US Open: Carlos Alcaraz macht Jannik-Sinner-Dinge in New York - warum der Spanier im Traum-Finale der Favorit ist

In New York sind am Sonntag alle Augen auf das Finale zwischen Jannik Sinner und Carlos Alcaraz bei den US Open gerichtet. Während auf dem Papier vieles für Hartplatz-Dominator Sinner spricht, wirkt Alcaraz beim letzten Grand Slam der Saison deutlich souveräner und konstanter als in den vergangenen beiden Jahren. Der Spanier strahlt aktuell das aus, was sonst seinen Kontrahenten so stark macht.

Sinner im Vorteil gegen Alcaraz - die Zahlen zum Traumfinale

Quelle: Perform

"Sie sind einfach zu gut."
Es war kein Ärger und keine Enttäuschung in Novak Djokovics Stimme, als er diese Worte am Freitagabend nach seiner Halbfinal-Niederlage in New York aussprach. Es war einfach eine simple Feststellung der Tatsachen. Eine Anerkennung der neuen Ordnung in der Tennis-Welt.
"Sie" sind natürlich Carlos Alcaraz und Jannik Sinner, die Dominatoren, die am Sonntagabend (ab 20:00 Uhr im Liveticker) bei den US Open ein weiteres Finale auf Major-Ebene gegeneinander bestreiten werden. Bereits das dritte in Folge. Die vergangenen sieben Grand-Slam-Titel teilten der 22-jährige Spanier und der 24-jährige Italiener unter sich auf.
Djokovic, seines Zeichens 24-maliger Rekord-Major-Champion, konnte Alcaraz in seinem Halbfinale nicht (mehr) das Wasser reichen. 4:6, 6:7 (4:7), 2:6 hieß es aus Sicht des 38-Jährigen.
"Ich habe drei von vier Grand-Slam-Halbfinals in diesem Jahr gegen diese Jungs verloren. Sie spielen auf einem wirklichen hohen Level", sagte Djokovic und übergab den Staffel-Stab endgültig an die nächste Generation der Tennis-Superstars: "Es wird für mich in Zukunft sehr schwer, die Hürde Sinner/Alcaraz in einem Best-of-five-Match bei einem Grand Slam zu überwinden."

Sinner ist der HArdcourt-Dominator, aber ...

Mehr Lob, mehr Hochachtung geht kaum. Sinner vs. Alcaraz ist das neue Non plus ultra des Tennissports. Die Fans in New York dürfen sich auf einen ganz besonderen Leckerbissen freuen.
Bleibt nur die Frage, wer von den beiden Ausnahmekönnern eigentlich der Favorit ist?
Auf dem Papier spricht vieles für Sinner: Der Weltranglistenerste ist der Titelverteidiger in Flushing Meadows, gewann die drei letzten Majors auf Hardcourt allesamt. Seine letzte Grand-Slam-Niederlage auf diesem Belag musste der Italiener vor mehr als zwei Jahren im US-Open-Achtelfinale gegen Alexander Zverev hinnehmen. Die Monate von August bis Februar waren in den vergangenen beiden Spielzeiten "Sinner-Time".

Petkovic: "Alcaraz is sinnering"

Doch Alcaraz scheint in New York etwas gefunden zu haben, was ihm große Hoffnung darauf machen darf, an dieser Hartplatz-Vormachtstellung etwas zu ändern: Konstanz.
"Carlos Alcaraz is 'Jannik Sinnering'", sagte die deutsche Ex-Spielerin Andrea Petkovic jüngst im gemeinsamen Podcast mit Boris Becker über den Spanier: "Er macht gerade das, was Jannik Sinner sonst in den Grand Slams tut. Er geht durch die erste Woche wie eine absolute Eins. Sein Niveau ist über allen anderen Spielern, gegen die er gespielt hat."
Die Zahlen belegen das: Anders als in vergangenen Grand Slams, als der 22-Jährige auch gerne mal eine schwächere Performance einstreute, pflügt er bei den US Open geradezu durchs Feld.
Alcaraz hat im kompletten Turnier noch keinen Satz abgegeben, verlor auf dem Weg ins Finale gerade einmal 58 Spiele in 18 Sätzen, was ungefähr zehn pro Match entspricht. Nur zwei Mal musste er in einen Tiebreak.

