Kritik an Alexander Zverev? Expertin Barbara Schett über Deutschlands Nummer eins und ihre besondere Beziehung zu Jannik Sinner

Alexander Zverev bot Jannik Sinner im Finale des ATP-Turniers von Wien einen spannenden Schlagabtausch. Dabei stand der Deutsche jüngst immer wieder in der Kritik. Barbara Schett hat dazu eine klare Meinung. "Von außen sind die Menschen natürlich immer schlauer", erklärte die Eurosport-Expertin im exklusiven Interview. Die Österreicherin sprach jedoch auch Schwächen des Weltranglistendritten an.

Zverev: "Manche haben vergessen, dass ich Tennis spielen kann"

Quelle: Perform

Zum ersten Mal seit dem Finale der Australian Open 2025 (3:6, 6:7, 3:6) standen sich Alexander Zverev und Jannik Sinner am Sonntag auf dem Court gegenüber, im Finale von Wien behielt erneut der Italiener die Oberhand (3:6, 6:3, 7:5).
"Am Ende haben ein, zwei Momente den Ausschlag gegeben, in denen die Partie dann kippte", ordnet Eurosport-Expertin Barbara Schett die Leistung des Olympiasiegers von Tokio ein, der vor allem im ersten Satz Oberwasser hatte.
Die anhaltende Kritik am 28-Jährigen kann Schett nur bedingt nachvollziehen. "Von außen sind die Menschen natürlich immer schlauer", so die Österreicherin. "Deutschland ging schon immer sehr kritisch mit ihm um." Einige Schwächen müsse sich Zverev aber dennoch ankreiden lassen.
Zwischen Jannik Sinner und Schett gibt es indes eine besondere Verbindung - die in Wien mit einer Portion Kaiserschmarrn versüßt wurde.
Frau Schett, auf Instagram hätte man fast ein bisschen neidisch werden können: Eine Woche Jannik Sinner so hautnah erleben - wie fühlt sich das an?
Barbara Schett: Jannik kenne ich jetzt schon einige Jahre. Aufgrund unserer Tiroler Verbindung haben wir uns immer super verstanden. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass ich mir bei den Fragen mehr erlauben darf. Es ist wunderbar, dass die Menschen ihn dadurch von einer anderen Seite kennenlernen. Die Fragen zur Vor- und Rückhand kennen wir alle. Mein Ziel ist es, die Persönlichkeit der Spieler in den Vordergrund zu stellen. Für mich war es eine schöne Erfahrung - und ich glaube, dass Jannik es auch genossen hat. Natürlich sind die Spieler bei einem ATP-500-Turnier entspannter als bei einem Grand Slam. Da kann man mit ihnen etwas mehr rumalbern.
Schnitzel und Kaiserschmarrn mit Sinner - war das Ihre Idee?
Schett: Ich war eigentlich für ein Schnitzel, wiederum ein anderer wollte ihm eine Karotte anbieten. Immerhin nahm die famosen Fanclubs 'Carota Boys' vor sechs Jahren ihren Anfang, als er in Wien beim Seitenwechsel eine Karotte aß. Mit dem Kaiserschmarrn hatte ich nichts zu tun. Jannik entschied sich dann für den Kaiserschmarrn, der war verdammt gut - den Rest habe ich dann gegessen! (lacht)
In Italien gab es zuletzt wegen seiner Davis-Cup-Absage zwei verhärtete Fronten: Haben Sie ihm dahingehend etwas angemerkt?
Schett: Nicht unbedingt. Wir Österreicher sind froh, dass er im Viertelfinale nicht gegen uns antritt. Zudem kann ich seine Entscheidung nachvollziehen. Jannik hat den Davis Cup schon zweimal gewonnen, darüber hinaus will er seine Saison etwas verkürzen und sich auf das Jahr 2026 vorbereiten. Es gibt so viele starke Spieler, auf die Italien zurückgreifen kann und mit denen sie weiterhin eine große Chance auf den Titel haben. Und man darf nicht vergessen: Am Ende ist Tennis immer noch ein Einzelsport. Jannik muss auch auf sich schauen.
Körperlich wirkte der Südtiroler letzthin jedenfalls nicht auf der Höhe.
Schett: In Wien waren seine Bewegungen nicht rund, immer wieder griff er sich an den linken Hintern. Im Finale war es vor allem im ersten und dritten Satz grenzwertig. Ich bin gespannt, ob er beim Masters in Paris antritt. Der Körper ist letztendlich sein Kapital.
Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Aber Jannik und Sascha sind einfach zwei grundverschiedene Typen.
Zum großen Trumpf von Sinner wurde in den vergangenen Jahren seine Gelassenheit. Wie erlangt man eine solche Ruhe?
Schett: Jannik ist ein entspannter Mensch – und das ist ihm auch selbst bewusst. In einem Interview habe ich ihn nach seiner Mutter gefragt, darauf meinte er nur: "Sie hat einfach nicht die Nerven, ein ganzes Spiel von mir zu schauen. Da bin ich das komplette Gegenteil." Für Jannik spricht auch, dass er bei Verletzungen oder anderen Problemen nie jammert. Das sieht bei vielen Spielern anders aus: Die lassen die ganze Welt wissen, wie sehr sie leiden. Das macht Jannik nicht. Sein Fokus und seine mentale Stärke werden immer besser, aus der dramatischen Niederlage im Finale der French Open hat er enorm viel gelernt. In der Weltspitze macht der Kopf einen riesigen Unterschied. Jannik ist immer positiv – und das ist definitiv eine Stärke.
Muss sich Alexander Zverev diese Gelassenheit womöglich von Sinner abschauen?
Schett: Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Aber Jannik und Sascha sind einfach zwei grundverschiedene Typen. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich mentale Eigenschaften mit Sicherheit aneignen – aber das ist einfacher gesagt als getan.
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Zverev kann Sinner im Finale trotz Führung nicht stürzen

