US Open - Daniil Medvedev exklusiv: "Die Leute auf der Tour betrachten mich nun mit anderen Augen"
Daniil Medvedev kehrt als amtierender US-Open-Sieger nach New York zurück. Nach seinem Coup in Flushing Meadows gewann der 26-Jährige zwar keinen weiteren Grand-Slam-Titel, allerdings thront er mittlerweile auf Platz eins der Weltrangliste. In der Eurosport-Serie "Players' Voice" spricht Medvedev über seine Rolle als "Gejagter" - und warum seine Gegner ihn plötzlich mit anderen Augen betrachten.
Daniil Medvedev - Players' Voice
Fotocredit: Eurosport
Daniil Medvedev blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück. Nach seinem Triumph bei den US Open wurde der 26-Jährige mit einigen Rückschlägen konfrontiert. Bei den Australian Open verpasste Medvedev seinen zweiten Grand-Slam-Erfolg nur knapp, als er sich Rafael Nadal trotz einer Zwei-Satz-Führung am Ende noch geschlagen geben musste.
Im Frühling unterzog er sich einer Operation (Leistenbruch) und fiel wochenlang aus. Die Sandplatzsaison war in der Folge des Eingriffs nicht von Erfolg gekrönt.
Seinen Platz an der Weltranglistenspitze musste Medvedev zwischenzeitlich wieder räumen, mittlerweile thront er jedoch wieder auf Platz eins.
Kurz vor seiner Rückkehr nach New York spricht Medvedev in der Eurosport-Serie "Players' Voice" über seinen Sieg in Flushing Meadows 2021, zudem ordnet er die vergangenen zwölf Monate ein und verrät, warum er mittlerweile "mit anderen Augen betrachtet" wird.
Von Daniil Medvedev
Hallo liebe Tennisfreunde,
Wenn ich nach New York zurückkehre, werden wunderbare Erinnerungen wach. Ich habe es immer genossen, bei den US Open aufzuschlagen. Mit Ausnahme meiner ersten Teilnahmen, habe ich mich hier immer gut gespielt. Dass ich dieses Mal als Titelverteidiger in die USA reise, ist natürlich etwas ganz Besonderes.
War der Sieg im vergangenen Jahr schwer zu verarbeiten? Nein, das glaube ich nicht. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich dieses Ziel erreicht habe. Ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, ist ein großer Schritt im Leben eines jeden Spielers. Man kann immer darüber diskutieren, was wichtiger ist: die ATP-Finals, der Davis Cup oder der Sieg bei einem Masters. Aber der Triumph bei einem Grand Slam überstrahlt alles.
Für mich ging es nach meinem ersten Erfolg bei einem Grand Slam nur darum, glücklich zu sein und Selbstvertrauen zu tanken. Wenn ich daran zurückdenke, dass ich einen Ausnahmespieler wie Novak Djokovic bezwungen habe, sage ich mir: "Okay, ich war tatsächlich dazu in der Lage." Dieses Wissen kann mir in Zukunft nur helfen, es vielleicht erneut zu schaffen.
Seit ich die US Open gewonnen habe und die Nummer eins der Weltrangliste geworden bin, betrachten mich die Leute auf der Tour nun mit anderen Augen. Ich bin jetzt der Gejagte. Das ist völlig normal. In dieser Ausgangslage gibt es für mich zwei Szenarien – ein positives und ein negatives. Wenn ich gut in ein Match komme und alles von Beginn an läuft, spüre ich, dass meine Gegner ins Nachdenken kommen. Sie fragen sich: "Heute spielt er unglaublich, was kann ich ihm entgegensetzen?"
Wenn ich allerdings nicht in mein Spiel finde und viele Fehler mache, denken sie sich: "Jetzt muss ich da sein, jetzt habe ich die Chance, die Nummer eins zu schlagen." Sie sehen eine realistische Möglichkeit, einen prestigeträchtigen Sieg einzufahren. Nach einem halben Jahr wird nämlich niemand danach fragen, ob ich einen schlechten Tag hatte. Nein, es wird die Tatsache bleiben, dass sie Medvedev geschlagen haben. Ganz ähnlich, wie es sich auch bei einem Sieg gegen Djokovic oder Nadal verhält.
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Rafael Nadal und Daniil Medvedev bei den Australian Open.
Fotocredit: Getty Images
In den vergangenen zwölf Monaten ist viel passiert. Das verlorene Finale bei den Australian Open, der Sprung an die Spitze der Weltrangliste, die Verletzung im Frühjahr, Siege, Niederlagen ... Das Leben eines Tennisspielers ist gespickt mit solchen Geschichten. Aber ich nehme all dies als wertvolle Erfahrung mit.
Wenn wir ins Detail gehen, lassen sich erfreuliche und weniger erfreuliche Erfahrungen ausmachen. Die Australian Open waren insgesamt zufriedenstellend, ich habe sehr gutes Tennis gespielt und unter anderem ein verrücktes Match gegen Félix (Auger-Aliassime im Viertelfinale, Anm. d. Red.) gewonnen. Ich würde nicht sagen, dass es unverdient war, aber ich musste einen Matchball abwehren und hätte fast verloren.
Dann war da dieses Finale gegen Rafa Nadal. Ich lag aussichtsreich in Führung, musste aber schließlich eine Niederlage hinnehmen. Die Tage und Wochen im Anschluss waren schwer für mich. Es ist kompliziert, damit umzugehen. Aber so ist das Leben, all das hat mich als Mensch weitergebracht. Ich habe verstanden, dass die Dinge im Leben nicht immer so laufen, wie ich es mir vorstelle. Deshalb versuche ich mittlerweile, die Dinge differenzierter zu sehen.
Nach meinem Sieg bei den US Open habe ich beispielsweise einige Endspiele verloren. Ich habe mich gefragt, was plötzlich mit mir los ist und warum meine Effizienz aus den vorangegangenen Spielen nicht mehr da ist. Kürzlich habe ich in Los Cabos gegen Cameron Norrie, den Titelverteidiger, mal wieder ein Finale gewonnen. Auch in diesem Fall ging es um einen Lernprozess und um wachsende Erfahrung.
Egal, ob Grand-Slam-Sieg, ein Titel in Los Cabos oder eine Finalniederlage, ich bin froh, solche Momente erleben zu dürfen. Jetzt, zum Ende der Saison, hoffe ich natürlich auf einige große Momente – angefangen mit den US Open. Es bleibt abzuwarten, ob es mir hilft, dass ich nicht in Wimbledon gespielt habe. Ich hoffe es zumindest.
Auf jeden Fall konnte ich mich drei Wochen lang intensiv auf die US Open und den Saisonendspurt vorbereiten, was normalerweise Mitten im Jahr sehr selten vorkommt. Mit meinem Team habe ich sehr viel gearbeitet. Ich hoffe, dass ich bis zum Ende des Jahres körperlich und geistig bei hundert Prozent sein werde.
Viele Grüße,
Euer Daniil
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