Mit einem ausgeschnittenen, orange-farbenen Ball als Mütze singt Arjen Robben ins Mikrofon. Daneben lacht Franck Ribéry mit der Meisterschale in der Hand über seinen Teamkollegen. Manuel Neuer reckt die Champions-League-Trophäe in die Höhe und Bastian Schweinsteiger setzt zur LaOla-Welle an. Ausgelassen feiern die Bayern-Stars mit viel Silberware bestückt auf dem Münchner Rathausbalkon unter dem Jubel der Fans. Es ist Mai 2013. Der FC Bayern hat sich in diesen Wochen zur besten Mannschaft Europas gekrönt und nach der Meisterschaft auch noch die Champions League und den DFB-Pokal gewonnen.
2020 gelingt es dem deutschen Rekordmeister unter Hansi Flick, dieses historische Kunststück zu wiederholen. Im Champions-League-Finale von Lissabon schlagen die Bayern Paris Saint-Germain durch den goldenen Treffer von Kingsley Coman mit 1:0. Mit dabei sind auch noch fünf Triple-Helden von 2013. Feiern können die Münchner dieses Mal allerdings nur innerhalb der Mannschaft. Eine Party mit den Fans lässt die Corona-Pandemie nicht zu.
Ein Jahr später steht der Klub vor dem Gewinn der neunten Meisterschaft in Folge. Es wird die letzte von David Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martínez mit den Münchnern sein. Alle drei verlassen die bayerische Hauptstadt am Saisonende, nachdem der FCB zuletzt auch den bevorstehenden Abschied von Fanliebling Martínez verkündete.
Bundesliga
Nicht zu ersetzen: Das hat Bayern mit Neuer und Müller vor
06/05/2021 AM 09:44
"Wir werden drei Spieler, die eine herausragende Ära bei Bayern München mitgestaltet haben, in den letzten drei Spielen verabschieden", erklärte Trainer Hansi Flick auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg und ergänzte mit Blick auf den weiteren Karriereweg: "Wenn man Bayern München verlässt, dann ist das schon zum Teil ein Verlust, weil Bayern einen enormen Spirit hat. Es ist ein ganz großer Klub."
Doch so sehr den Spielern das Bayern-Gefühl fehlen wird, so sehr hinterlassen sie auch gleichzeitig mit ihren Persönlichkeiten eine Lücke beim Rekordmeister. Nun stellt sich mit ihrem Abgang die Frage, wer beim FC Bayern noch als Identifikationsfigur bleibt.

Die Bayern-Stars feiern das Triple 2013 auf dem Münchner Rathausbalkon

Fotocredit: Getty Images

Nur Müller und Neuer noch aus 2013er-Kader da

Vor Alaba, Boateng und Martínez mussten die Bayern-Fans in den vergangenen Jahren nach und nach die Abschiede von Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Franck Ribéry und Arjen Robben verkraften. Nur Müller und Neuer sind noch aus der unsterblichen 2013er-Mannschaft geblieben. Beide scheinen derzeit allein aufgrund ihrer Rolle für den Klub unersetzlich, was auch ein Beispiel aus der Vergangenheit verdeutlicht.
2017 stand Müller unter Carlo Ancelotti ein Stück weit auf dem Abstellgleis, kam oft nur noch als Einwechselspieler zum Zug. Schon damals bezifferte Eurosport-Experte Matthias Sammer Müllers Wert als immens. "Er ist ein Idol, die Seele und Zukunft des FC Bayern. Und das sollte auch der Klub verstehen", sagte der heutige BVB-Berater damals. Sammer bezeichnete die Situation als den "Widerspruch, den man in einem Verein mit Identifikationsfiguren immer sehen muss". Es gebe innerhalb einer Mannschaft "ganz, ganz wichtige stabile Faktoren, die dann, wenn sie Führungsspieler sind, nicht in Frage gestellt werden dürfen". So wie von Niko Kovac 2019.
Unter Hans-Dieter Flick untermauerte Müller seine Führungsrolle wieder sportlich. Als waschechter Bajuware und mit seiner charismatischen Art repräsentierte er den Verein in der Triplesaison als eine Art Galionsfigur. Ende März deutete Müller in einem Interview mit der "Times" erstmals wieder an, dass er sich auch noch fußballerische Erfahrungen außerhalb Münchens vorstellen könnte. Für die Fans wäre sein Abgang eine harte Nachricht.

