Daniil Medvedev ließ den Blick über die Tribünen in der Margaret Court Arena schweifen.
Er hatte dem Publikum etwas mitzuteilen. "Ich habe gehofft, dass ihr es mir dieses Mal ein wenig leichter macht", erklärte der Weltranglistenzweite im On-Court-Interview und spielte damit auf seine Zweitrundenpartie gegen Lokalmatador Nick Kyrgios an. Dabei wurde Medvedev während der Partie zum einem immer wieder ausgebuht, zum anderen irritierten ihn die langgezogenen "Siuuuu"-Rufe, die sich bei vielen Fans eingebürgert haben.
Nach der Begegnung signalisierte der 25-Jährige dem Publikum mit eindeutigen Gesten, dass es nun doch ruhig sein solle. "Wenn ihr auch sonst keinen respektiert, zeigt wenigstens Respekt gegenüber Jim Courier", forderte Medvedev. Der viermalige Grand-Slam-Turniersieger hatte auf dem Court die Fragen gestellt und war ob des Lärms kaum zu verstehen.
Australian Open
Medvedev bleibt wieder eiskalt - klarer Sieg gegen Shootingstar
22/01/2022 AM 07:25
Wenige Minuten später ging Medvedev im Exklusiv-Interview mit Eurosport noch einen Schritt weiter. Nicht alle Zuschauer hätten gebuht, "aber diejenigen, die es machen, haben wohl einen niedrigen IQ", mutmaßte die russische Nummer eins.
Harter Tobak.

Medvedev - die Sache mit dem IQ ist schon vergessen

Das Tischtuch zwischen dem für viele Experten aktuell besten Spieler auf der Tour und den Australiern war erst einmal zerschnitten.

Oha! Medvedev hat neue Message fürs Publikum

Das könnte sich nun ändern, denn nach dem Drittrundenerfolg von Medvedev gegen Botic van de Zandschulp tat sich Erstaunliches. "Jede gute Beziehung braucht ihre Aufs und Abs", witzelte der Russe in Richtung des Publikums. "Ich finde das gut. Es ist unterhaltsam - und echt. Das ist nicht so ein: 'Hallo Leute und auf Wiedersehen.' Da entsteht eine Art Beziehung."
Von den Rängen kam begeisterter Applaus. Die Sache mit dem IQ - Schnee von gestern, wenn man das in Australien überhaupt so sagen kann.
Doch auch spielerisch war Spannendes geboten.

Wilander staunt über Medvedev: "Der kann das"

Auch, weil van de Zandschulp nicht der überforderte Herausforderer war, sondern gut dagegenhielt. "Botic schlägt so hart wie kaum ein anderer auf der Tour. Du drängst ihn in die Defensive und trotzdem kommt der Ball immer schneller zurück", staunte Medvedev. Das Ergebnis sei am Ende wesentlich klarer ausgefallen, als es das Geschehen auf dem Court war.

"Niedriger IQ!" Medvedev beleidigt zwischenrufende Zuschauer

Medvedev seinerseits stand oft extrem weit hinter der Grundlinie. Eigentlich keine gute Position, um die besten Winkel zu spielen. "Man hat den Eindruck, dass er zu weit hinten steht und von dort nicht spielen kann. Nicht so Daniil. Der kann das. Er ist einer der ganz wenigen Profis, die aus dieser Lage so agieren können", lobte Eurosport-Experte Mats Wilander, der die Australian Open insgesamt dreimal gewann.
Aus seiner Sicht sei Medvedev - trotz eines starken Alexander Zverev und eines immer besser werdenden Rafael Nadal - der "klare Favorit" in Melbourne.
Und Medvedev hat im Achtelfinale sogar "Glück". Denn mit Maxime Cressy wartet dort ein US-Amerikaner - und nicht der Australier Christopher O'Connell, der Cressy in Runde drei unterlag. Die neue Liebe zwischen den Melbourner Tennis-Anhängern und Medvedev kann sich also weiterentwickeln. Dass er im Duell mit dem Weltranglisten-70. der turmhohe Favorit ist, versteht sich von selbst.

Erinnerungen an den Stinkefinger von 2019

Läuft ziemlich gut gerade für Medvedev. Pessimistische Gemüter mögen höchstens einwenden, dass dem Moskowiter die neue Harmonie sportlich nicht bekommen könnte. In dieser Hinsicht sei an dessen US-Open-Historie erinnert. 2019 geriet er dermaßen mit den Zuschauern aneinander, dass er ihnen verstohlen den Stinkefinger zeigte und sich beim Siegerinterview für die "Energie" bedankte, die ihm den Erfolg erst ermöglicht habe.
Zwei Jahre später hieß der US-Open-Champion Medvedev. In derselben Saison legte er sich beim Finalevent des Davis Cup in Madrid mit den spanischen Zuschauern an, provozierte bewusst. Der Titel ging am Ende ... an Russland.
Medvedev freut sich diebisch über solche Coups. "Ich werde nicht müde, es zu sagen. Die Leute wissen immer noch nicht, wie sie mich zum Verlieren bringen. Dazu müssen sie mich unterstützen", so Medvedev damals.
In Melbourne scheint das nun immer mehr der Fall zu sein. Ein sehr spannendes Experiment, das sich da beim Happy Slam anbahnt.
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