French Open 2025 – Alexander Zverevs Grand-Slam-Traum außer Reichweite: Was die deutsche Nummer eins nun ändern muss
Alexander Zverev muss weiter auf seinen ersten Grand-Slam-Titel warten. Bei den French Open in Paris, wo er im vergangenen Jahr noch das Endspiel erreicht hatte, musste die deutsche Nummer eins nach einer insgesamt deutlichen Niederlage gegen Novak Djokovic diesmal im Viertelfinale die Segel streichen. Dabei offenbarte Zverev einige Aspekte, die es mit Blick auf die Zukunft zu verbessern gilt.
Viertelfinale: Djokovic zu stark für Zverev - Highlights
Quelle: Eurosport
Alexander Zverev hatte die Leidenschaft für die gelbe Filzkugel an diesem Mittwochabend in Paris jäh verlassen.
"Um ehrlich zu sein: Ich habe jetzt wenig Lust, hier zu sitzen und zu reden. Ich habe sowas von keinen Bock auf Tennis gerade. Ich gehe Golf spielen", haderte die deutsche Tennis-Eins im Anschluss an seine Viertelfinal-Niederlage bei den French Open gegen Novak Djokovic (6:4, 3:6, 2:6, 4:6).
Der Traum vom ganz großen Wurf blieb auch bei diesem Major-Turnier, dem Sandplatz-Klassiker in Roland-Garros, wo er im Vorjahr noch das Endspiel erreicht hatte, unerfüllt.
Dabei offenbarte das Duell mit dem serbischen Altmeister einige Schwächen, die es schnell zu beheben gilt – ansonsten dürfte Zverevs Vorhaben namens Grand-Slam-Titel auf ewig eine Utopie bleiben.
1.) Höhere Flexibilität
Zverev kam gegen Djokovic hervorragend in die Partie, breakte den Grand-Slam-Rekordchampion gleich im ersten Aufschlagspiel. Der Hamburger dirigierte das Geschehen, ließ sein zehn Jahre älteres Gegenüber laufen.
Doch spätestens mit dem Gewinn des ersten Satzes erlitt Zverevs Spiel einen Bruch. Die Dominanz in den Rallies ging verloren, der Djoker übernahm mehr und mehr das viel zitierte Heft des Handelns. Vor allem ein Mittel setzte Zverev mehr und mehr zu: Djokovics punktgenaue Stoppbälle.
Insgesamt 43 streute der 24-malige Grand-Slam-Sieger ein, 75 Prozent davon waren erfolgreich – eine Fabel-Quote. "Du musst viel Boden gut machen, um ans Netz zu kommen. Wenn du das zehnmal oder 15 Mal machst, geht das auf die Kondition – und auf die Psyche", erklärte Eurosport-Experte Boris Becker mit Blick auf die zermürbenden Djokovic-Stops: "Im Laufe des Matches hat Sascha Zverev keine Antwort mehr gefunden."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/06/04/image-c838fb7e-1272-4d78-8f69-de14ff79a876-85-2560-1440.jpeg)
Matchball Becker: Darum hat Zverev das Viertelfinale verloren
Quelle: Eurosport
Tatsächlich ließ Zverev die nötige Flexibilität vermissen, immer wieder suchte er den Blickkontakt zu seiner Box, hoffte auf eine Initialzündung, einen Plan B. Doch auch Vater Alexander senior und Bruder Mischa konnten nicht helfen.
Der 28-Jährige blieb sich und seinem Spiel treu, verharrte weit hinter der Grundlinie und vertraute auf Rückhand und Aufschlag. Beides wurde jedoch regelmäßig von Djokovic entschärft.
"Ab einem gewissen Punkt hatte ich das Gefühl, dass ich nicht mehr wusste, wie ich gegen ihn einen Punkt von der Grundlinie machen soll", erklärte Zverev selbst im Nachgang. Er schob nach: "Ich hatte das Gefühl, dass er auf alles, was ich mache, eine Antwort hatte."