#SotipptderBoss: BVB macht Bayern zum Meister

Kimmich und Goretzka mit starken Aktionen auf und neben dem Platz

Zwar bahnte sich zuletzt an, dass die Bayern noch einmal mit Müller und auch Neuer verlängern wollen, dass beide aber allein aufgrund ihres Alters nicht für immer Teil der Mannschaft sein können, ist klar. Deshalb lohnt sich schon jetzt ein Blick, wer ihnen nachfolgen könnte. Flick verwies auf der Pressekonferenz auf das "Mittelalter, die Spieler um die Jahre 25". Doch nicht alle Spieler dieser neuen Generation taugen als echte Identifikationsfigur.
Am ehesten wird diese Rolle wohl Joshua Kimmich und seinem Nebenmann Leon Goretzka zugetraut. Beide gehen auf dem Platz bereits voran und engagieren sich auch daneben. Mit der "WeKickCorona"-Kampagne sammelten sie über fünf Millionen Euro an Spenden für karitative Vereine und soziale Einrichtungen. Goretzka nutzte seine Reichweite in den sozialen Medien unter anderem dafür, mit einer Holocaust-Überlebenden zu sprechen. Das ist wichtig und kommt bei den Fans auch gut an. Ob Kimmich aufgrund seines teils überbordenden Ehrgeizes auf dem Platz zum absoluten Fanliebling werden kann, wird sich noch zeigen.
Andere Spieler, auch wenn sie fußballerisch nicht minder begabt sind, eignen sich aber nicht wirklich zur Identifikationsfigur. Ein Robert Lewandowski ist ein großes Vorbild, wirkt aber nicht immer ganz nahbar und wird eher für seine Leistungen bewundert als von den Fans vergöttert.
Auch ein Leroy Sané, Niklas Süle, Benjamin Pavard, Lucas Hernández oder Kingsley Coman stehen beispielsweise trotz ihrer spielerischen Klasse vermutlich nicht ganz oben in der Liste der Spieler, die sich die Fanklub-Mitglieder als Gast auf der alljährlichen Weihnachtsfeier wünschen.

DFB-Präsident: Drei Bayern-Ikonen und zwei Frauen als Kandidaten

Davies erobert Fan-Herzen im Sturm

Nicht jeder Spieler ist für die Rolle als Identifikationsfigur geeignet, das wird auch gar nicht erwartet, denn in erster Linie werden Spieler ja nach ihren Leistungen auf dem Feld beurteilt. Dennoch ist es für die Fans wichtig, jemanden zu haben, dem sie ihre Sympathien schenken können, auch ohne dass er gerade ein Tor für den Klub geschossen hat, sondern einfach wegen seiner Art.
Von den jungen Spielern hat Gute-Laune-Mann Alphonso Davies dazu mit Abstand am meisten Potenzial. Der 20-Jährige hat die Herzen der Fans seit seinem Wechsel 2019 im Sturm erobert und zeigte auch starke Haltung in gesellschaftsrelevanten Debatten. Die Anhänger können nur hoffen, dass "Phonzie" dem deutschen Rekordmeister so lange wie möglich erhalten bleibt (und sein enormes fußballerisches Talent weiterhin bestätigt).

Nachwuchskicker schaffen Sprung zu den Profis nicht

Abgesehen davon sieht es aber mit Blick auf den Nachwuchs eher düster aus. Die Fans sehnen sich nach einem Shootingstar vom Bayern-Campus, am besten einer mit Heimatbezug der Marke Müller oder Holger Badstuber. Da es in den letzten Jahren aber fußballerisch bei keinem für den großen Sprung in die erste Mannschaft reichte, konnte auch niemand zur Identifikationsfigur aufsteigen. Es deutet sich aber zumindest an, dass sich mit Jamal Musiala ein großes Talent aus dem Nachwuchs bei den Profis festspielen kann.

Jamal Musiala hat den Durchbruch beim FC Bayern geschafft

Fotocredit: Getty Images

Sowohl die Fans als auch der Verein selbst werden hoffen, dass junge Spieler nachrücken oder dass sich gestandene Spieler noch weiterentwickeln, um mittelfristig die Rolle von Neuer und Müller einnehmen zu können. Es sollte nicht unterschätzt werden, wie sich das Fehlen einer Identität auf das Ansehen einer Mannschaft auswirken kann. Die deutsche Nationalmannschaft kann in den letzten Jahren wohl ein Lied davon singen.
Das könnte Dich auch interessieren: FC Bayern gewinnt Sport-Oscar: "Der krönende siebte Titel"

#SotipptderBoss: BVB macht Bayern zum Meister

Bundesliga
Frühstück vom FC Bayern: Rekordmeister spendet 150.000 Euro
06/05/2021 AM 08:12
La Liga
Real gibt bekannt: Star-Neuzugang Alaba positiv auf Corona getestet
VOR 9 STUNDEN