Werner Schuster exklusiv zu Neuerungen bei den Olympischen Winterspielen in Mailand Cortina: "Ein notwendiges Übel"
Update 25/11/2025 um 18:36 GMT+1 Uhr
Werner Schuster blickt im Gespräch mit Eurosport.de auf eine Skisprung-Saison voraus, die alles mitbringt, um ein Wintermärchen zu werden. Vierschanzentournee, Skiflug-WM, Olympia - mehr geht nicht. "Eine pickepacke volle Saison - und das ist gut so", freut sich der Ex-Bundestrainer. Mit den olympischen Neuerungen hat Schuster aber so seine Probleme und spricht von einem "notwendigen Übel".
Schuster zum neuen Super-Team bei Olympia: Nicht ideal
Quelle: Eurosport
Nach 20 Jahren kehren die Olympischen Winterspiele in die Alpen zurück, für viele Stars sind die Wettbewerbe im Stadio del Salto Giuseppe Dal Ben von Predazzo ein Lebenstraum. Bis dahin sei es aber "noch ein langer Weg", sagt Werner Schuster im Interview mit Eurosport-Redakteur Jonas Klinke.
Lang und hochinteressant, schließlich befindet sich der Skisport in der Saison eins nach dem Anzugskandal rund um die norwegische Mannschaft.
Es brauchte Regelanpassungen, neues Kontrollpersonal. Schuster sieht den Weltverband (FIS) auf einem guten Weg, ein zweites Fiasko dieser Art zu unterbinden.
Das sei immens wichtig, um "Glaubwürdigkeit zurückgewinnen" und das Image der Sportart zu stärken, unterstreicht der Österreicher, der von 2008 bis 2019 als Bundestrainer eine sehr erfolgreiche Ära im DSV prägte.
Mit den beiden grundlegenden Neuerungen im Skispringen bei den Olympischen Winterspielen kann sich Schuster indes noch nicht anfreunden, wie er bei Eurosport.de verrät:
Mit den Olympischen Spielen von Mailand und Cortina hält der Winter ein absolutes Highlight bereit - aber das ist noch lange nicht alles.
Werner Schuster: Ja, es wird eine pickepacke volle Saison - und das ist gut so. Schon bis zur Vierschanzentournee, dem ersten Gradmesser des Winters, ist es ein langer Weg. Kurz darauf steigt die Skiflug-WM in Oberstdorf, auch das ein echter Höhepunkt für die Athleten. Erst danach kann man sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten. Es braucht also einen langen Atem. Der Winter wird super spannend, zumal wir ja im Hinblick auf das Material eine leichte Regeländerung haben. Aus meiner Sicht wird das Feld dadurch näher zusammenrücken.
Ein favorisiertes Team gibt es aber schon, oder?
Schuster: Die Österreicher werden nach der überragenden Saison 2024/2025 die Gejagten sein. Der ÖSV hat ein junges Team und wird das Tempo wieder vorgeben. Aber auch Ryoyu Kobayashi hat bereits im Sommer gezeigt, wie stark er ist.
Das tut dem Image des Skispringens ebenso gut wie den Wettbewerben. So kann die Sportart profitieren und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.
Nach dem Anzugskandal bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim hat die FIS einige Regeln überarbeitet. So gibt es bei Disqualifikationen nun die Gelbe und Rote Karte wie im Fußball. Außerdem wurden Anzugmaße angepasst. Wie bewerten Sie die neuen Regeln?
Schuster: Es gab im Sommer eine Testphase, das sah gut aus. Dazu hat man mit Matthias Hafele einen absoluten Fachmann dazugeholt. Nicht, dass wir zuvor keine Fachleute gehabt hätten, aber: Matthias stand als Springer auch auf der anderen Seite, ist ein Insider, kennt jeden Trick. Wenn der einen Anzug anpackt, weiß er genau, wo die Naht hinversetzt wurde. Nun gilt es abzuwarten, wie es sich im Winter entwickelt. Prinzipiell sind die Regeln gar nicht so stark verändert worden.
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Probelauf in Predazzo: Schmitt nimmt Olympia-Schanze unter die Lupe
Quelle: Eurosport
Bedeutet?
Schuster: Man hat Richtmaße eingeführt, Stichwort "Top of the leg". Beim Oberschenkelmaß ist ein exaktes Prozedere standardisiert worden, es gibt keine Ausreden mehr. Danach muss nicht diskutiert werden, wie das Maßband angelegt wurde. Ein richtiger Schritt. Nun liegt es an der FIS und den Leuten um Matthias Hafele, das umzusetzen. Dann haben wir mehr Transparenz, eine höhere Chancengleichheit für alle - ob das die "größeren" oder "kleineren" Nationen sind, ob es ärmere oder reichere Athleten betrifft, jüngere oder ältere Sportler. Das tut dem Image des Skispringens ebenso gut wie den Wettbewerben. So kann die Sportart profitieren und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.
