Michael Rösch im Exklusiv-Interview nach sensationellem Auftakt in Östersund über Rees, Bö und Preuß
Die DSV-Athleten haben zum Auftakt in Östersund abgeliefert. Zwei Podestplätze bei den Frauen sowie ein Doppelsieg bei den Männern haben Biathlon-Deutschland in Euphorie versetzt. Michael Rösch spricht im exklusiven Interview über Bluthochdruck bei den Kommentatoren, Kämpferin Franziska Preuß, den vermeintlich schlagbaren Johannes Thingnes Bö und die verfahrene Situation im französischen Team.
Doppelsieg in Schweden: DSV-Duo überstrahlt Superstars
Quelle: Eurosport
Der Auftakt in die Biathlon-Saison 2023/24 hätte aus deutscher Sicht kaum besser laufen können.
Im schwedischen Östersund jubelten nicht nur Franziska Preuß und Vanessa Voigt über Platz zwei und drei im Einzel, Roman Rees und Justus Strelow liefen bei den Männern gar zum Doppelsieg und verwiesen Dominator Johannes Thingnes Bö auf den dritten Platz.
Rees wird durch den ersten Weltcupsieg seiner Karriere mit dem Gelben Trikot des Weltcup-Gesamtführenden belohnt - das war seit Michael Greis vor 15 Jahren keinem anderen deutschen Biathleten gelungen.
Im exklusiven Interview ordnet Eurosport-Experte und Kommentator Michael Rösch das Geschehene ein, verrät, wie er das erste Wochenende der neuen Saison erlebt und weggesteckt hat und äußert sich zur verfahrenen Situation im französischen Team nach dem Kreditkartenskandal um Julia Simon und Justine Braisaz-Bouchet.
Was für ein unglaublicher Start in die Biathlon-Saison. Erst zwei Podestplätze bei den Frauen (Franziska Preuß und Vanessa Voigt; Anm. d. Red.), dann der Doppelsieg von Roman Rees und Justus Strelow bei den Männern. Du warst ja auch mit vollem Einsatz am Mikro dabei. Wie geht’s dir heute?
Michael Rösch: Mein Ruhepuls ist von 160 am Sonntag auf jetzt 100 runtergegangen (lacht). Aber im Ernst: Es war echt krass! Ich glaube auch Siggi Heinrich hatte Bluthochdruck. Der hat immer wieder komplett konsterniert in die Ergebnisliste geschaut, konnte es gar nicht fassen. Nach dem Frauenrennen, das unglaublich spannend war, haben wir beide gedacht, dass die Spannung bei den Männern aus deutscher Sicht nicht so da ist. Plötzlich gewinnt da Roman Rees und Justus Strelow wird Zweiter. Das hat schon echt ein paar Körner gekostet - aber natürlich nur im positiven Sinne. Wir haben es überlebt, uns gegenseitig reanimiert. Ich freue mich auf die nächsten Rennen.
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Wahnsinn in Östersund! Preuß verpasst Sieg um Wimpernschlag
Quelle: Eurosport
Vor allem das Finish von Franzi Preuß, der nur eine Zehntel zum Sieg fehlte, hatte es in sich. Was glaubst du: Überwiegt die Freude über Platz zwei oder der Ärger, es nicht ganz geschafft zu haben?
Rösch: Bei Franzi Preuß überwiegt absolute Freude - das konnte man glaube ich sehen. Nach dem Qualifikationsrennen in Sjusjøen (22. im Sprint, 25. im Massenstart, Anm. d. Red.) hatte sie mental schon ganz schön zu knabbern. Sie hatte sich einfach deutlich mehr vorgenommen. Dass die Konkurrenz dann so weit weg war, hat sie ein wenig erschrocken. Ich fand es daher sehr clever und gut von den Trainern, sie keine Staffel laufen zu lassen. So konnte sie sich komplett auf ihr Einzel konzentrieren. Dort hatte sie dann eine gute Startnummer, konnte in der Mitte mitschwimmen und keiner hat groß auf sie geachtet. Es war ein perfektes Rennen von ihr.
