Liebe Fußballfreunde, wer es noch immer nicht mitbekommen hat: Die Bundesliga ist gerade eine unfreiwillig komische Veranstaltung. Die spannendste Restentscheidung dieser Saison ist das Rennen um die Qualifikation für die Champions-League-Plätze: Wolfsburg (57 Punkte), Frankfurt (56) und Dortmund (55) spielen die beiden noch freien Plätze aus.
Das ist für sich genommen tatsächlich spannend, andererseits muss die Frage erlaubt sein: Warum soll das eigentlich spannend sein? Warum wollen die Klubs unbedingt da rein? Um Champions-League-Sieger zu werden? Wohl kaum! Um viel Geld zu verdienen? Sehr wohl! Aber warum soll das für Millionen spannend sein, wenn jemand nur um Geld spielt. Bei den Bayern waren es in der letzten Saison 130 Millionen Euro, dafür müssen sie sonst lange stricken. Geld, das sie dringend brauchen, um ihre Ausgabenseite im Griff zu behalten, um bessere Spieler zu verpflichten, um sportlich immer noch erfolgreicher zu sein. Warum erzähle ich das?
Seit Aufkommen der Super-League-Idee konnte man den Eindruck bekommen, die Bundesliga inszeniere sich als letzte Zuflucht für Tradition und Historie, so, als wolle man lieber in die Vergangenheit der eingetragenen Vereine zurück als in die Zukunft eines globalen Entertainmentbusiness', denn nichts anderes ist die Super League. Gladbach Sportdirektor Max Eberl war ihr größter Kritiker, die neue Super League sei "zynisch" und "heuchlerisch", so Eberl unter der Woche. Am Wochenende nun schwärmte er von der Champions League, die "wie eine Meisterschaft" für die Fohlen gewesen sei. Tatsächlich gewonnen hatte Gladbach in der diesjährigen Saison in der "Königsklasse" aber nur Geld. Vergleichsweise viel Geld. Ist das nicht auch zynisch?
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Der Markt hat das Spiel im Griff

Das seriöse Deckmäntelchen, das sich die Bundesliga gerade überstülpt, hat mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun. Auch hierzulande geht es in erster Linie und vor allem um Geld. Dass Bayern und Dortmund vorerst nicht auf den Super League-Zug aufgesprungen sind, hat mehr mit Vernunftgründen zu tun als mit innerer Überzeugung. Anhängerschaft und Öffentlichkeit ist eine solche Superliga derzeit nicht vermittelbar, so viel Sensorik ist bei Karl-Heinz Rummenigge und Aki Watze noch vorhanden, tatsächlich, und das wissen die beiden Vorstandsbosse natürlich, wird diese Liga eines Tages kommen, weil der freie Markt die Kräfte des Spiels monetarisieren will - und kann.

Hier wie dort, die Gier

Das zeigt schon das Beispiel der Champions-League-Reform, die - welch Zufall - nur Tage nach der Super League präsentierte wurde und die aus dem gleichen Geist erdacht wurde: Mit immer noch mehr Spielen immer noch mehr Geld aus dem Spiel herauspressen. Die "Gier", die UEFA-Chef Aleksander Ceferin den Super-League-Putschisten vorwarf, traf ihn selbst. Ratlos macht den Fan die Reaktion des Establishments: Pep Guardiola ist wohl für die Super League und gegen die Superreform. Bei Bayerns Rummenigge ist genau anders herum und Jürgen Klopp bei beidem irgendwie indifferent, zumindest öffentlich, offenbar seiner Street Credibility geschuldet als "The Normal One". Als könnte man in diesem irrwitzigen Business noch normal bleiben.

Julian Nagelsmann und Jürgen Klopp

Fotocredit: Getty Images

Schmuddelkind Europas

Die Bundesliga kann es nicht. Man könnte auch sagen, die scheinbar immer so seriös auftretende Bundesliga ist derzeit das Schmuddelkind des europäischen Fußballbusiness'. Verträge werden jetzt nicht mal mehr von den Fußballlehrern, den einstigen Vorbildern des Spiels, eingehalten - siehe Löw, Flick, Rose, Hütter. Man tut auch gar nicht erst so, als wäre das ein großes Dilemma. Mit Verweis auf das Geschäft ist alles gesagt. Der Markt kann es richten, also soll er auch. Nur der Modus muss noch geklärt werden, also die Höhe der Beträge: Kauft sich Hansi Flick aus seinem Vertrag heraus oder will Bayern eine Ablöse?
Selbst, dass der DFB für seinen künftigen Bundestrainer Geld bezahlen muss, ist nicht mehr undenkbar. In dieser Logik ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Münchner und Leipzig sich auf eine Ablöse für Julian Nagelsmann geeinigt haben. Sind 15 Millionen genug? Oder müssen es schon 20 sein? Ging es bisher um die Spieler, die ihre Verträge partout nicht erfüllen sollten, damit man noch eine Ablöse verlangen konnte, fühlen sich jetzt auch die Trainer an nichts mehr gebunden. In England oder Spanien gibt es dergleichen nicht. Eine Reißleine, die gerissen ist.

Das ganz große Rad drehen

Urkomisch also, wie das Spiel mit dem großen Geld hierzulande wahlweise als zynisch oder opportun gilt. Wenn man sich ein Stück weit ehrlich macht, dann weiß auch ein Max Eberl, dass der internationale Fußball längst ein so großes Rad dreht, dass man es gar nicht mehr zurückdrehen kann (wenn man es könnte, wäre Gladbach international wohl nicht dabei). Das auszublenden, ist die wahre Heuchelei.

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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