Kevin Krawietz und Andreas Mies exklusiv: "Wir wollen dieses Image brechen"

Kevin Krawietz und Andreas Mies haben nicht nur Tennisgeschichte für Deutschland geschrieben, sondern auch dem Doppel zu neuer Popularität verholfen. Im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de erklären die zweimaligen French-Open-Sieger, was Ihnen der Erfolg bedeutet, welches Image sie ihrer Disziplin vom Hals schaffen wollen und wie sie zu den umstrittenen Einlagen ihres Kollegen Nick Kyrigos stehen.

Andreas Mies (li.) und Kevin Krawietz (re.)

Fotocredit: Imago

Kevin Krawietz und Andreas Mies sind entspannt, der knappe Auftaktsieg in München gegen Hans Hach Verdugo und Philipp Oswald ist noch keine zwei Stunden her. Für das deutsche Doppel, auch unter dem "Markennamen" KraMies bekannt, zählt im Moment jeder Sieg, egal in welcher Runde, egal bei welchem Wettbewerb.
Noch befinden sich der Oberfranke und der Kölner in der Findungsphase. Im vergangenen Jahr zog sich der 31-jährige Mies eine Knieverletzung zu, fiel nach einer Operation lange aus.
Der gemeinsame Traum von Olympia in Tokio platzte, Krawietz trat daher mit Tim Pütz an. Im Januar dann der erste KraMies-Auftritt nach knapp 13 Monaten - unter erschwerten Bedingungen. "Wir waren plötzlich nicht mehr gesetzt. Das hat uns harte Auslosungen beschert", erinnert sich Mies im Gespräch mit Eurosport.de.
Vor einer knappen Woche der Durchbruch: Die Deutschen holten den Titel beim ATP-Turnier in Barcelona. Stolz sind die beiden Doppelstars nicht nur auf ihre Erfolge, sondern auf die Wirkung, die diese entfalten.
Krawietz und Mies finden aber auch kritische Worte. Zum Beispiel, wenn es um Grenzüberschreitungen auf dem Court geht. Psychospielchen mit den Gegnern verdammen sie nicht per se, es kommt aber auf das Wie an.
Das Interview führte Tobias Laure
Ist ein Comeback im Doppel schwieriger als im Einzel? Es muss ja nicht nur die individuelle Leistung stimmen, sondern auch das Zusammenspiel mit dem Partner.
Kevin Krawietz: Auf jeden Fall. Doppel ist Teamsport. Du musst individuell an deinen Sachen arbeiten und hoffen, dass dein Partner dasselbe macht. Und dann braucht es eine gemeinsame Taktik, ohne die nichts geht. Zumindest nicht, wenn du konstant erfolgreich spielen willst.
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Krawietz und Mies scherzen: "Als hätte man mit der Freundin Schluss gemacht"

