Erik Lesser purzelten nach seinem grandiosen Ritt durch die finnischen Wälder unzählige Steine vom Herzen. Das Dauergrinsen konnte der wiedererstarkte Routinier selbst mit Maske nicht verbergen, lediglich für einen Moment verfinsterte sich die Miene des "Propheten" schlagartig.
"Das bringt wieder ein paar Aufgaben mit sich", stöhnte der 32-Jährige nach seinem dritten Platz im Einzel von Kontiolahti im "ZDF". Jetzt müsse er nach jedem schlechteren Rennen wieder die Frage beantworten, "wo das nächste Podium" bleibe.
Tatsächlich liegt die Messlatte nach seiner tiefen Talsohle urplötzlich wieder deutlich höher, am Sonntag bestätigte er mit Platz neun im Sprint seine gute Form. "Manchmal fallen einige Dinge eben leichter, und das genieße ich momentan", sagte Lesser, der nach 1077 Tagen wieder auf dem Podest stand.
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Er kann nach einem katastrophalen Weltcupwinter zweifelsohne wieder mit den besten Biathleten der Welt mithalten - als einziger deutscher Athlet glänzte er in beiden Rennen.

Erik Lesser musste sich Startplatz erkämpfen

Dabei hatte er selbst an seinem Start zum Auftakt gezweifelt. Im Trainingslager in Muonio musste er sich unter der Woche in internen Qualifikationsrennen für einen der letzten beiden deutschen Startplätze empfehlen.
"Ich wusste, dass es sehr schwer werden würde, in Kontiolahti dabei zu sein, weil unser Team sehr stark ist", erklärte Lesser im Nachgang. Deshalb habe er sich schon einen Plan B zurechtgelegt. Motto: Hauptsache ich bin im Januar beim Heimspiel in Oberhof dabei.
Doch es kam anders - und wie: Bei den Ausscheidungsrennen wies Lesser die nationale Konkurrenz souverän in die Schranken. Als Erfolgsgeheimnis machte er dabei seine neue Gelassenheit aus. Im Sommer ging der Olympiazweite von 2014 tief in sich und fixierte seine Pläne für die Zeit nach der Karriere. Seitdem sei der Sport nicht mehr "das Wichtigste im Leben", erklärte Lesser.
Dadurch könne er "besser mit Niederlagen umgehen. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und gebe einfach 100 Prozent in jedem Rennen und will mein persönliches perfektes Rennen machen. Das gibt mir Stärke und beruhigt mich."

Erik Lesser

Fotocredit: Getty Images

Sven Fischer lobt Lesser

Am Ort seines bislang größten Triumphes in Kontiolahti, dort wurde der Frankenhainer 2015 Weltmeister in der Verfolgung, ging diese Herangehensweise voll auf.
Mit einem Schießfehler und einem Rückstand von 1:03,6 Minuten musste Lesser am Samstag nur dem 23 Jahre alten Sensationssieger Sturla Holm Lägreid (0 Schießfehler) aus Norwegen und dessen Landsmann Johannes Thingnes Bö (1 Schießfehler/19,6 Sekunden zurück) den Vortritt lassen.
Es zeichne einen Spitzenathleten eben aus, nach einer "Talsohle" mit einem Winter ohne Top-10-Platz und Verbannung in den IBU-Cup "so zurückzukommen", lobte "ZDF"-Experte Sven Fischer. An dieser Glanzleistung wird sich Lesser nun messen lassen müssen - auch wenn ihm das nicht so ganz gefällt.
(SID)
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Mit glänzender Schlussrunde: Lesser rennt aufs Podium

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