Justine Henin exklusiv über Ausraster von Alexander Zverev: Der feine Unterschied zu John McEnroe
Justine Henin spricht im Exklusiv-Interview mit Eurosport Klartext zu den Aussetzern einiger Profis auf der ATP Tour. "Ich finde, dass wir derzeit eine Eskalation erleben, die inakzeptabel ist", moniert die siebenfache Grand-Slam-Turniersiegerin im Hinblick auf Alexander Zverev, Nick Kyrgios oder Jenson Brooksby. Unsportlichkeiten habe es auch früher gegeben, es bestehe allerdings ein Unterschied.
Justine Henin spricht im Europort-Interview über Alexander Zverev
Fotocredit: Getty Images
John McEnroe und Jimmy Connors waren berüchtigt für ihre Wutausbrüche auf dem Platz. Die Hochzeiten der beiden Tennis-Ikonen liegen rund 40 Jahre zurück, dennoch werden heutzutage gerne Parallelen gezogen, wenn die aktuellen Stars der Szene sich danebenbenehmen.
Justine Henin findet den Vergleich nur bedingt passend. "Natürlich" hätten McEnroe und Connors Grenzen überschritten, "aber sie blieben in ihrem Match, waren einsichtig", so die Belgierin, die ihre Laufbahn 2011 beendete.
Darüber hinaus widerspricht sie entschieden der Ansicht, die Fehltritte von Alexander Zverev, Nick Kyrgios, Daniil Medvedev oder Jenson Brooksby verliehen dem Tennissport Authenzität.
"Ich würde es vorziehen, wenn die Profis sich durch ihren Spielstil auszeichnen würden, mit dem Publikum kommunizieren, Dinge teilen, kreativ sind", so Henin gegenüber Eurosport.
Aufgezeichnet aus der TV-Show Eurosport Tennis-Club
Erlauben sich die Tennisprofis, ganz allgemein gesehen, zu viel auf dem Platz?
Justine Henin: Ja, sie gehen zu weit. Wir erleben Szenen, die nicht akzeptabel sind. Spieler, die den Platz ohne ersichtlichen Grund verlassen, wie etwa Alexander Bublik. Bei Victoria Azarenka hat man das vor Kurzem ebenfalls gesehen. Man darf nicht vergessen: Es gibt Menschen, die Eintrittskarten gekauft haben, Fernsehsender, die Gebühren aufbringen. Dazu kommen Sponsoren, die ziemlich viel Geld in die Hand nehmen, um diese Spieler bezahlen zu können. Ich finde das nicht akzeptabel.
Ganz neu ist das Phänomen nicht.
Henin: Man hört oft, dass es auch damals schon Entgleisungen gab. Ich finde dennoch, dass wir derzeit eine Eskalation erleben, die inakzeptabel ist. Man kann sich am Tennisspiel von Kyrgios erfreuen, an den Momenten, in denen er wunderbar spielt. Ich bewundere das, andererseits leistet er sich Aussetzer, die man nicht akzeptieren kann. Denken wir an Alexander Zverev oder an Daniil Medvedev bei den Australian Open - wo soll die Grenze gezogen werden? Jenson Brooksby ging in Miami nicht einmal zum Balljungen, um sich zu entschuldigen (nach einem Schlägerwurf in dessen Richtung, A.d.R.). Kyrgios explodiert nach seiner Niederlage gegen Rafael Nadal in Indian Wells ebenfalls und traf mit seinem Schläger fast einen Balljungen. Mit dem Argument, dass er ihn nicht getroffen hat, wird er nicht einmal bestraft! Ich finde, es ist wirklich an der Zeit, damit aufzuhören, Schläger zu zerbrechen - denn das sind Bilder, die man nicht im Fernsehen sehen will.
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Kyrgios rastet aus und giftet gegen Schiedsrichter: "Das ist peinlich!"
Quelle: Eurosport
Welche Rolle spielt die erhöhte TV-Präsenz?
Henin: Es stimmt, dass alles immer mehr kommentiert und durch TV-Aufnahmen präsenter wird. Das kann aber keine Entschuldigung dafür sein, solche Verhaltensweisen zuzulassen, denn es gibt junge Spielerinnen und Spieler, die sich das ansehen. Spitzensportler müssen Vorbilder bleiben, auch wenn sie nur Menschen sind.
Die ATP hat reagiert und härtere Strafen bei unsportlichem Verhalten angekündigt.
Henin: Zurecht, es mussten Maßnahmen ergriffen werden. Ich hoffe, dass es auch so kommt und konkret dafür sorgt, damit bestimmte Verhaltensweisen auf dem Platz aufhören. Man kann nicht einfach einen Schiedsrichter anschreien. Selbst wenn keine Absicht vorliegt, ist es ein Problem, einen Schläger zu zerschlagen, der dann vielleicht sogar in Richtung der Balljungen und -mädchen fliegt. Zum Glück steckt nicht die Intention dahinter, irgendjemanden wehzutun - und das ist gewissermaßen ja die Verteidigungslinie der Spieler. Nur: Wenn man sich die Bilder von Zverev in Acapulco noch einmal ansieht, dann waren das einschüchternde, explosive Verhaltensweisen. Das will keiner sehen kann und hätte viel härter bestraft werden müssen. Zverev sollte im Moment nicht auf dem Platz stehen.
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Der Zverev-Eklat im Video: Das brachte ihn zum Ausrasten
Quelle: SNTV
Gleichzeitig wird immer gefordert, dass der Tennissport Typen mit Ecken und Kanten braucht, nicht zu "keimfrei" werden dürfe.
Henin: Was mich an dieser Debatte stört, ist, dass sie auf die Frage reduziert wird: "Haben wir ein 'keimfreies' Tennis?" Ich würde es vorziehen, wenn die Profis sich durch ihren Spielstil auszeichnen würden, dass sie mit dem Publikum kommunizieren, Dinge teilen, kreativ sind. Wenn der Plan, den Tennissport attraktiv zu machen, darin besteht, vulgär und gewalttätig aufzutreten, sind aus meiner Sicht Grenzen überschritten. Noch einmal: Ich glaube wirklich, dass Tennis durch das Spiel selbst, Kreativität und viele andere fantastische Dinge unglaublich toll sein kann.
Was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich auch einige Stars früherer Jahre danebenbenommen haben.
Henin: Natürlich war das bei McEnroe oder Connors so, aber sie blieben in ihrem Match, waren einsichtig. Bei Brooksby gab es indes nicht einmal eine Entschuldigung, nichts wird passieren. Da zeigt sich auch ein Erziehungsproblem. Bei diesen tätlichen Reaktionen wird offensichtlich, dass es einige nicht schaffen, ihre Frustration zu kontrollieren. Trotzdem ist und bleibt es wichtig, genau dies zu lernen. Das spielt sich im Fernsehen ab, die Profis haben eine Verantwortung.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Henin.
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Quelle: Eurosport
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