Liebe Fußballfreunde, den interessantesten Fußballsatz lieferte an diesem Wochenende der Mann mit dem Pferdeschwanz, der im Spiel seiner Leipziger in Freiburg an allen Toren in entscheidender Funktion beteiligt war: Kevin Kampl also schaffte es nach dem 3:0 (1:0)-Sieg beim SC Freiburg und der zwischenzeitlichen Tabellenführung von RB die Begriffe "gierig" und "hungrig", "Herz" und "Leidenschaft" in einen einzigen Satz zu pressen, dabei drei Mal das Wort "Mannschaft" oder "Team" zu benutzen, auf das er die Aussage des Satzes bezog.
Die Übersetzung von Kampls bedeutungsschwangerer Analyse formulierte Minuten später sein Trainer Julian Nagelsmann wie folgt: "Es ist so schön Tabellenführer zu sein, wir wollen es gleich noch viel länger bleiben." Das ist auf und abseits des Spielfeldes mal eine Ansage.
Es ist ganz sicher eine Binsenweisheit der Sprachkritik, dass der Inhalt von gesprochenen Sätzen auch den emotionalen Aggregatszustand des Sprechenden sichtbar macht. Selbstbewusster, überzeugter, tabellenführender als die Leipziger ist an diesem 24. Spieltag kein anderer Klub auftreten, dabei sind sie es ja gar nicht mehr, Tabellenführer. Denn: Waren es nicht die Mia San-Mia-Bayern, die im deutschen Klassiker gegen den BVB das wahre sportliche Ausrufezeichen gesetzt haben?
Champions League
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08/03/2021 AM 10:49
Bei den Münchnern war es weniger die Gier als der absolute Wille zur Macht, der sie wieder und wieder und immer noch ganz oben stehen lässt. Auch ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber wenn wir Glück haben, stehen wir vielleicht vor dem interessantesten Saisonfinale seit über zehn Jahren.

Supercoole Bayern

Vor dem Hintergrund der Sprachkritik geben die drei deutschen Spitzenklubs Bayern, Leipzig und Dortmund derzeit ein sehr differenziertes Bild ab und belegen damit gleichzeitig die Rolle, die sie aktuell sportlich spielen.
Unaufgeregter, routinierter als Hansi Flick kann man so ein Wendemanöverspiel - von 0:2 in ein 4:2 - im vermeintlich wichtigsten Saisonspiel der Halbserie gar nicht bewerten. Ja mei, ein bisschen Glück gehabt, Flick spricht vom "Quäntchen Glück", man sei eben besser gewesen. So klingt das dann, als spräche da irgendein Behördenleiter.
Die Bayern, und das macht national wie international kaum einer besser, verfügen selbst in den großen Erregungsspielen über ein Übermaß an Routine und Überzeugung, dass ein Rückstand kein Betriebsunfall ist, sondern eher eine Art zweiter Spielanpfiff.

Robert Lewandowski - FC Bayern München

Fotocredit: Getty Images

BVB versinkt im Selbstmitleid

Kein Quäntchen Trost für den BVB, um es mit James Bond zu sagen, die sich nach dem Spitzenspiel ein dickes Quantum Selbstmitleid auferlegt und sich dann auch noch in einen obskuren Bayern-Bonus-Vorwurf verstiegen haben.
Gerade das ist ja der Dortmund-Malus, dass man gerne so erfolgreich wäre wie die Bayern, aber wenn man ihnen einmal die Schaufel auf dem Spielplatz wegnimmt, dann holen sie sich diese nicht zurück, sondern es laufen die Tränchen.
So gierig und hungrig wie Leipzig müsste aufgrund der Erfahrung eigentlich Dortmund sein, was sie aber nicht sind, was auch die aktuelle Tabellensituation mit Platz sechs erklärt.
Und so wird die diesjährige Meisterschaft, nicht unwahrscheinlich, beim Neo-Clásico Leipzig gegen Bayern am 3. April vorentschieden. Der Zweite gegen den Ersten, die Gierigen gegen die Coolen.

Leipziger Fußballkino

Die Kritik am Profifußball ist gerade fundamental und das völlig zurecht. Die gesellschaftliche Bevorzugung in der Coronakrise, die vorgegaukelte Demut, das ungenierte Macht- und Geldgebaren, die Anbiederung an Scheichs und Autokraten, dass kann, dass muss man kritisieren.
Natürlich ist Leipzig kein Traditionsverein, sondern ein Dosenklub, das wird er immer bleiben, aber das, was Leipzig auf dem Fußballfeld entwirft, das ist mit Geld allein eben nicht zu erklären. Hier wird tagtäglich mit hoher Expertise hohes Niveau erarbeitet, von jungen Leuten eine eigene Spielidee in ein Spielsystem umgemünzt, angeleitet von einem, der demnächst nur noch in der Premier League vorstellbar ist: Julian Nagelsmann.
Die Art und Weise, wie Kevin Kampl, zugegeben ein alter Hase, gegen den Ball Druck entfaltet, im Zweikampf die Bälle erobert und dann auch noch den finalen vertikalen Pass spielen kann - so wie beim 0:2 gegen Freiburg - das ist ganz großes Fußballkino.

Die Spieler von RB Leipzig bejubeln das 3:0 von Emil Forsberg (2. v. r.) beim SC Freiburg

Fotocredit: Getty Images

Bayern oder RB Leipzig?

Nach Jahren der Eindeutigkeit ist die Liga also endlich wieder im Duellmodus: Bayern oder Leipzig, Wille und Überzeugung oder Leidenschaft mit System, Erfahrung oder Jugend, das System Flick oder das System Nagelsmann, Ballbesitz und Laufenlassen oder Pressing und Umschaltspiel - was entscheidet über die Meisterschaft?
Das Endspiel steigt am 3. April: Der Sieger wird Deutscher Meister, das behaupte ich jetzt einfach mal.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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