Aber ein wenig Ärger über den verpassten Sieg muss der sportliche Ehrgeiz doch hervorrufen?
Rösch: Natürlich hat sie sich auch ein wenig geärgert - und das ist auch gut so. Es ging schließlich um 0,1 Sekunden, das ist dann schon bitter. Trotzdem ist sie jetzt Zweite im Gesamtweltcup. Ich kenne das Gefühl vor dem ersten Rennen, da schielen alle auf das Gelbe Trikot, weil die Chance am größten ist. Auch deswegen ist sie sicherlich ein bisschen traurig, doch die Freude überwiegt ganz eindeutig. Gerade weil jeder weiß, wo Franzi herkommt, wie viel Kacke sie an der Hacke hatte.
Du hast das tiefe Tal, durch das Preuß gegangen ist, schon angedeutet. In deiner Insta-Story hast du am Sonntag einen Teil einer Whatsapp-Konversation mit Preuß aus dem Februar 2022 geteilt. Damals war sie ziemlich gefrustet und du hast versucht, sie aufzubauen. Stand jetzt muss man sagen: Chapeau! Das hat geklappt. Kannst du etwas über Eure Beziehung erzählen?
Rösch: Ich kenne die Franzi natürlich schon ein paar Jahre, aber wir sind jetzt nicht die dicksten Buddies. Damals hat mir ihre Situation einfach leidgetan, auch weil ich solche Phasen selber durchgemacht habe und mich da sehr gut reinfühlen konnte. Ich weiß, wie schnell man an allem zweifelt und alles abhaken will. Dann braucht es einfach drei, vier Worte und ich denke, ich habe die richtigen Worte gefunden. Es ist jetzt zwar "nur" ein gelungener Weltcupauftakt, der aber zeigt, was möglich ist, wenn man weitermacht und sich reinhängt.
Preuß hatte sich Ende Januar 2022 wegen gesundheitlicher Probleme komplett aus dem Weltcup zurückgezogen und auch auf die Heim-WM in Oberhof verzichtet. Sogar ein Karriereende mit nur 28 Jahren stand im Raum, wie sie uns kürzlich im Interview verriet.
Rösch: Es ist unheimlich schwer, eine Heim-WM abzusagen. Ich habe das 2012, wenn auch in etwas anderer Form, am eigenen Leib erfahren müssen. Damals fanden die Weltmeisterschaften in Ruhpolding statt und ich wurde nicht mitgenommen. Sie hat im vergangenen Jahr aus freien Stücken gesagt: "Das bringt hier nichts." Das ist im ersten Moment brutal, aber Franzi ist ein Champion. Sie ist hingefallen und nicht liegen geblieben. Sie hat weiter gekämpft und wurde jetzt belohnt. Mit einem Schlag ist plötzlich alles weg, dieser Rucksack, dieser Ballast, dieser Druck. Plötzlich sind die Dinge leicht und machen Spaß. Dafür hat sie gekämpft - und das war es wert. Manchmal dauert es halt lange, aber wenn man durchzieht, wird man auch belohnt. Am Ende kackt die Ente. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.
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Franziska Preuß nach ihrem zweiten Platz in Östersund
Fotocredit: Getty Images
Findet der Austausch mit Preuß, wie in deiner Insta-Story angedeutet, also regelmäßig statt?
Rösch: Mit ihr eigentlich nicht, aber ab und zu schreibe ich schon den Athleten. Vanessa Voigt zum Beispiel, von ihr bin ich ein großer Fan, ihr habe ich des öfteren schon Nachrichten geschickt. Ob diese gelesen und verinnerlicht werden? Keine Ahnung. Aber es ist bestimmt ganz cool, etwas von jemandem zu lesen, der Ähnliches durchgemacht hat
Ein weiterer deutscher Höhepunkt war am Sonntag der Doppelsieg von Roman Rees und Justus Strelow. Rees war nach seinem Sieg mindestens so überrascht wie wir. Im Interview bei Eurosport sagte er, dass es für ihn "gar nicht so ein besonderes Rennen" war, er nicht das Gefühl hatte, sein "Leben für eine Sekunde hier oder da" geben zu müssen. Klingt, als dürften wir uns an derartige Platzierungen gewöhnen.