Quelle: Eurosport

Im Fußball wird gerne von Mannschaften gesprochen, die nicht eingespielt sind. Ging es Ihnen ähnlich und woran hakte es zu Beginn am meisten?
Andreas Mies: Wir hatten einen guten Saisonstart mit dem Halbfinale in Sydney und dem Achtelfinale bei den Australian Open. Nur kamen dann ein paar unglückliche Umstände zusammen, ohne das als Ausrede zu bemühen. Aber kurz nach Australien habe ich mich in Dubai mit dem Coronavirus infiziert. Da ging es mir richtig schlecht. Ich bin nach Hause geflogen. Die Erkrankung hat mich sechs Wochen lang hart beschäftigt. Ich war damals nicht geboostert, hatte eine Impfung von Johnson & Johnson und eine von Biontech. Ich merke teilweise jetzt noch in den Einheiten, dass mir Energie fehlt. Kevin hatte dazu eine lange Saison im vergangenen Jahr, keinen Urlaub und keine Vorbereitung. Das war am Anfang schwierig. Und das war nicht alles.
Weil?
Mies: Ich war durch meine Pause in der Rangliste gefallen, wir waren plötzlich nicht mehr gesetzt. Das hat uns harte Auslosungen beschert. Wir haben infolge dessen in der ersten Runde immer dicke Brocken bekommen. In Rotterdam waren Mahut/Martin, in Indian Wells Ram/Salisbury, in Miami die späteren Turniersieger Hurkacz/Isner. Wir haben gut gespielt, die wir natürlich schlagen können, aber wenn uns beiden fünf Prozent fehlen, wird es schwer.
Inzwischen, so der Eindruck von außen, sieht es aber wieder leichter aus. In Barcelona haben Sie ihren ersten gemeinsamen Titel seit Ihrem French-Open-Coup im Oktober 2020.
Mies: Wir haben zunächst in Monte Carlo versucht, es mit der Brechstange zu erzwingen. Das funktionierte aber nicht. In Barcelona haben wir wieder eine gute Mischung hinbekommen.
Doppel-Konkurrenz spielen in den Medien häufig nur eine Nebenrolle, wenn sie denn überhaupt Beachtung finden. Ihnen ist es gelungen, nicht zuletzt durch zwei French-Open-Titel das Schattendasein zu durchbrechen.
Krawietz: Es ist eine große Ehre für uns, dass wir da einen kleinen Hype ausgelöst haben nach dem ersten und auch nach dem zweiten Erfolg in Roland Garros. Man merkt die Auswirkungen in den Vereinen und wir spüren eine Veränderung, wenn wir auf die Anlage kommen. Es ist schön, dass das Doppel gepusht wird, mehr Übertragungszeit im TV bekommt. Uns ist natürlich klar, dass das Einzel im Vordergrund steht, aber das Verhältnis könnte anders sein. Ich verstehe auch, dass es schwerer ist, weil sich Doppel-Paarungen immer wieder trennen. Von wem ist man dann Fan? Von daher bin ich froh, dass etwa Eurosport dem Doppel mehr Bedeutung schenkt und auch im Eurosport Player die Matches zeigt. Die ATP unternimmt ebenfalls etwas, nur könnte man mehr tun ...
Mies: ... und da würde ich gerne einhaken. Es ist extrem cool, dass wir zur gesteigerten Popularität des Doppels beitragen konnten, gerade in Deutschland. Dafür waren aber auch die ganz großen Erfolge bei den Grand-Slam-Turnieren nötig. Es hat geholfen, dass es nach 82 Jahren wieder einen Titel für ein deutsches Doppel in Paris gab.
Was den Blick auf Ihre Disziplin stark verändert hat.
Mies: Ja. Wir wollen weg von diesem Image, diesem 'Wir spielen ja gleich nur noch Doppel'. Unsere Message ist: 'Geil, wir schlagen im Doppel auf.' Wir möchten Lust darauf machen, dass gerade Kinder und Jugendliche Doppel spielen und dafür speziell trainieren. Wenn wir da Vorbild sein können, dann freut uns das extrem.
Die Saison begann aus Sicht von Doppel-Enthusiasten hochemotional, als Nick Kyrgios und Thanasi Kokkinakis auf ihrem Weg zum Titel bei den Australian Open den Melbourne Park zum Kochen brachten. Allerdings war aus dem Spielerkreis auch Kritik an Kyrgios zu vernehmen, der mit seinem Verhalten provozierte. Überschreitet er Grenzen?
Krawietz: Das Doppel lebt von Emotionen und dass die beiden Australier als Publikumslieblinge in Melbourne so abgefeiert werden, ist logisch. Ich finde aber auch, dass es manchmal zu viel ist.
Heißt konkret?
Krawietz: Wenn Kyrgios sich gegenüber anderen Spielern nicht mit dem gebotenen Respekt äußert, dann ist das für mich unsportliches Verhalten. Wir wissen alle, dass er ein Entertainer ist und ihn die Fans dafür lieben. Aber noch einmal: Wenn er es an Respekt den Kontrahenten gegenüber fehlen lässt, ist das sehr schlecht.
Nun gehören Psychospielchen in gewissem Umfang dazu. Wie halten Sie beide es damit?
Mies: Grundsätzlich: Es ist cool, dass wir Charaktere wie Nick auf der Tour haben, das hilft dem Tennis - auch wenn man darüber streiten kann, ob er ein guter Typ ist oder nicht. Wir sind uns doch alle einig, dass er ein begnadeter Tennisspieler ist, der im Einzel konstant in den Top 10 stehen könnte. Aber er geht da anders ran, macht seine Sperenzchen. Bei uns brennen auch mal die Sicherungen durch, dann fliegt der Schläger oder es wird geflucht. Das kann passieren. Während der Matches werde ich hin und wieder laut, um uns zu pushen und den Gegnern zu signalisieren: ‘Hey, wir sind da und wir holen uns das Ding heute.‘ Aber ich achte darauf, dass es nie fies oder unsportlich unseren Kontrahenten gegenüber wird.
Wären Sie in Melbourne gerne auf Kyrgios und Kokkinakis getroffen?
Mies: Klar. Am liebsten hätten wir im Finale gegen die Beiden gespielt - und sie geschlagen. Das wäre ein absolutes Highlight gewesen. Kyrgios bewegt sich mit seinen Gesten und Einlagen an der Grenze. Manchmal geht er etwas darüber hinaus und teilweise sogar sehr.
Lassen Sie uns noch eine mutige These bewerten: Krawietz und Mies French-Open-Champions 2022 - realistisch?
Krawietz: Das ist jetzt weit vorgegriffen. Wir kommen aus einer Phase, die nicht so gut war, haben dann Barcelona gewonnen. Paris bedeutet für uns tolle Erinnerungen, aber es ist nicht wirklich ein Vorteil, dass wir die French Open zweimal für uns entschieden haben ...
Mies (lacht): ... und ich möchte festhalten: Wir dürfen ja nicht automatisch im Viertelfinale starten, nur weil wir zweimal den Titel geholt haben.
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