Als die Rückhand von Pablo Carreño Busta im Netz landet, winkt Alexander Zverev einfach nur ab.

Zu unwirklich, alles. Nach 85 Minuten 0:2-Sätze hinten und schon auf der Heimreise. Nach 3:22 Stunden doch im Finale der US Open. Surreal.

US Open
"Wie Houdini": Die Netzreaktionen zu Zverevs Achterbahnfahrt
12/09/2020 AM 13:28

Fast ungläubig reckt der 23-Jährige nach dem verwandelten zweiten Matchball seinem Athletiktrainer Jez Green und seinem Physiotherapeuten Hugo Gravil auf der Tribüne die Faust entgegen. Er hat es geschafft. Irgendwie.

"Das war großer Sport, das war Weltklasse", lobt Eurosport-Experte Becker, der in der Kommentatorenkabine neben Matthias Stach still mit zwei erhobenen Fäusten mitgejubelt hatte, wenig später:

Unglaublich, was für ein Mentalitätsmonster Sascha Zverev geworden ist.

Highlights | Zverevs historische Aufholjagd im Video

Alexander Zverev durchlebt Achterbahnfahrt

Grand Slam. Finale.

Verrückt.

In Deutschland ist es 1:40 Uhr am Samstagmorgen, als Zverev die Faust reckt. Spieler wie TV-Zuschauer haben da erneut eine Achterbahnfahrt erlebt, wie es bei Zverev so häufig der Fall ist.

Für ihn ist es im 20. Grand-Slam-Turnier seiner immer noch jungen Karriere jedoch das erste Mal, dass er einen 0:2-Satzrückstand noch in einen Sieg umdrehen kann. 0:6 ist seine Bilanz vor dem Turnier. Bis New York.

Das Aha-Erlebnis im Spiel hat Zverev just, als er mit dem Rücken zur Wand steht. 3:6, 2:6 steht es nach 1:25 Stunden. Dem Deutschen will bis dato nichts gelingen. Sein Aufschlag: schlecht. Seine Rückhand: fliegt zu oft ins Aus. Seine Vorhand: zu kurz.

"Zu nervös, nicht aggressiv genug": Mischa Zverev analysiert Bruder

Zverev und sein Kampfgeist

"Ich habe auf die Anzeigetafel geschaut und es nicht glauben können", erzählt Zverev später im Siegerinterview: "Ich spiele hier ein Halbfinale, in dem ich der Favorit sein sollte, und bin chancenlos, weil ich so schlecht spiele."

Dann habe er sich aber gedacht: "So kann ich kein Grand-Slam-Halbfinale beenden." Schon im Viertelfinale gegen Borna Coric hatte sich zu einem ähnlichen Zeitpunkt - 1:6, 2:4 - sein Kampfgeist gemeldet.

Der nächste Gedanke reift.

Und dann habe ich mir gedacht: Okay, ich spiele jetzt jeden Satz so, als ob es der fünfte Satz wäre und ich nur noch einen Satz gewinnen muss.

Zverev geht vom Court, tauscht sein Shirt. "Ich habe mir schon Sorgen gemacht", sagt Becker später. "Aber er kam anders wieder. Er hatte eine andere Körperspannung."

Zverev geht mehr Risiko

Das zahlt sich aus. Zu Beginn des dritten Satzes gelingt Zverev die erste echte Führung im Match - Break zum 3:1. Carreño Busta breakt zurück, doch Zverev nimmt dem Spanier gleich wieder den Aufschlag ab. Er ist jetzt drin.

"Ich habe einfach angefangen, besser zu spielen", sagt er später: "Ich habe viele Fehler gemacht, war ungeduldig irgendwo. Dann habe ich angefangen, in den wichtigen Momenten aggressiver zu spielen. Das hat sich ausgezahlt."

Vor allem der Aufschlag kommt nun besser. Zverev serviert auch beim zweiten mit mehr Risiko. Einmal haut er dem Spanier sein zweites Service mit 208 km/h um die Ohren - nur fünf km/h langsamer als sein schnellster erster Aufschlag.

