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Schülermannschaft unter Spitzenteams: So fällt der BVB aus dem Meisterrennen

Schülermannschaft unter Spitzenteams: So fällt der BVB aus dem Meisterrennen

20/01/2020 um 12:04Aktualisiert 20/01/2020 um 13:21

Der LIGAstheniker schiebt die Haaland-Gala vom Wochenende zur Seite und blickt auf die unübersehbaren Probleme des BVB, der sich in der aktuellen Verfassung, schon bald aus dem Meisterrennen verabschieden wird. Die Borussia agiert wie eine Schülermannschaft, dessen Lehrer (Lucien Favre) nicht dazu in der Lage ist, sein Wissen in geeigneter Form weiterzugeben. Ein System ohne Zukunft?

Liebe Fußballfreunde,

wenn ein Meisterfavorit am ersten Rückrundenspieltag gegen einen Abstiegskandidaten nur dank eines 19-jährigen Nachwuchsspielers gewinnen kann, dann muss man kein Experte sein, um zu wissen, dass die Meisterschaft ein unerreichbares Ziel bleiben wird.

Schülermannschaften zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie a) alle dem Ball hinterherlaufen und b) machen, was sie wollen. Das sagt c) dann auch einiges über den Trainer aus, der das nicht verhindern oder abstellen kann. Dass ich kein großer Fan von Lucien Favre bin, dürfte bekannt sein. Aber statt besser, scheint es in der Rückrunde eher schlechter zu werden.

Ob der BVB-Chefcoach das auch so gesehen hat? Im Quervergleich zu den anderen Titelaspiranten wirkte Dortmund nicht auf Augenhöhe. Auch Leipzig und Bayern München taten sich in ihren Spielen zu Beginn schwer, dann aber zeigten sie Steherqualitäten und eine Reife, von der die Dortmunder Schüler eine fußballerische Pubertät weit entfernt sind.

Der BVB 2020: Vorne hui, hinten pfui

Es ist nicht so, dass die Haaland-Show beim BVB alle blind gemacht hat vor Liebe zum neuen norwegischen Supertalent, den alle haben wollten und Dortmund bekommen hat. Es ist sogar ziemlich beeindruckend, was der BVB (wenn schon nicht auf dem Feld) auf dem Transfermarkt so alles anstellt und Spieler an sich bindet, die früher nur zum FC Bayern gegangen wären, als der noch eine funktionierende Scouting-Abteilung und ein paar gute Argumente hatte.

Video - Haaland, Lewandowski & Leipzig: Diese Rekorde fielen beim Rückrundenauftakt

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Wenn man dem künftigen Sportvorstand Hasan Salihamidžić so zuhört, könnte man glauben, es gibt keine guten jungen Spieler mehr, die zum FC Bayern wollen. Zu den Dortmundern wollen sie offensichtlich, die Haalands, die Reynas und Sanchos. Nur sind das alles Offensivzauberer, die vorne ihr eigenes Ding machen wollen. Und hinten? Die Flucht nach vorne, alle dem Ball hinterher und keine Defensivordnung, weil alle glänzen wollen, das ist eben Schülermannschaft.

Dabei gilt auch im Fußball, was im Eishockey schon immer Gesetz ist: Meisterschaften werden in der Abwehr entschieden. Interessant was Sebastian Kehl zur kaum vorhandenen Abwehrhaltung sagt:

"Am Ende kann man die Dinge ansprechen, kann darauf hinweisen. Der Trainer tut es immer, wir tun es. Aber irgendwann endet auch dieser Bereich und dann ist der Spieler für seine Einstellung selbst verantwortlich und muss selbst überlegen, ob er alles dafür tut, in dem Moment auch da zu sein."

Das klingt verzweifelt. Erreicht Lucien Favre seine Spieler noch, gerade die Jungen?

Dortmund tut nur so, als wäre es ein Spitzenteam

Die Probleme des BVB sind so mannigfaltig, dass sie nicht in einer Woche zu beheben sind. Ein Marco Reus in Formkrise, eine Abwehr, die angesichts ihrer aktuellen Verfassung und mangelnden Schnelligkeit zu hoch verteidigt, ein modernes Spielsystem, aber für die falschen Spieler. Es fehlt ein Defensiv-Allrounder, der dicht macht vor der Abwehr, damit Lukasz Piszczek so selten wie möglich an den Ball kommt.

Kam vor allem gegen Ruben Vargas fast immer einen Schritt zu spät: Lukasz Piszczek (rechts)

Kam vor allem gegen Ruben Vargas fast immer einen Schritt zu spät: Lukasz Piszczek (rechts)Getty Images

Sehr wahrscheinlich, dass der BVB, der schon jetzt sieben Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Leipzig aufweist, ziemlich schnell aus dem Meisterrennen fallen wird. Wenn man sieht, mit welchem Selbstbewusstsein RB auftritt, gerade nach einem anfänglichen Rückstand wie gegen Union, wie jeder Spieler seine Position hält, wie das System, von dem man überzeugt ist, konsequent durchgezogen wird, wenn man sieht, was Nagelsmann schon in wenigen Monaten aus guten Leipzigern etwas völlig anderes gemacht hat, nämlich den großen aktuellen Meisterfavoriten, dann kann man sich ungefähr ausmalen, wo der BVB heute unter einem Trainer wie ihm stehen würde.

Der markanteste Unterschied ist: Leipzig spielt wie eine Spitzenmannschaft, der BVB tut nur so, als wäre er eine.

Wo stünde der BVB unter Nagelsmann?

Dass der BVB sich für Favre und gegen Nagelsmann entschieden hat, dürfte dem Klub noch einmal sehr leid tun. Es liegt nicht daran, dass der Fußballlehrer Favre eine andere Generation ist, aber sein Schwermut, seine Vorsicht und eine Sprache, die keinen Schüler wirklich faszinieren kann, wird am Ende schwerer wiegen als sein ganzes Fußballwissen, das er nicht zu vermitteln weiß.

In der Bundesliga ist es wie auf dem Gymnasium: nur der Lehrer, der seine Schüler zu begeistern weiß, der wird sie auch durchs Abitur bringen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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