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Gefährliche Gratwanderung: Djokovics Offenheit spaltet die Tenniswelt

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Novak Djokovic

Fotocredit: Getty Images

VonTobias Laure
01/06/2020 Am 16:04 | Update 01/06/2020 Am 16:04

Novak Djokovic sorgt auch in der Tennispause infolge der Coronakrise für Schlagzeilen - die ihm Zustimmung und Kritik einbringen. Der Serbe half Opfern der Pandemie mit einer Großspende und organisiert im Juni die Adria-Tour. Gleichzeitig wurde er für heikle Impf-Aussagen und die Verbreitung der Theorien des ehemaligen Parawissenschaftlers Masaru Emoto angegriffen. Eine gefährliche Gratwanderung.

Novak Djokovic ist ein Ausnahmesportler, der vielfältige Interessen hat, sich ungewöhnlichen Lehren und Sichtweisen nicht verschließt. So sehen das diejenigen, die es gut meinen mit dem 17-fachen Grand-Slam-Turniersieger. Die anderen machen dem 33-Jährigen massive Vorwürfe.

"Ich bin sehr verstört, dass Djokovic und der andere Typ sagen, dass man giftiges Wasser in Trinkwasser umwandeln kann", entrüstete sich etwa die ehemalige French-Open-Doppelsiegerin Mary Carillo. Die US-Amerikanerin spielte damit auf einen Instagram-Live-Chat des Tennis-Stars mit seinem Freund und selbst ernannten Alchemisten Chervin Jafarieh an.

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Er kenne "einige Leute, die durch energetische Transformationen, durch die Kraft von Gebeten, durch die Kraft von Dankbarkeit, das giftigste Essen oder vielleicht das giftigste Wasser in das Wasser mit der größten Heilkraft verwandelt haben", sagte Djokovic im Gespräch mit Jafarieh und bezog sich dabei offenbar auf Erkenntnisse des 2014 verstorbenen Parawissenschaftlers Masaru Emoto.

"Verrücktes, pseudowissenschaftliches Geschwätz"

"Unerschrocken übergibt die Nummer eins der ATP seine große Plattform weiterhin verrücktem, pseudowissenschaftlichen Geschwätz", polterte auch der renommierte Tennis-Journalist Ben Rothenburg auf Twitter.

Vorwürfe muss sich Djokovic aber nicht deshalb gefallen lassen, weil er sich einer spirituellen Welt zuwendet, die bei vielen Menschen auf Ablehnung trifft. Das ist schließlich Privatsache und sein gutes Recht. Vielmehr stören sich die Kritiker daran, dass er diese Weisheiten in Zeiten der Corona-Pandemie über seine sozialen Netzwerke einem riesigen Fan-Publikum nahelegt. Auf Facebook hat Djokovic 8,7 Millionen Follower, auf Facebook sind es knapp sieben Millionen, auf Instagram 7,3 Millionen.

Ganz ähnlich fielen die Reaktionen aus, als der Weltranglistenerste Mitte April klarstellte, dass er nichts von einer Impfung gegen das Corona-Virus halte, sollte es diese irgendwann geben. "Ich persönlich bin gegen Impfungen. Ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um reisen zu können", teilte Djokovic seiner Anhängerschaft auf Facebook mit. Zuvor waren Debatten aufgeflammt, ob es im globalen Tennissport den Profis nicht zur Auflage gemacht werden soll, sich zu impfen.

Kritik an Djokovic auch in Serbien

Die Aussagen sorgten für mächtig Aufsehen, auch in seinem Heimatland Serbien. Der Epidemiologe Predrag Kon, Mitglied des nationalen Krisenstabs, belehrte den wohl populärsten Sportler des Landes öffentlich: "Ich wünschte mir, ich hätte die Gelegenheit gehabt, Djokovic die Bedeutung und den immensen Beitrag von Impfungen für die Gesundheit der Bevölkerung zu erklären", so der Virus-Experte.

