FC Bayern München - Zwischenzeugnis für Trainer Thomas Tuchel: Einmal auch die Note 4

Thomas Tuchel geht mit dem FC Bayern München ungeschlagen in Liga, Pokal und Champions League in die Länderspielpause. Optimal läuft es aber noch nicht für den 50-Jährigen in seiner ersten Saison von Anfang an als Coach des Meisters. Während er im Umgang mit den Stars ein gutes Händchen beweist, zeigt das Team in Duellen mit Topklubs Schwächen. Eurosport.de stellt Tuchel ein Zwischenzeugnis aus.

Tuchel erklärt Bankrolle von Müller: "Hat ein gewisses Alter"

Quelle: Perform

Vor 201 Tagen setzte Thomas Tuchel seine Unterschrift unter den Vertrag beim FC Bayern München. Der Auftrag war und ist klar: Mehr Konstanz, mehr Glanz, mehr Erfolg soll her, als das unter Vorgänger Julian Nagelsmann der Fall war.
Die Meisterschaft fuhr Tuchel mit einer gewaltigen Portion Glück ein, das Minimalziel war erreicht. Nach dem Wie fragt keiner mehr. In dieser Saison aber will der Verein Tuchels Handschrift und deutlich souveränere Auftritte sehen.
Bayern soll wieder wie Bayern spielen - und dominieren. Das erste Fünftel der Saison ist vorbei, der Rekordmeister ist noch ungeschlagen, hat in der Tabelle aber Leverkusen und Stuttgart vor sich.
In der Führungsebene wird deshalb (noch) niemand nervös, aber wie gut hat Tuchel den Kader im Griff, setzen die Spieler seine Vorgaben um - und wie läuft die Kommunikation zwischen dem Trainer und seinen Stars? Eurosport.de nimmt die fünf entscheidenden Faktoren unter die Lupe und vergibt Noten.

1.) Handling der Stars - Note 1

Den wichtigsten Balance-Akt hat Tuchel mit Bravour gemeistert. Der 50-Jährige hat es geschafft, Vereinsikone Thomas Müller trotz reduzierter Einsatzzeiten den Status als Leader zu lassen. Sinnbildlich dafür steht eine Szene aus der vergangenen Spielzeit. Tuchel setzte Müller beim Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Manchester City (0:3) auf die Bank. Kurz vor der Pause berieten beide einträchtig das weitere Vorgehen. Es sei "ein Genuss, mit ihm zu arbeiten", lobte Tuchel den Routinier danach.
Und auch in dieser Saison scheint das Verhältnis bestens. Obwohl Müllers direkter Konkurrent Jamal Musiala gegen Augsburg (3:1) ausfiel, saß Müller mehr als 70 Minuten lang auf der Bank. Als er schließlich eingewechselt wurde, präsentierte er sich bestens gelaunt. Beim Champions-League-Gastspiel in Kopenhagen war es nicht anders. Tuchel wollte Müller, Mathys Tel und Eric Maxim Choupo-Moting gerade aufs Feld schicken, als Musiala traf. Daraufhin schickte der Trainer das Trio noch einmal zum Warmlaufen. Fand Müller "witzig". Kurz darauf bekam der 34-Jährige seine Chance und hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Bayern mit einem 2:1-Sieg nach Hause fuhren.
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Bayern-Trainer Thomas Tuchel (li.) mit Thomas Müller (Mitte) und Noussair Mazraoui (re.)

Fotocredit: Getty Images

Darüber hinaus haben sich die Wogen bei Ryan Gravenberch und Noussair Mazraoui geglättet. Beide waren in der Vorsaison unzufrieden, sorgten für Unruhe. Das ist vorbei. Gravenberch wechselte nach Liverpool. Mazraoui, der öffentlich monierte, er fühle sich "vergessen" beim FC Bayern, wird von Tuchel nun regelmäßig eingesetzt.
Der ausgedünnte Kader gefällt dem Coach zwar gar nicht, immerhin aber hilft er, Spannungen zu vermeiden. Addition durch Subtraktion, könnte man sagen. Wenn weniger Spieler da sind, sitzen auch weniger grummelnd auf der Bank.
Bemerkenswert ist überdies, wie Leroy Sané unter Tuchel aufblüht. Der 27-Jährige, lange Zeit ein Sorgenkind beim FCB, legt derzeit Weltklasse-Leistungen in Serie hin. Und: Sané ist effektiv. Sechs Tore in der Liga und ein Treffer in der Champions League stehen bereits für den Rechtsaußen zu Buche.

2.) Topspiel-Management - Note 4

Auffällig ist bislang, wie verwundbar die Bayern sind, wenn es gegen spielstarke, mutige Gegner geht. Vor allem die Defensive gerät dabei regelmäßig ins Schwimmen. So kassierten die Münchner in den beiden Duellen mit RB Leipzig (Supercup 0:3, Liga 2:2), Tabellenführer Bayer Leverkusen (Liga 2:2) und Manchester United (Champions League 4:3) stets mindestens zwei Tore.
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Granit Xhaka (r.) im Zweikampf mit Leroy Sané - FC Bayern München vs. Bayer 04 Leverkusen

Fotocredit: Getty Images

Selbst bei der dominanten Vorstellung gegen Englands Rekordmeister Manchester United wurde es in der Schlussphase unnötig wild. "Wir müssen weniger Fehler machen, insgesamt alle zusammen", mahnte Sané. Fehler leisteten sich die Bayern auch gegen Leverkusen, als man eine 2:1-Führung aus der Hand gab. Nach dem desaströsen 0:3 im Supercup gegen Leipzig stellte Tuchel seine Profis öffentlich an den Pranger. Es habe so ausgesehen, "als hätten wir vier Wochen nicht trainiert", schimpfte der Coach.
Und so bleibt unter dem Strich nur ein Sieg aus vier Partien gegen die vermeintlich dicksten Brocken, die bislang kamen. Tuchel muss sich etwas einfallen lassen, um die Mannschaft auf diese Partien besser einzustellen. Die nächste Begegnung dieser Kragenweite wartet am 4. November, dann ist der FCB bei Borussia Dortmund zu Gast.

