Natürlich: Die Weltmeisterschaft ist so, wie wir sie kennen, ein Anachronismus. Kein anderer moderner Top-Sport kommt auf die Idee, sein wichtigstes Turnier an einem Ort zu spielen, der nur gut 980 Fans Platz bietet. Nicht umsonst sind die Tickets immer in kürzester Zeit ausverkauft. Die World Snooker Tour als Veranstalterin könnte locker ein Vielfaches an Eintrittskarten an den Mann oder die Frau bringen. Das würde es auch erlauben, das Preisgeld deutlich zu erhöhen.
Hinzu kommt, dass das Crucible für moderne Marketing-Maßnahmen einfach zu klein ist. Für VIP-Lounges und Hospitality-Angebote ist schlicht kein Platz. Dabei würden derartige Maßnahmen das Spektakel noch einmal vergrößern und außerdem zusätzliche Einnahmemöglichkeiten eröffnen.
Für Judd Trump ist es ein Unding, dass bei der WM die Matches teilweise über drei Tage laufen. Und ein Halbfinale oder ein Finale würde sich niemand von vorne bis hinten anschauen, auch er selber nicht. Den gelegentlichen Fan, so argumentiert er, würde man damit eher vertreiben und keine neuen gewinnen.
Snooker-WM
"Eine Qual": Robertson will WM-Format ändern und vom Crucible weg
03/09/2021 AM 16:17
Also weg damit? Man darf sich ja keine romantischen Illusionen machen: Profi-Sport ist immer auch Business. Man muss ein Spektakel bieten, das ausreichend viele Menschen interessiert. Nur dann kommt man an das Geld von Sponsoren und TV-Sendern, um nicht nur die Veranstaltungen, sondern vor allem auch die Preisgelder zu finanzieren.
Aber Vorsicht! Man darf nicht nur auf den vordergründigen finanziellen Erfolg schielen. Tradition, Erbe und Aura mögen immaterielle Werte sein. Aber die sind für eine Veranstaltung wie die WM von hohem Wert. Die machen die Weltmeisterschaft nämlich zu etwas Besonderem. Diesen Status des Außergewöhnlichen kann man aber schnell verspielen. Die WM wäre dann nur noch ein Turnier mit besonders hohem Preisgeld, das sich ansonsten aber wenig von anderen Turnieren unterscheidet.

"Zweite Chance genutzt": Murphy gelingt Fluke im Crucible

Snooker-WM sollte im Crucible bleiben

Barry Hearn hatte ja nie ein Problem damit, alte Zöpfe abzuschneiden. Das hat wesentlich zu seinem geschäftlichen Erfolg beigetragen. Da ist es bezeichnend, dass er ausgerechnet die Weltmeisterschaft so belassen hat, wie sie ist (zumindest die Endrunde im Crucible; der Qualifikations-Modus wurde ja mehrfach verändert). Er hat immer den Wert der Tradition betont. Einmal meinte er gar, er wolle nicht der Mann sein, auf dessen Grabstein einst stehe: "Hier ruht der Mann, der die Snooker-WM aus dem Crucible weggeholt hat."
Natürlich ist die WM in dieser Form ein Anachronismus. Aber Snooker ist eben deshalb erfolgreich, weil es in vielfacher Hinsicht anders ist als andere Sportarten. Das ist eine Erfahrung, die ich oft gemacht habe, wenn ich mit Fans darüber gesprochen habe, wie sie zum Snooker gekommen sind. Ich mag ja ein Traditionalist und ein bisschen auch ein Romantiker sein, aber mein Rat (um den mich niemand gebeten hat) ist: Lasst die WM wie sie ist, lasst die WM weiterhin der heilige Gral des Snooker sein!
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
Das könnte Dich auch interessieren: Trump sicher: O'Sullivan spielt noch mindestens zehn Jahre auf Topniveau

Selby will Trump vom Thron stoßen: "Will die Nummer eins werden"

Snooker
Ex-Snookerprofi kritisiert O'Sullivan: Zu wenig WM-Titel gewonnen
VOR EINEM TAG
English Open
Hendry schafft Qualifikation, Jimmy White gestoppt
GESTERN AM 05:38