Quelle: SNTV

Für Unterhaltung hat Zverev in Wien trotzdem gesorgt, im Finale trieb er Sinner zwischenzeitlich in die Ecke. Wie bewerten Sie seine Leistung?
Schett: Sascha hatte gegen Jacob Fearnley einen schwierigen Auftakt, auch gegen Matteo Arnaldi hatte er Schwierigkeit. Die Aufgabe von Tallon Griekspoor hat ihm in die Karten gespielt, so konnte er sich etwas erholen. Im Halbfinale gegen Lorenzo Musetti schlug er schließlich unheimlich stark auf, man sah einen deutlichen Unterschied. Am Sonntag wiederholte er das, war auch an der Grundlinie voll auf Augenhöhe. Am Ende haben ein, zwei Momente den Ausschlag gegeben, in denen die Partie dann kippte. Die Vorhand ließ etwas nach, das Timing war nicht mehr perfekt – da hat Jannik zugeschlagen. Im Großen und Ganzen hat sich Sascha während des Turniers verbessert und sich sichtbar wohlgefühlt.
Zudem fühlt er sich offenbar wohl mit Vater und Bruder an seiner Seite. Wir können da nicht hineinsehen. Deutschland ging schon immer sehr kritisch mit ihm um.
In Deutschland wird Zverev immer wieder heiß diskutiert, von manchem Beobachter wird ihm sogar die Weltklasse abgesprochen. Trotzdem mischt er immer wieder ganz vorne mit: Wie verzwickt ist seine Situation?
Schett: Man darf nicht vergessen: Am Ende des Tages ist Sascha immer noch die Nummer drei der Welt. Und er lässt ja auch nicht den Siegeswillen vermissen, sondern kritisiert sich sogar selbst für seine Leistungen. Sinner und Alcaraz haben sich aber nun mal ungewöhnlich schnell in eine wahnsinnige Richtung entwickelt, die beiden werden in den nächsten Jahren das Tennis dominieren. Von außen sind die Menschen natürlich immer schlauer. Ich bin davon überzeugt, dass das Team von Sascha einen festen Plan verfolgt. Zudem fühlt er sich offenbar wohl mit Vater und Bruder an seiner Seite. Wir können da nicht hineinsehen. Deutschland ging schon immer sehr kritisch mit ihm um. Nummer drei der Welt – das ist schon sensationell. Ich wäre damit schon zufrieden gewesen, er hingegen längst nicht. Einen Grand-Slam-Titel hätte sich Sascha in meinen Augen auf jeden Fall verdient. Zurzeit ist er aber leider weiter davon entfernt als noch vor fünf Jahren bei den US Open gegen Dominic Thiem.
Wenn Sie Zverev einen Tipp mit auf den Weg geben könnten: Welcher wäre es?
Schett: Etwas mehr Positivität könnte er ausstrahlen und auf dem Platz in den entscheidenden Momenten aggressiver spielen. Seine Beweglichkeit ist ein Wahnsinn, Rückhand und Aufschlag gehörten zur absoluten Weltspitze. Mit seiner Familie hinter sich fühlt er sich offenbar wohl. Aber vielleicht kann er sich einen zusätzlichen Rat von einem ehemaligen Spieler, einem Grand-Slam-Turniersieger, holen.
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Quelle: Perform


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