Ich will nicht verhehlen, dass ich es nicht perfekt finde, die Quoten zu reduzieren und die Damen da mit reinzunehmen. Vielmehr hätte ich mir gewünscht, das Damen-Skispringen als eigenständige Sportart zu akzeptieren.
Sind Sie zufrieden mit den Lehren, die der Weltverband FIS aus dem Skandal gezogen hat?
Schuster: Man hat das Kontrollteam erweitert, was not wenig war. Die FIS hat in diesen Bereich investiert. Die Frage ist: Was passiert weiter unten, im Nachwuchsbereich? Da fehlt es natürlich an finanziellen Mitteln und der Manpower. Wichtig ist, dass insgesamt eine neue Denkweise ins System kommt. Meiner Beobachtung nach hat sich die FIS sehr ernsthaft mit der Thematik auseinandergesetzt und Schritte eingeleitet. Ob das reicht, sehen wir nach der Saison.
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Werner Schuster während seiner Zeit als Bundestrainer beim DSV
Fotocredit: Getty Images
Das große Ziel sind die Olympischen Spiele im Februar. In Predazzo gibt es allerdings zwei massive Neuerungen: Unter anderem werden keine Qualifikationen mehr ausgetragen, stattdessen stehen die 50 Athletinnen und Athleten für den Wettkampf schon vorher fest. Ihre Meinung?
Schuster: Die Abschaffung der Qualifikation hat sich quasi ergeben, die ist der Quotenregelung zum Opfer gefallen. Ich stehe der Entscheidung nicht so positiv gegenüber. Als Trainer war ich in Deutschland für eine große Skisprung-Nation verantwortlich, als Österreicher komme ich aus einer solchen. Da hat man viele sehr gute Springer, kann nun aber keinen Ersatzmann mehr mitnehmen. Dazu gibt es Topnationen wie Slowenien, die gar keine vier Startplätze haben. Gleichzeitig braucht es die Vielfalt, man kann sich nicht auf ein paar Länder beschränken, da geht es auch um die Glaubwürdigkeit vor dem IOC. Es ist also notwendig. Ich will nicht verhehlen, dass ich es nicht perfekt finde, die Quoten zu reduzieren und die Damen da mit reinzunehmen. Vielmehr hätte ich mir gewünscht, das Damen-Skispringen als eigenständige Sportart zu akzeptieren, dann hätte man nicht bei den Herren Starter streichen müssen.
Wenn die Alternative gewesen wäre, das Team ganz abzusagen, dann doch lieber das neue Super-Team-Format - auch wenn ich der klassischen Variante schon nachweine.
Sehen Sie auch positive Aspekte?
Schuster: Das IOC musste reagieren, da alles immer größer wird. Der Vorteil ohne Qualifikation liegt darin, dass auch sogenannte kleinere Nationen präsent sind.
- Skisprung-Weltcup: Kalender und Ergebnisse | Gesamtweltcup: Herren + Damen
Die zweite große Neuerung ist, dass das klassische Teamspringen mit vier Startern pro Nation durch den Super-Team-Wettkampf mit nur zwei Athleten ersetzt wird. IOC und die FIS erhoffen sich dadurch mehr teilnehmende Teams. Nachvollziehbar?
Schuster: Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen, goutiere sie aber nicht. Es war schon so, dass das Teamspringen an Vielfalt verloren hat, immer weniger Länder dabei waren. Das lag daran, dass einige Mannschaften Schwierigkeiten hatten, vier leistungsstarke Athleten an den Start zu bringen. Blicke ich auf meine Trainerkarriere, dann hat mich das Teamspringen stark geprägt und beeinflusst. Wenn man bei den Topnationen nachfragt, waren es für alle immer unfassbare Wettkämpfe mit einer Menge Spannung. Das ist der eigentliche Sinn des Teamwettkampfs. Richtig angefreundet habe ich mich daher noch nicht mit der Zweier-Variante, es ist offenbar ein notwendiges Übel geworden. Es ist meines Erachtens aber nicht mehr der klassische Mannschaftswettbewerb. Beim Mixed-Event hat man vier Aktive, eine Langlauf-Staffel besteht ebenfalls aus vier Sportlerinnen oder Sportlern. Wenn die Alternative gewesen wäre, das Team ganz abzusagen, dann doch lieber das neue Super-Team-Format - auch wenn ich der klassischen Variante schon nachweine.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schuster.
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Quelle: Eurosport
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