Novak Djokovic (li.) zusammen mit Viktor Troicki (re.) beim Davis Cup

Fotocredit: Getty Images

Die klare Positionierung in heiklen Fragen, die weit über den Tennissport hinausgehen, hat für Djokovic Folgen. Das Image leidet, der Belgrader wird immer häufiger medial infrage gestellt. Es zeugt aber auch von Charakterstärke, öffentlich gegen den Strom zu schwimmen, seinen Standpunkt zu vertreten. "Ich habe meine Sicht der Dinge dargelegt, weil ich das Recht dazu habe und mich verantwortlich fühle, Themen anzusprechen, die die Tenniswelt betreffen", betonte der amtierende Australian-Open-Champion.

Djokovic, Federer und Nadal machen gemeinsame Sache

Und auch die andere Seite des Novak Djokovic darf nicht unterschlagen werden. Soziales Engagement ist ihm wichtig, schon Ende März spendete er zusammen mit Ehefrau Jelena eine Million Euro für den Kampf gegen die Corona-Pandemie in seiner serbischen Heimat. Mit dem Geld wurden Atemschutzmasken und anderes benötigtes Equipment gekauft.

Nächste Millionenspende! Djokovic hilft Corona-Opfern

00:00:49

Als sich abzeichnete, dass viele Tennisprofis auf den hinteren Rängen der Weltrangliste in finanzielle Not geraten, wurde Djokovic zusammen mit Roger Federer und Rafael Nadal aktiv. Das Trio gründete einen Hilfsfonds, der Spieler jenseits der Top 100 unterstützen soll. "Wir sind der Meinung, dass wir alle zusammenkommen und diesen Akteuren helfen müssen. Viele von ihnen denken darüber nach, das Profi-Tennis zu verlassen, weil sie finanziell einfach nicht überleben können", erläuterte Djokovic die Idee in einem Brief an die Spieler.

Das Projekt stieß zwar nicht überall auf Gegenliebe, Dominic Thiem etwa hat so seine Probleme damit, dennoch zeigt die Initiative: Djokovic nimmt seine Rolle als Vorsitzender des ATP-Spielerrats sehr ernst und handelt in schweren Zeiten.

Djokovic will Federer zwei Rekorde abnehmen

Die sportliche Perspektive hat der 33-Jährige ebenfalls im Blick. Bis mindestens 13. Juli pausiert die ATP Tour und es gilt als wahrscheinlich, dass der Tennis-Lockdown noch sehr viel länger dauern wird. Djokovic stampft daher ein eigenes Turnier in mehreren Balkanländern aus dem Boden.

Wie sein Management mitteilte, soll diese Adria-Tour vom 13. Juni bis zum 5. Juli in Serbien, Kroatien, Montenegro und Bosnien über die Bühne gehen. Mit Alexander Zverev oder Thiem haben prominente Spieler gemeldet. Gage gibt es keine, dafür gehen die Erlöse an humanitäre Projekte der Region.

Novak Djokovic (li.) und Roger Federer (re.)

Fotocredit: Getty Images

Für die Zeit, wenn es dann wieder losgeht mit dem Profi-Zirkus, hat sich Djokovic bereits zwei große Ziele gesetzt - die vor allem Federer aufhorchen lassen dürften. "Ich glaube, dass ich die meisten Grand-Slam-Titel holen und auch den Rekord für die meiste Zeit an Nummer eins im Ranking brechen kann", so der Superstar im Gespräch mit Journalist Graham Bensinger. Beide Bestmarken hält derzeit Federer mit 20 Titeln und 310 Wochen an Platz eins der Weltrangliste. Djokovic steht aktuell bei 17 Erfolgen und 282 Wochen.

Keine Frage, mit seinen Erfolgen und der sportlichen Extraklasse begeistert er deutlich mehr Menschen als mit seinen streitbaren Aussagen - die aber bleiben eine gefährliche Gratwanderung.

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