Es war schon alles sehr emotional am vergangenen Samstag. Als David Alaba da auf dem Rasen der Volkswagen Arena stand und Hansi Flick, welcher sichtlich mit den Tränen zu kämpfen hatte, in den Arm nahm.
Wenig später informierte Flick die Öffentlichkeit über seine wegweisende Entscheidung, den Rekordmeister im Sommer verlassen zu wollen.
An den Bayern-Stars, mögen sie noch so sehr Profi sein, geht das nicht einfach vorbei. "Die letzten Wochen waren für die Mannschaft auch nicht unbedingt ruhig", meinte Flick am Montag. Auch wenn der 56-Jährige seinem Team eine "starke Mentalität" attestierte und man in München ohnehin immer "sehr fokussiert auf das Sportliche und den Erfolg ist", wird es am Dienstag gegen Leverkusen (20:30 Uhr im Liveticker) spannend zu sehen sein, wie der Tabellenführer den Trubel der vergangenen Tage wegsteckt.
Champions League
Das Fußballgeschäft und seine unbändige Gier: Es lebe die Doppelmoral!
20/04/2021 AM 10:34
Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt haben nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Abgänge von Marco Rose beziehungsweise Adi Hütter einen herben Dämpfer kassiert. Trotz sieben Punkten Vorsprung muss nun auch der FC Bayern den Gewinn der neunten Deutschen Meisterschaft erst einmal über die Ziellinie bringen.
Dennoch ist diese Aufgabe derzeit wohl die geringste Sorge der Roten. So komisch das auch klingen mag. Viel schwerer wiegen die Brandherde neben dem Platz, die sich in München nach anderthalb erfolgsverwöhnten Jahren plötzlich wieder häufen und in einem turbulenten Sommer münden werden.

Flick-Posse und Trainer-Suche

Da wäre erstens, natürlich, die Trainer-Thematik. Auch wenn Flick am Montag darauf verzichtete, eine weitere Lunte an das Pulverfass zu legen, hat er die Bosse in eine missliche Lage gebracht. Ein Verbleib des 56-Jährigen, so schreibt es auch Lothar Matthäus in seiner Kolumne für "Skysport.de", ist nach seinem Gang an die Öffentlichkeit, mit dem er die Verantwortlichen bloßstellte und verärgerte, nahezu ausgeschlossen.
Bayern muss sich nun auf die Suche nach einem Nachfolger machen. Ein kompliziertes Unterfangen, muss sich der Neue doch an den Erfolgen von Flick messen lassen (Querverweis: sechs Titel in einem Jahr).
In den Augen vieler Fans trägt vor allem Sportvorstand Hasan Salihamidzic die Schuld daran, den Erfolgscoach vergrault zu haben. Das zeigt eine Online-Petition der Anhänger, die das Aus des 44-Jährigen fordern, um Flick doch noch irgendwie zu halten. Wer will es ihnen verdenken, war doch auf der Trainerposition nach den eher unglücklichen Perioden unter Carlo Ancelotti und Niko Kovac endlich wieder Ruhe eingekehrt. Dachte man zumindest.
Der erste Schuss der Vereinsoberen bei der Nachfolger-Suche muss also sitzen. Julian Nagelsmann wird aufgrund seines bis 2023 laufenden Vertrags in Leipzig nicht einfach zu bekommen sein. Und neben dem 33-Jährigen, sind wir mal ehrlich, gibt der Trainermarkt auf dem Niveau eines FC Bayern aktuell gar nicht so viel her. José Mourinho ist zwar nun frei, doch der spricht erstens kein Deutsch und ist zweitens auch nicht dafür bekannt, sich still den Transferwünschen der Vereinsführung zu fügen.
Zudem bleibt abzuwarten, wer aus dem Bayern-Staff noch gehen könnte. Auch Co-Trainer Miroslav Klose, von dem man dachte, dass er in München zu mehr berufen ist, machte jüngst seinem Ärger über die Art und Weise, "wie hier gerade miteinander kommuniziert" wird, Luft. Er könnte Flick - vermutlich zum DFB - folgen und eine weitere Kerbe hinterlassen.

Super League als Elefant im Raum

Als größte Baustelle für die Bayern muss seit Montagmorgen aber die Super League betrachtet werden.
Die Münchner gehören nicht zu den zwölf Gründungsmitgliedern, auch wenn Liverpool, Juve und Co. den amtierenden Champions-League-Sieger wohl sehr gerne als dauerhaften Teilnehmer dabei hätten. Das geht aus einem Bericht des "Spiegel" hervor.
Allerdings positionierte sich der FCB bereits am Montag gegen das Unterfangen der zwölf Top-Klubs und stellte sich an die Seite der UEFA. Einen Tag später wurde Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" noch deutlicher: "Wir sind nicht dabei, weil wir kein Teil davon sein wollen." Stattdessen wurde der 65-Jährige am Dienstag als einer von zwei Vertretern der Klubvereinigung ECA ins UEFA-Exekutivkomitee gewählt.
Am Nachmittag legte Bayern mit einer Pressemitteilung nochmals nach. Titel: "FC Bayern sagt Nein zur Super League".
Bayern hat sich also klar positioniert, steht aber doch irgendwie zwischen den Stühlen. Natürlich würden sich die Münchner gerne weiter mit den Besten Europas messen - sowohl sportlich als auch finanziell. Dass der Rekordmeister akzeptieren würde, in Zukunft international ein Klub zweiter Klasse zu sein, ist auf Dauer schwer vorstellbar. Daher werden Rummenigge und die UEFA alles daran setzen, die Abtrünnigen doch noch irgendwie umzustimmen.
Sonst droht dem FC Bayern ein umso turbulenterer Sommer.

Umbruch im Team

Denn jeder einzelne Spieler wird sich ganz genau ansehen, was sich aktuell innerhalb des Vereins tut. Die Stützen des Teams um Thomas Müller, Manuel Neuer, Robert Lewandowski und Co. hätten gerne mit Flick weiter gemacht. Es kann ihnen nicht gefallen, dass sich der Erfolgscoach aufgrund eines persönlichen Machtkampfes verabschiedet. Dasselbe gilt für den Umgang mit Jérôme Boateng, einem über Jahre verdienten Spieler des Klubs.
Mit Leon Goretzka, Niklas Süle (beide Vertrag bis 2022), Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Kingsley Coman (alle Vertrag bis 2023) stehen zudem Verhandlungen mit vermeintlich wichtigen Spielern für die Zukunft an. Auch sie werden ihre Schlüsse ziehen.
Bereits kommenden Sommer verlassen mit Boateng und David Alaba zwei etablierte Kräfte von Weltklasseformat den Verein, auch ein Verbleib von Douglas Costa ist unwahrscheinlich. Mit Dayot Upamecano (kommt im Sommer) und Tanguy Nianzou haben die Münchner zwar in der Innenverteidigung für die Zukunft vorgesorgt, ihre Sporen müssen die beiden sich allerdings noch verdienen.
Salihamidzic steht in der kommenden Transferperiode vor einer schwierigen Aufgabe, gerade rechts hinten und in der Mittelfeldzentrale bedarf es an Verstärkungen.
Vor dem Hintergrund der Super League dürfte es in Zukunft noch schwieriger werden, die besten Spieler Europas an Land zu ziehen, geschweige denn die eigenen Top-Stars zu halten.

Umbruch in der Führungsetage

Dazu kommt der fast schon in Vergessenheit geratene Wechsel an der Vereinsspitze. Rummenigge wird Ende 2021 von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender zurücktreten und Oliver Kahn das Zepter übergeben.
Der gilt zwar immer noch als ein geeigneter Nachfolger, machte aber im Flick-Theater eher mit Schweigen und Zurückhaltung aus sich aufmerksam, statt in der Öffentlichkeit klare Worte zu finden.
Salihamidzic steht ohnehin bei den Fans und in der Öffentlichkeit heftig in der Kritik. Der Druck wächst.
Ganz so smooth und locker, wie man sich das nach der erfolgreichen vergangenen Saison gedacht hatte, wird der Machtwechsel auf jeden Fall nicht vonstatten gehen.

Corona und Entfremdung von den Fans

Und wäre das alles nicht genug, gibt es da ja auch noch diese Corona-Pandemie, die der ganzen Welt, dem Fußball und damit auch dem FC Bayern zu schaffen macht. Nicht nur finanziell.
Auch wenn Bayern bei der Super League die Grenze zieht, hat sich der Fußball insgesamt durch seine beanspruchte Sonderstellung und das fehlende Miteinander im Stadion von seinen Anhängern entfremdet.
Wann die Fans wieder in die Stadien zurückkehren dürfen, ist völlig offen. Die Hoffnung, dass man vor Zuschauern in die kommende Saison starten darf, ist allerdings groß. Dann gilt es Aufbauarbeit zu leisten.
Dem FC Bayern stehen brisante Tage, Wochen und Monate bevor.
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