Zverevs Positionierung wird von Becker übrigens schon länger kritisch beäugt, Djokovics Stopp-Exzess offenbarte die Problematik aber ganz besonders schonungslos. Mit Blick auf die anstehende Rasensaison sollte Zverev über seine Grundausrichtung nachdenken, auf dem grünen Geläuf ist eine offensivere Taktik nämlich noch einmal elementarer als auf Asche.
2.) Raus aus der Komfortzone
Zverev fühlt sich – wie bereits skizziert – hinter der Grundlinie am wohlsten, diktiert das Geschehen gerne mit seiner gleichermaßen kraftvollen wie genauen Rückhand.
Die Mischung aus Rückhand und hervorragendem Aufschlag reicht für das Gros der Tennis-Profis weltweit aus, nur eben zumeist nicht für die ganz Großen wie Carlos Alcaraz, Jannik Sinner, Djokovic und mitunter eine Handvoll Angstgegner.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/06/05/image-ea7bf524-9481-48a5-80e8-f3656cf7b37e-85-2560-1440.jpeg)
Zverev beendet PK: "Kein Bock auf Tennis, gehe jetzt Golf spielen!"
Quelle: Eurosport
Um der absoluten Elite beizukommen, fehlt es bisweilen an Varianz in der Schlagauswahl. Zwar kam die Vorhand bei den French Open besser als bei den enttäuschenden Sandplatz-Turnieren zuvor, Volleys am Netz zählen aber weiterhin nicht zu Zverevs Stärken, mit Stops hält er sich traditionell komplett zurück.
Dabei hat Djokovic gezeigt, dass die kurzen Bälle hinters Netz als Waffe dienen können, Alcaraz ist ohnehin ein großer Stop-Verfechter.
Würde Zverev sein Repertoire ausbauen, seine Komfortzone ein wenig verlassen, wäre er für seine Kontrahenten deutlich schwerer auszurechnen.
3.) Selbstkritik
Mit der Selbstkritik ist es bei Zverev oftmals nicht allzu weit her.
Zwar räumte der Olympiasieger von Tokio ein, dass Djokovic "besser gespielt" habe, am Ende machte er aber auch die äußeren Umstände verantwortlich für seine Niederlage.
"Es war kalt, deshalb war die Geschwindigkeit bei meinem Aufschlag nicht besonders hoch", klagte Zverev im Anschluss an die Partie: "Vieles hat heute schon mit den Bedingungen zu tun. Wir hatten im ersten Satz noch 20 Grad, danach vielleicht 15. Wenn du gegen Djokovic nicht mit Druck spielst, selbst das Tempo bestimmst, wird es schwierig."
Bei Eurosport-Expertin Barbara Rittner sorgte Zverevs Aussage für Unverständnis. "Er erklärt es damit, dass es in Satz eins 20 Grad waren, das Spiel schneller war und er die Vorhand mehr ziehen konnte", sagte Rittner und ergänzte: "Aber in den Sätzen zwei, drei und vier … Es gab ja keinen Temperatursturz. Das kann er mir nicht erzählen."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/06/05/image-9ec59f39-87a3-48d0-a98d-ff577c88ece3-85-2560-1440.jpeg)
Rittner urteilt über Zverev-Aus: "Das kann er mir nicht erzählen"
Quelle: Eurosport
Dass Zverevs Fehleranalyse erst einmal weg vom eigenen Spiel geht, ist nichts Neues – zuletzt hatte er sich nach seinem Ausscheiden in Rom über zu große Bälle und die defensive Spielweise seines Gegners Lorenzo Musetti beschwert.
Auch auf den Gebrauch eines neuen Schlägers, der Zverev zufolge "großartig", aber "zu schnell für den Sandplatz" gewesen sei, wurde kürzlich verwiesen.
Aber: Am Mittwoch musste auch Djokovic mit dem "Temperatursturz" zurechtkommen, beim Masters in Rom spielte Musetti mit denselben "Kinderbällen (Zitat Zverev)" wie der Deutsche. Dementsprechend muten Zverevs Ausführungen ein ums andere Mal wie Ausreden an.
Statt nach externen Gründen zu suchen, sollte Zverev womöglich bei sich selbst anfangen, wie Becker in seiner Sendung "Matchball Becker" forderte: "Sascha muss sich Gedanken machen, warum es während der gesamten Sandplatzsaison nicht so gut gelaufen ist wie vergangene Saison. Dafür gibt es Gründe, dafür ist Manöverkritik nötig."
4.) Neue Impulse von außen
Zverev wird seit jeher von seinem Vater und Bruder Mischa trainiert, zwischenzeitlich arbeitete er zwar auch an der Seite einstiger Weltklasse-Spieler wie Ivan Lendl oder David Ferrer, doch Alexander senior und Mischa blieben weiterhin prägende Bestandteile des Teams.
Geht es nach den beiden Eurosport-Experten Boris Becker und Barbara Rittner, dann sollte der innerste Kreis etwas kürzertreten und Zverev stattdessen einen externen Coach organisieren. "Er hatte (Ivan) Lendl, (Juan Carlos) Ferrero, (David) Ferrer und (Sergi) Bruguera. Viel besser geht es nicht. Aber alle waren immer eingebettet mit seinem Vater und seinem Bruder. Und ich glaube, in dieser Konstellation wird kein Neuer kommen", mutmaßte Becker.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/06/05/image-6980a716-77b0-4aad-b7d9-7d37ca593541-85-2560-1440.jpeg)
Zverev in der Krise: Becker und Rittner empfehlen neue Impulse
Quelle: Eurosport
Rittner erklärte: "Ich weiß, ich mache mich im Lager Zverev damit nicht beliebt. Aber vielleicht holt er sich doch von außen mal einen Impuls." Sie ergänzte: "Der Impuls von außen kommt nur, wenn Papa und Mischa sich zurückhalten und jemand anderem den Vortritt lassen."
Becker schob nach: "Die Frage ist: Was will Sascha? Ist er zufrieden damit, die Nummer zwei der Welt zu sein? Ist er zufrieden mit einer bis dato hervorragenden Tennis-Karriere? Oder sagt er, dass er es nochmal wissen will und alles auf den Kopf stellt?"
Becker untermauerte seinen Rat an Zverev indem er andere Top-Tennisspieler als Beispiel heranzog. "Wenn man einen Blick auf die Karriere von Nadal wirft … Da war Toni Nadal lange, irgendwann kamen Carlos Moya oder Francisco Roig"
Auch Jannik Sinner, die derzeitige Nummer eins, hole sich nach drei erfolgreichen Jahren an der Seite von Darren Cahill nun neue Impulse. "Irgendwann brauchst du neue Geräusche und ein neues Umfeld", erklärte Becker: "Im Fußball ist das auch so, als Fußball-Trainer bleibst du im Normalfall auch nicht zehn Jahre bei einem Verein."
Letztlich liege laut Becker die Entscheidung ganz alleine bei Zverev. "Er ist derjenige, der entscheidet. Er ist der Vorstandsvorsitzende, der CEO. Er entscheidet, wie das Team Zverev in Zukunft aussieht. Der Vater und der Bruder haben das hervorragend gemacht, aber für den letzten Schritt war das noch nicht gut genug."
Das könnte Dich auch interessieren: Frust statt Titel: Zverev scheitert an sich selbst
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/06/04/image-81db2ae9-554b-4431-b88a-1923b3564e67-85-2560-1440.jpeg)
Becker-Fazit: "Zverev wird sich Gedanken machen müssen"
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/01/06/image-ea4c9f95-f41e-4a1d-95f7-4af46e7639e1-68-310-310.jpeg)