Rösch: Man muss das natürlich einordnen. Es war jetzt ein Einzel. Schaut man auf die Laufzeiten, dann waren da andere ein bisschen schneller. Für mich ist die wichtigste Disziplin der Sprint. Den Sprint hast du in fast allen Weltcups, auf ihm basiert einfach alles. Er ist zehn Kilometer kürzer als das Einzel, das Tempo ist höher, ein Fehler wird knallhart bestraft. Ich würde sagen, es ist einen Ticken einfacher, im Einzel aufs Podest zu laufen, weil es mehr Raum für Überraschungen gibt. Das soll die Leistungen von Roman und Justus aber keineswegs schmälern. Beide waren sensationell.
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Rees von Sieg überrascht: "Gar kein besonderes Rennen ..."
Quelle: Eurosport
Der Erfolg von Östersund ist also nicht zwingend ein Indiz für die restliche Weltcupsaison?
Rösch: Das wäre schön. Wir haben es letztes Jahr gesehen, da war Benedikt Doll auf dem 4. Platz im Gesamtweltcup, Rees auf Rang 9. Beide hatten also regelmäßig gute Ergebnisse. Es müssen nicht immer Podestplätze sein, auch wenn wir das in Deutschland natürlich wollen und sich das besser verkaufen lässt. Mir ist es lieber, jemand läuft konstant in die Top Ten und hin und wieder gibt es einen "Ausrutscher" aufs Podest als ein Podestplatz im Winter und ansonsten nur Platzierungen um Rang 40. Das Feld ist nach wie vor sehr stark - bei den Männern sowie bei den Frauen. Sich jetzt auf dem Erfolg des ersten Wochenendes auszuruhen, wäre ein großer Fehler und das wird auch niemand machen. Gerade zu Saisonbeginn ist es hilfreich, gute Ergebnisse einzufahren, die WM-Quali vielleicht schon früh in der Tasche zu haben. Ich glaube, die deutsche Mannschaft ist auf einem guten Weg.
Kommen wir zu Johannes Thingnes Bö. Der Dominator der vergangenen Jahre wirkte in Östersund plötzlich angreifbar - vor allem läuferisch. Darf die Konkurrenz hoffen?
Rösch: Die Konkurrenz hofft immer, aber letztes Jahr wurde sie zu 98 Prozent demoralisiert (lacht). Aber man sieht: Johannes Thingnes Bö ist schlagbar. Besonders schön finde ich aber, dass er bei allem Erfolg ein toller Sportsmann ist. Er winkt nicht ab und geht wortlos an seinen Konkurrenten vorbei. Auch am Sonntag hat er Roman und Justus ganz fair gratuliert. Trotzdem: Der Sprint ist eine ganz andere Hausnummer. Wenn er fehlerfrei durchkommt, dann wird er auch da wieder auf dem Podest stehen und das womöglich ganz oben. Aber auch Sebastian Samuelsson ist angriffslustig. Er hatte in Östersund die beste Laufzeit und das nicht nur um ein bis zwei Sekunden, sondern um fast eine halbe Minute.
Du erwartest also weiterhin einen dominanten Bö?
Rösch: Trotz allem, was er diesen Sommer durchgemacht hat - Sturz vom Trampolin, Schlangenbiss, Geburt des zweiten Kindes, Ellenbogenverletzung beim Armdrücken mit seinem Bruder, Sturz vom Laufband - ist er in Topform. Natürlich ist in jedem Rennen eine Chance für den Rest des Feldes da. Es bleibt aber brutal schwer, den Besten der Besten zu schlagen.
Nicht vergessen dürfen wir aus deutscher Sicht Vanessa Voigt und Sophia Schneider, die bei den Frauen auf Rang drei und fünf gelaufen sind, sowie Benedikt Doll auf Platz neun bei den Männern. Für wie nachhaltig hältst du das starke deutsche Mannschaftsergebnis?
Rösch: Das zeigt eine geschlossene Mannschaftsstärke. Das Team war eigentlich schon immer gut. Auch Philipp Nawrath habe ich gestern im Einzel hoch eingeschätzt, weil er eine gute Laufzeit in der Mixed-Staffel hatte. Das zeigt trotz seiner Vorgeschichte, dass er absolut fit ist. Läuferisch hat er das Potenzial. Wenn er am Schießstand durchkommt, kann er um das Podest mitkämpfen. Das muss nicht das ganze Team. Wir haben sechs Jungs und sechs Mädels, wenn die Hälfte in die Top Ten läuft, ist das absolut super. Das deutsche Team hat sich am ersten Wochenende teuer verkauft. Was mich immer ein bisschen ärgert, ist, dass es bei den Mixed-Staffeln und Single-Mixed-Staffeln nicht funktioniert. Da gab es lange keine Podestplatzierung. Ich hoffe, dass es in den Staffeln besser funktioniert. Da sollte am Ende auch beim Highlight mal eine Medaille rausspringen. Man sieht, dass das Team breit und gut aufgestellt ist. Justus Strelow ist jetzt 27 Jahre alt. Auch Roman Rees ist 30. Die beiden haben ein paar Jahre länger gebraucht, aber sie sind drangeblieben. Gut Ding will Weile haben.
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Justine Braisaz-Bouchet und Julia Simon sind wieder in einem Team unterwegs
Fotocredit: Getty Images
Überhaupt nicht gut lief es hingegen für Julia Simon, die mit vier Fehlern auf Rang 31 landete. Im französischen Fernsehen sprach sie davon, "mental zerkocht" zu sein. Für wie schwierig hältst du die Situation im französischen Team nach der Kreditkartenaffäre um Simon und Justine Braisaz-Bouchet?
Rösch: Das ist ein Dauer-Thema, das man nicht einfach unter den Tisch kehren kann. Ich war überrascht, wie gut sie das bis jetzt verdrängen konnte. Sie hat das gut gehändelt, aber irgendwann bricht das Kartenhaus einfach zusammen. Du kannst das bis zu einem gewissen Grad verdrängen, aber wenn du immer wieder darauf angesprochen wirst, ist das schwierig. Das Team ist wohl auch in zwei Lager gespalten. Die einen sind pro Simon, die anderen sind gegen Simon. Braisaz-Bouchet und Simon sind noch nie die besten Freunde gewesen. Sie sind sich schon immer in ihrer Karriere begegnet. Beide kommen aus dem gleichen Ort, haben im gleichen Verein angefangen, Skilanglauf zu betreiben und sind gemeinsam zum Biathlon gewechselt. Eine war immer besser, die andere war immer schlechter. Natürlich kannst du jetzt die wildesten Thesen aufstellen, aber am Ende weiß nur sie, was wirklich passiert ist. Krass ist, dass es so lange gedauert hat. Anscheinend ist das schon beim Blinkfestivalen in Norwegen im August letzten Jahres passiert. Lou Jeanmonnot hatte ein Interview im März, auf die Frage hin, was sie zu Simons Gesamweltcupsieg sagt, wortlos verlassen und nur gesagt, zu ihr sage ich nichts. Die Athletinnen wussten das intern schon. Ich glaube, das war der Stein, der alles ins Rollen gebracht hat.
Was glaubst du, wie es hier weitergeht?
Rösch: Ich wünsche mir, dass klar Kante bezogen wird - auch für Simon. Selbst wenn es so wäre wie berichtet - dann ist es halt so. Aktuell befinden sich alle in einem luftleeren Raum. Du siehst, sowas kann ein Team belasten. Ich wünsche es ihr nicht, aber man hat an der Körpersprache von Simon im Einzel gesehen, dass das Kartenhaus zusammengebrochen ist. Ich habe oft mit Siggi (Heinrich, Anm. d. Red) darüber geredet, mentale Gesundheit ist ganz wichtig. Gerade im Biathlon brauchst du einen starken Kopf und so sieht es bei ihr aktuell nicht aus. Da kann man nur hoffen, dass das Thema schnell bereinigt wird.
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Grotian sieht Vergleiche gelassen: "Werde meinen Weg gehen"
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