wegfährt. Vor dieser Saison gab es erneut einige Regeländerungen und die Österreicher haben sich meiner Meinung nach am schnellsten daran angepasst. Die Konkurrenz wollte diese Lücke schließen und die Norweger haben das auf dem manipulativen Weg versucht. Während meiner Zeit als Cheftrainer hat man natürlich auch darüber spekuliert, wenn jemand richtig weit gesprungen ist. Letzten Endes ist man sich aber immer einig geworden. Jetzt hat es aber eine Dimension erreicht. Die Anschuldigungen wurden immer größer, das Vertrauen wurde erschüttert.
Wie ist die Rolle der FIS in diesem Szenario zu beurteilen?
Schuster: Die FIS ist nicht ganz unschuldig in dieser Angelegenheit. Die Verantwortlichen müssen sich fragen: Wie konnte es so weit kommen? Die Untersuchung ist nur durch massivsten Druck zustande gekommen. Die erste Reaktion der FIS war, jene Person, die den Vorgang wie ein Agent gefilmt hat, in die Ecke zu stellen und als Bösen darzustellen. Die Rolle der FIS ist genauso zu hinterfragen. Die Verantwortungsträger müssen den Sport schützen und haben ihr Bestes versucht. Aber dadurch, dass es so weit gekommen ist, kann man die FIS Verantwortlichen nicht komplett freisprechen.
Aus meiner Sicht sind die verantwortlichen Personen nicht zu halten, vor allem der Cheftrainer. Für mich wäre es ein Wunder, wenn Magnus Brevig am Wochenende in Oslo auf dem Turm stehen würde.
Welche Konsequenzen sollten gezogen werden?
Schuster: Das muss ein umfassender Maßnahmenkatalog sein. Zuallererst geht es darum, die Saison zu Ende zu bringen. Unmittelbare Konsequenzen erwarte ich mir zunächst von der norwegischen Seite. Das Statement von Sportdirektor Jan Erik Aalbu hat mir gar nicht gefallen. Jeder, der sich im Skispringen auskennt, weiß, dass seine Aussagen völlig unglaubwürdig sind. Die Geschichte, dass nur zwei Anzüge für diesen einen Tag manipuliert worden seien und die Athleten nichts gewusst hätten – das ist mir sauer aufgestoßen. Das war ganz nach dem Motto: Wir geben nur das zu, was man uns zu 100 Prozent nachweisen kann. Aus meiner Sicht sind die verantwortlichen Personen nicht zu halten, vor allem der Cheftrainer. Für mich wäre es ein Wunder, wenn Magnus Brevig am Wochenende in Oslo auf dem Turm stehen würde. Im Anschluss brauchen wir eine Aufklärung seitens der FIS: Das Regelwerk muss überarbeitet, der Dialog mit den Verbänden gesucht werden. Am Ende sitzen eben alle im selben Boot, der Sport muss in den Vordergrund rücken. Dieser Prozess wird aber einige Monate in Anspruch nehmen. (Magnus Brevig wurde am Montagnachmittag suspendiert; Anm.d.Red.)
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/09/4107424-83286133-2560-1440.jpg)
Norwegens Sportchef redet sich raus: "Ich habe nichts gewusst"
Quelle: Eurosport
Wäre es ein Statement der FIS, wenn alle Medaillen der norwegischen Skispringer annulliert werden würden?
Schuster: Das wäre ein Schnellschuss, bisher gibt es nur Indizien. Das muss genauestens aufgearbeitet werden. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass Andreas Wellinger im Oktober noch die Goldmedaille von Marius Lindvik bekommt. Das ist durchaus möglich. Dafür müssen aber zuerst alle Fakten zusammengetragen werden. Eine schnelle Entscheidung erwarte ich mir nicht. Auf dieser Basis kann man niemandem etwas aberkennen. Sollte sich die Sachlage ändern, ergibt sich ein neues Bild und man kann ein Exempel statuieren. Bislang ist das aber alles nur Spekulation.
Wäre eine maschinelle Kontrolle der Anzüge der notwendige Schritt?
Schuster: Ehrlicherweise muss man sagen: Der Weisheit letzter Schluss ist noch niemandem eingefallen – auch mir nicht. Man hat mit Körpern, die sich verändern, und elastischen Stoffteilen zu tun. Eine Skilänge kann man ganz einfach messen, bei plastischen Dingen ist das leider nicht der Fall. Trotzdem muss man darüber nachdenken. Die schlauen Köpfe müssen ein Regelwerk ausarbeiten, wo gewisse Grundpfeiler eingehalten werden. Zudem sollte das Reglement für einen gewissen Zeitraum gleich bleiben. Eine neue Regel verursacht immer Gegenreaktionen, das macht die Angelegenheit irgendwann sehr kompliziert. Man muss zurück auf ein paar Grundfeste: Messen, was man messen kann, und der Rest darf nicht ausufern. Dann sollte es uns auch gelingen, den Sport wieder in den Vordergrund zu rücken.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/08/4106997-83277593-2560-1440.jpg)
FIS-Renndirektor Pertile zu Norweger-Eklat: "Kein guter Moment"
Quelle: Eurosport
Wie sollte der Deutsche Skiverband damit umgehen?
Schuster: Der DSV hat sich positioniert, ist aber auch in diesem System gefangen. Es herrscht großer Erfolgsdruck, trotzdem brauchen wir einen Kulturwandel. Der deutsche Skiverband kann eine Vorreiterrolle einnehmen in der Aufarbeitung der Geschehnisse und in der zukünftigen Ausrichtung des Skisprungsportes.
Das könnte Dich auch interessieren: "Darf nicht sein": Schmitt fordert härtere Strafen nach Norwegen-Skandal
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/08/4107008-83277808-2560-1440.png)
Highlights: Die denkwürdige Entscheidung von der Großschanze
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung