Ein Experiment ist, so beschreibt es der Duden, ein "gewagtes, unsicheres Unternehmen".
Diese Definition kommt dem sehr nahe, was Hans-Dieter Flick aktuell beim FC Bayern tut, tun muss. Der Trainer ist zum Experimentieren gezwungen, die angespannte Personallage lässt nichts anderes zu.
So kamen gegen Union Berlin Tiago Dantas und Josip Stanisic zu ihren Startelfdebüts. Letzterer feierte, wie der später eingewechselte Christopher Scott, seine Liga-Premiere. Die runderneuerten Bayern holten mit ihrer Notelf ein akzeptables 1:1 gegen Union Berlin. Verschmerzbar, beträgt der Vorsprung auf Verfolger RB Leipzig doch immernoch beruhigende fünf Punkte.
Bundesliga
Flick der richtige Bayern-Coach für die Zukunft? Neuer positioniert sich
10/04/2021 AM 17:01
Doch spätestens nach dem Schlusspfiff in der Allianz Arena rückte die Erkenntnis in den Vordergrund: Der FC Bayern steht vor einem Riesenproblem.
"Wir haben noch zwei Tage und dann müssen wir schauen, dass wir am Dienstag um 21:00 Uhr bereit sind für ein großes Spiel", gab Flick bei "Sky" zu Protokoll und läutete damit den Countdown für das Viertelfinal-Rückspiel bei Paris Saint-Germain ein.

FC Bayern - der Chancenwucher greift um sich

Es gilt, ein 2:3 wettzumachen. Auswärts. Ersatzgeschwächt. Mit Abwehrproblemen, ohne Tormaschine.
Eine Herkulesaufgabe, denn die zahlreichen Ausfälle können selbst die Bayern nicht kompensieren.

Falscher Einwurf vor Gegentor? So reagiert Bayern-Coach Flick

Seitdem Robert Lewandowski aufgrund einer Bänderdehnung im Knie nicht mehr an Bord ist, hat sich ein ungesunder Chancenwucher breitgemacht bei den Münchnern. 31:6 (!) Torschüsse zu Gunsten der Bayern wies die Statistik im Hinspiel gegen Paris aus - das Ergebnis ist bekannt.
Gegen Union waren es 14:6 Torschüsse für den Rekordmeister, der diese Überlegenheit trotzdem nicht in einen Sieg umzumünzen verstand. Die mutigen Berliner kamen kurz vor Schluss zum Ausgleichstreffer, was zur nur nächsten Schwäche der Bayern überleitet. Die Null steht nicht mehr.

Boateng und Coman ebenfalls angeschlagen

Wie auch? Der Kader ist böse zerfleddert. Nachdem schon vorher feststand, dass Niklas Süle gegen Berlin und Paris ausfallen wird, ist nun auch Innenverteidiger-Kollege Jérôme Boateng "ein bisschen angeschlagen", wie Flick einräumen musste. Linksverteidiger Lucas Hernández war gegen Berlin aufgrund einer Rippenprellung nicht dabei. Ungewiss, in welcher Verfassung er am Dienstag auflaufen wird.
Kaum besser sieht es davor im Mittelfeld und vor allem auf den Flügeln aus. Kingsley Coman habe gegen Union "einen Schlag gegen das Knie bekommen", so Flick. Mit Serge Gnabry (Corona-Infektion) und Douglas Costa (Haarriss) fehlen dem Champions-League-Titelverteidiger überdies zwei weitere Flügelflitzer.
Genauso bitter könnte sich die Lage im zentralen Mittelfeld darstellen. Leon Goretzkas Einsatz steht auf der Kippe, zu ersetzen wäre er kaum. "Bei Leon dürfen wir kein Risiko eingehen, weil es eine muskuläre Verletzung ist. Da müssen wir warten, ob die Ärzte grünes Licht geben", berichtete der Trainer. Corentin Tolisso wird nach einem Sehnenriss ohnehin nicht dabei sein.

Personalsorgen, Querelen und Spekulationen

Was also tun? "Wir müssen abwarten", konstatierte Flick, der überdies auf Schritt und Tritt mit zwei weiteren, unangenehmen Themen konfrontiert wird: den Differenzen mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic und der Frage, ob er im Sommer die Nachfolge von Joachim Löw als Bundestrainer antreten wolle.
Das sorgt - natürlich - für Unruhe.
Torhüter Manuel Neuer betonte, dass die Mannschaft sich durch die Schlagzeilen nicht irritieren lassen. Einerseits. Andererseits seien "alle Sachen, die von außen auf uns einprasseln, natürlich nicht von Nöten". Schon gar nicht, wenn der dezimierte Bayern-Kader sich gegen das drohende Aus in der Königsklasse stemmen muss.

Müller macht den Bayern Hoffnung

So engagiert die Novizen Dantas, Stanisic und Scott in der Bundesliga auch zu Werke gingen, das Viertefinal-Rückspiel in der Champions League ist eine Nummer zu groß für das Trio.

Thomas Müller (FC Bayern) bejubelt seinen Treffer gegen Paris Saint-Germain

Fotocredit: Getty Images

Und damit ist der größte Hoffnungsträger der, der den Verein besser verkörpert als alle anderen: Thomas Müller. Der Weltmeister von 2014 bereite in den vergangenen vier Ligaspielen fünf Tore vor und erzielte im Hinspiel gegen PSG eines der beiden Bayern-Tore. Müller ist in Topform, könnte zum Schlüsselspieler werden am Dienstag.
Nichtsdestotrotz steht außer Frage: Die Münchner müssen sich im Parc des Princes auf ein Experiment einlassen. Es ist ein gewagtes, unsicheres Unternehmen - aber kein aussichtsloses.
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