Becker lobt Zverev

Mit 6:3 geht der dritte Satz an den Deutschen. Zverev merkt: da geht was. Auch, weil Carreño Busta körperliche Probleme bekommt. Der Rücken zwickt, die Aufschläge kommen nicht mehr schnell. Der zweite schon gar nicht. Das hilft dem Deutschen, der sich seine Kräfte gut eingeteilt hat.

"Klar kann man sagen, er hat nicht gut gespielt, einiges lief nicht - aber er hat sich körperlich nicht aufgegeben", sagt Becker.

Becker voll des Lobes für Zverev: "Hat sich körperlich nicht aufgegeben"

Auch zu Beginn des vierten Satzes tauschen beide eifrig Breaks aus. Carreño Busta schießt den Deutschen zweimal am Netz ab.

Zverev mächtig sauer: Carreño Busta schießt ihn gleich zweimal ab

Doch Zverev bleibt ruhig. "War nicht angenehm", sagt er später: "Aber passiert halt."

"War nicht angenehm": Das sagt Zverev zum doppelten Abschuss

Bei 3:3 gelingt ihm das entscheidende Break. Zverev serviert stabil, holt sich auch Satz vier - 6:4.

"Er hat sich konzentriert und wollte das Match nicht verloren geben. Das war die schlimmste Antwort für seinen Gegner", lobt Becker die im letzten Jahr erworbene Reife des 23-Jährigen: "Er ist insgesamt auch in den kritischen Phasen sehr ruhig geblieben."

Zverev: "Irgendwie umgedreht"

Jetzt hat Zverev seinen fünften Satz. Und der Rücken des Spaniers zwickt mehr denn je. Carreño Busta lässt den Physio kommen, der knetet eifrig. Trotzdem nimmt ihm Zverev gleich wieder das Service ab (1:0) und hält selbst bis 5:3 seinen Aufschlag.

Nach 3:21 hat Zverev den ersten Matchball. Carreño Busta stemmt sich noch ein letztes Mal dagegen, wehrt ab. Eine Minute später aber ist es vorbei: Zverev ist durch. Im Finale. Nach 0:2-Satzrückstand. 3:6, 2:6, 6:3, 6:4, 6:3.

Harter Fight ins Finale: Die besten Schläge von Zverev

"Das war das erste Mal in meiner Karriere", sagt er. "Ich bin froh, dass es mir auf dieser Bühne, einem Grand-Slam-Halbfinale, gelungen ist."

Wie er das geschafft hat? "Ich kann es mir auch nicht erklären", sagt er. "Ich habe nicht mein bestes Tennis gespielt, aber ich habe es irgendwie umgedreht."

Nach dem Matchball fällt alles ab: So krönte Zverev seine Aufholjagd

Auf den Spuren von Boris Becker

Am Sonntag steht der 23-Jährige damit zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Finale, 17 Jahre nachdem Rainer Schüttler als letzter Deutscher überraschend das Endspiel der Australian Open erreicht hatte.

De facto befindet sich Zverev in New York auf den Spuren von Boris Becker, dem letzten Deutschen Grand-Slam-Sieger (Australian Open 1996 - 6:2, 6:4, 2:6, 6:2 gegen Michael Chang) und dem einzigen Deutschen, dem bislang der Sieg bei den US Open gelang (1989, 7:6, 1:6, 6:3, 7:6 gegen Ivan Lendl).

Letzter deutscher Finalist bei den US Open war vor Zverev Michael Stich 1994 (1:6, 6:7, 5:7 gegen Andre Agassi). "Ich bin froh, dass ich jetzt im Finale bin", sagt Zverev ganz zum Schluss. "Ich meine: Einen besseren Weg gibt es ja eigentlich nicht im Finale zu stehen als so."

Zverev über Halbfinal-Krimi: "Bedingungen waren komplett anders"

Beim zweiten Halbfinale zwischen Dominic Thiem (Österreich/Nr. 2) und Daniil Medvedev (Russland/Nr. 3) sieht man Zverev vor seiner Loge im Arthur Ashe Stadium auf einer Liege entspannen, barfuß wackelt er mit den Zehen.

"Ich könnte nicht glücklicher sein", hat er vorher noch gesagt. "Aber ich habe noch einen Schritt vor mir." Gegen Thiem, seinen Kumpel, gegen den er bei den Australian Open noch im Halbfinale unterlag.

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