3.) Außendarstellung - Note 3

Fans und Verein staunten nicht schlecht, wie hart Thomas Tuchel öffentlich mit seiner Mannschaft nach der Supercup-Niederlage gegen Leipzig ins Gericht ging. "Das ist erschreckend, denn ich erkenne nichts mehr wieder. Weder von dem, was wir inhaltlich machen wollten oder wie wir zuletzt gespielt oder trainiert haben", polterte der Coach.
Mehr noch: Tuchel war dermaßen ehrlich, dass er bekannte, selbst "keine Ahnung" zu haben, warum seine Spieler so lethargisch auftraten. Mutig, aber gewagt. Rückblickend war es keine gute Idee, offen zuzugeben, sich die Schwächen seines Teams nicht erklären zu können.
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Tuchel über Kane: Erst durchgehangen, dann "reingebissen"

Quelle: Perform

Ansonsten aber umdribbelt Tuchel ganz passabel die Klippen der Münchner Medienlandschaft. Der 50-Jährige verzichtet auf gereizte Reaktionen auf unliebsame Fragen, erklärt ausführlich seine taktischen Überlegungen, kann nachvollziehbar darlegen, warum Müller mal wieder nicht von Beginn an spielt. Tuchel mag weniger humorvoll und distanzierter rüberkommen als Vorgänger Nagelsmann, hat aber eine gute Balance im Umgang mit der Presse gefunden.

4.) Projekt Jugend forscht - Note 2

Der Vorwurf, dass es Talente beim FC Bayern seit Jahren viel zu schwer haben, um bei den Profis einen Fuß in die Tür zu bekommen, ist nicht neu. Tuchel aber will und muss in dieser Hinsicht mehr Durchlässigkeit zeigen. Tut er auch.
Besonders hat sich das bei Frans Krätzig gelohnt. In der Vorbereitung hinterließ der 20-Jährige einen starken Eindruck, erzielte im Testspiel gegen den FC Liverpool (4:3) sogar den Siegtreffer - als Verteidiger.
In der Liga setzte Tuchel den Youngster, der auch noch für die Regionalliga-Auswahl des Klubs spielt, bislang zweimal ein. Dazu schenkte er Krätzig im Pokal gegen Preußen Münster (4:0) das Vertrauen, der revanchierte sich mit einem Tor. Der Lohn: Vor wenigen Tagen bekam Krätzig einen bis 2027 datierten Profivertrag in München.
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Thomas Tuchel (l.) und Frans Krätzig - FC Bayern

Fotocredit: Imago

Gegen Münster stand übrigens der junge Keeper Daniel Peretz (23), der zu Saisonbeginn von Maccabi Tel Aviv kam und im Pokal sein Pflichtspieldebüt gab, zwischen den Pfosten. Darüber hinaus debütierte Teenager Taichi Fukui. Der 19-jährige Mittelfeldspieler läuft ansonsten für das Regionalliga-Team auf.
Nur für ein Supertalent kann Tuchel weiterhin nicht genug Einsatzzeit freischaufeln: Mathys Tel. Wie Jamals Musiala und Alphonso Davies gehört der 18-Jährige zur U23-Fraktion im Kader. Im Unterschied zu den beiden Erstgenannten durfte Tel aufgrund der Konkurrenz im Sturm in dieser noch kein Liga- und Champions-League-Spiel über 90 Minuten bestreiten. Das dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein.

5.) Tuchel-Fußball - Note 3

Spielen die Bayern Thomas-Tuchel-Fußball - und wenn ja, wie zeigt sich das? Die augenscheinlichste Veränderung zur Vorsaison ist natürlich die Präsenz von Harry Kane. Die Bayern haben damit endlich die Planstelle des Mittelstürmers auf Weltklasse-Niveau besetzt. Der Kapitän der englischen Nationalelf ist mit neun Toren und fünf Assists in zehn Pflichtspielen standesgemäß eingestiegen.
Tuchel hat in dieser Spielzeit, mit Ausnahme der Partie gegen Bochum (7:0), im 4-2-3-1-System begonnen. Ballbesitz ist weiterhin Trumpf, einzig gegen Bayer Leverkusen musste der Meister dem Gegner das Spielgerät fast die Hälfte der Zeit überlassen (52:48 Prozent).
Das System Tuchel funktioniert gegen die vermeintlich kleineren Teams hervorragend, einen Ausrutscher erlaubten sich die Bayern - im Unterschied zur Vorsaison - in dieser Hinsicht noch nicht. Anders sieht es aus, wenn die dicken Brocken kommen (siehe Punkt 2).
Die Grundlagen aber sind gelegt. So führen Tuchels Bayern die Liga-Statistiken in Sachen Ballbesitz (61 Prozent), Tore (23), Torschüsse (142) und Sprints (1733) an. Allerdings sieht der Trainer sein Projekt durch den "etwas dünn besetzten" Kader, die "auf Kante genähte" Abwehr und das Fehlen eines defensiv denkenden Sechsers - Stichwort Holding Six - gefährdet.
Erst wenn diese Schwächen korrigiert sind und die Ergebnisse gegen die Topteams stimmen, würde der 50-Jährige wohl von Thomas-Tuchel-Fußball sprechen.
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Münchner Erfolgsgaranten: Davies singt Loblied auf Bayern-Duo

Quelle: Perform

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