Die Tour Championship ist normalerweise ein guter Form-Kompass. Schließlich ist das eine Art Mini-WM kurz vor dem WM mit langen Distanzen, und eine Vielzahl der üblichen Verdächtigen auf den Gewinn des WM-Titels sind auch dabei. Gerade in diesem Jahr aber hat die Tour Championship bei einigen Spielern viele Fragen aufgeworfen.
Natürlich: Nach seinem Sieg in Llandudno ist Neil Robertson der große WM-Favorit. Zu überragend war die Leistung des Australiers, auch schon die ganze Saison über. Aber auch in den letzten Jahren ging er als Favorit in die WM, spielte in den ersten Runden dann überragend und ging im Viertelfinale unter. Und er macht ja auch keinen Hehl daraus, dass er die WM nicht mag.
Zum einen sind Neil Robertson die Distanzen bei der WM zu lang. Dabei ist er einer der fittesten Spieler. Er sollte also weniger Probleme mit den physischen Anforderungen haben als andere. Für mich ist das eher eine Kopfsache. Und das gilt noch mehr für ein zweites Problem, auf das er immer wieder hingewiesen hat: Im Crucible Theatre sei es viel zu eng, solange da auf zwei Tischen gespielt werde. Er könne gar nicht richtig in den Stoß gehen.
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Natürlich gehört es zur Stoßvorbereitung bei Robertson, dass er sich in einiger Entfernung vom Tisch in die Visierlinie stellt, dann zwei Schritte vorgeht und in die Stoßhaltung geht. Das ist im Crucible oft nicht möglich. Aber Joe Perry hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte, wenn das wirklich ein so großes Problem sei, dann müsste Neil immer in der ersten Runde ausscheiden. Da spielt er aber meist überragend. Perry sprach von einer "Blockade", und ich teile diese Meinung.

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Sorgen um Judd Trump

Ein anderer Spieler, um den ich mir Sorgen mache, ist Judd Trump. Natürlich war klar, dass er nicht immer so überragend spielen konnte, wie er das vom Northern Ireland Open 2018 bis zu den Gibraltar Open 2021 gemacht hat. Irgendwann musste er mal wieder auf den Boden kommen. Das ist in dieser Saison passiert.
Er scheint es aber noch nicht gelernt zu haben, mit dieser für ihn neuen Situation zurechtzukommen. Snooker mache ihm im Moment keinen Spaß, meinte er nach der Niederlage bei der Tour Championship, und spekulierte über eine möglicherweise auch lange Pause. Da schwingt für mich ein bisschen Ratlosigkeit mit. Auch der Stop-and-Go-Charakter der letzten Saison (weil die Turniere in China ja noch fehlten) machte es offensichtlich schwierig für ihn.
Als er in überragender Manier das Turkish Masters gewonnen hatte schien der alte Judd Trump wieder da zu sein. Aber die seelenlosen Auftritte in Gibraltar und bei der Tour Championship waren klare Warnsignale.
Eigentlich bringt John Higgins alles mit, um bei der WM erfolgreich zu sein. Er kennt das Business im Crucible wie kaum ein anderer. Und auch ohne Titel hat er eine bärenstarke Saison gespielt. Aber kommt er darüber hinweg, dass er im Finale in Llandudno eine 9:4-Führung aus der Hand gegeben hat. Zumal das ja nicht das erste Finale in dieser Saison war, das er trotz klarer Führung noch verloren hat.

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Niederlage nagt an Higgins

Unmittelbar nach der Niederlage gegen Neil Robertson spekulierte John Higgins sogar selber darüber, ob er jemals darüber hinwegkommen könne; besonders die Rote, die er im letzten Frame verschossen hat, schien er dabei nicht aus dem Kopf zu bekommen. Das muss er aber bis zur WM überwinden. Wenn die für ihn auch zu einer Enttäuschung werden sollte, dann könnte das der Anfang vom Ende der Karriere von John Higgins sein.
Wer bei der Tour Championship Rückenwind für seine WM-Kampagne bekommen hat, obwohl er im Halbfinale ausschied, ist Ronnie O'Sullivan. Der hat in Llandudno zwei überragende Matches gespielt. Zehn Centuries in 19 gewonnenen Frames ist eine überragende spielerische Leistung. Und er weiß selber ganz genau, dass man gegen einen Neil Robertson in Top-Form trotz toller Leistung verlieren kann. Er braucht also im Crucible Theatre keinen Gegner zu fürchten.
Dass Titelverteidiger Mark Selby eine entscheidende Rolle bei der WM spielt kann ich mir nicht vorstellen. Seit seinem Aus in der zweiten Runde der Welsh Open hat er eine Pause eingelegt. Da fehlt einfach die Matchpraxis. Zudem kann seine WM-Vorbereitung nicht optimal sein. Dazu hat er zuviel mit anderen (und wichtigeren) Problemen zu kämpfen.
Wenn aber einige der üblichen Verdächtigen schwächeln, dann wittern andere Spieler Morgenluft. Das kann der WM eine ganz besondere Dynamik verschaffen. Ein Außenseiter-Sieg war lange nicht mehr so leicht möglich wie in diesem Jahr. Da liegen 17 spannende Tage im Crucible Theatre vor uns. Und darauf können wir uns natürlich freuen. Eurosport berichtet selbstverständlich wieder ausführlich im linearen TV, im Player und online über alles, was sich bei der WM tut.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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