Alcaraz arbeitet an seiner Konstanz - und wird erwachsen

"Ich bin hin und weg von Carlos Alcaraz, ich habe ihn bei den US Open noch nie so stark spielen gesehen", schwärmte Tennis-Legende Becker. Historisch gesehen hatte der Spanier, der im direkten Duell mit Sinner mit 9:5 die Nase vorn hat, in der zweiten Jahreshälfte immer ein bisschen geschwächelt. Das ist nun anders - was nicht von ungefähr kommt.
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Carlos Alcaraz trifft im Finale der US Open auf Jannik Sinner

Fotocredit: Getty Images

"Das ist etwas, an dem ich arbeite. Die Konstanz in Matches, in Turnieren und über das komplette Jahr hinweg", sagte Alcaraz: "Nicht mehr diese Auf und Abs während eines Matches zu haben, sondern das Level, mit dem ich in das Match starte, durchweg aufrechtzuerhalten."
Dass er das im bisherigen Turnierverlauf geschafft habe, mache ihn "sehr stolz. Wahrscheinlich hat es etwas damit zu tun, dass ich erwachsener werde", so Alcaraz: "Ich lerne mich besser kennen und weiß, was ich auf und neben dem Platz brauche."
Sinner dagegen gab sowohl in der dritten Runde gegen Denis Shapovalov als auch im Halbfinale gegen Félix Auger-Aliassime jeweils einen Satz ab, wirkte nicht immer auf der Höhe seines Schaffens.
Gegen Letzteren musste er sich nach dem zweiten Satz zudem am Bauch behandeln lassen. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsse, gab der Italiener im Hinblick auf das Finale zwar schnell Entwarnung. Kleine körperliche Zweifel bleiben aber.
Schon das Finale in Cincinnati vor knapp drei Wochen hatte Sinner nach 23 Minuten beim Stand von 0:5 gegen Alcaraz angeschlagen abbrechen müssen.

Alcaraz jagt die nummer eins

Warum Alcaraz aktuell groß aufspielt, hat für Becker noch einen weiteren Grund. "Was Alcaraz noch nie war, ist die Nummer eins am Jahresende. Ich glaube, das ist jetzt seine Motivation", sagte der sechsmalige Grand-Slam-Turniersieger.
Ein Sieg im Finale gegen Sinner wäre ein Riesenschritt in diese Richtung. Gewinnt Alcaraz, ist er die neue Nummer eins, hat zudem weniger Punkte als der Italiener in den kommenden Monaten bis zu den ATP Finals zu verteidigen.
Der amtierende French-Open-Sieger hatte zuletzt im September 2023 das ATP-Ranking angeführt. Seit 65 Wochen steht Sinner an der Spitze.

Alcaraz' Erfolgsrezept: Chaos und Konstanz

Auch die frühe Ansetzung des Finals dürfte Alcaraz' variablem Spiel entgegenkommen. Das Endspiel findet bereits um 14:00 Uhr Ortszeit (20:00 Uhr deutsche Zeit) statt.
Sonne, Wolken, Wind. Der Wetterbericht in New York verspricht Abwechslung. "Es sind ganz viele Bedingungen, die das Tennisspielen während des Tages nicht einfach machen", so Petkovic. Während Sinners maschinelles, fast metronomartiges Spiel in der Night Session besser zum Tragen kommt, sei "Alcaraz' Spiel wie gemacht" für den Tag, "weil er eben auch Chaos stiftet".
Chaos gepaart mit Konstanz also? Vielleicht genau die Kombination, die Alcaraz braucht, um den Titelverteidiger zu stürzen.

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