Borussia Dortmund: Trainer Nuri Sahin ist Sinnbild der BVB-Krise - doch der Trainer ist nicht das Hauptproblem
Borussia Dortmund kassierte am 10. Bundesliga-Spieltag bei Mainz 05 (1:3) bereits die vierte Saison-Niederlage und wettbewerbsübergreifend die sechste Auswärtspleite in Serie. Mittlerweile stehen in der Liga 18 Gegentore zu Buche. Die aktuellen Zahlen erinnern an triste BVB-Zeiten, Neu-Trainer Nuri Sahin befindet sich längst im Zentrum der Kritik. Doch der junge Coach ist nicht das Hauptproblem.
Sahin über Cans Rot: "Emre darf da nicht so hingehen"
Quelle: Perform
2:1 gegen RB Leipzig, 1:0 im Champions-League-Duell mit Sturm Graz – die jüngsten Spiele in der Wohlfühl-Oase namens Signal Iduna Park waren Balsam für die zuletzt so geschundene BVB-Seele.
Seit Samstagnachmittag ist die kurzzeitige Erquickung aber bereits wieder verblasst, die wohltuende Linderung wich einmal mehr neuerlichem Schmerz. 1:3 hieß es aus Sicht der Dortmunder Borussia in Mainz. Vierte Niederlage der noch recht jungen Bundesliga-Saison, sechste Pflichtspiel-Pleite in der Fremde hintereinander.
Neben der Erkenntnis, dass außerhalb der Dortmunder Stadtgrenzen bei den Schwarz-Gelben einmal mehr nichts zusammenlief, dürften angesichts der Zahlen spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen. Zuletzt verlor man 2006/07 wettbewerbsübergreifend sechsmal in Serie. Dass nach zehn Spieltagen bereits 18 Gegentore in den Büchern standen, liegt bereits 17 Jahre zurück. Weniger Punkte zum jetzigen Saison-Zeitpunkt holte man letztmals in Jürgen Klopps letzter Saison (2014/15).
Die jeweiligen Platzierungen am Saisonende? 9. (2006/07, nachdem mit Bert van Marwijk und Jürgen Röber gleich zwei Trainer verschlissen wurden), 13. (2007/08 unter Thomas Doll), 7. (2014/15). Zu wenig für die traditionell hochgesteckten Dortmunder Ansprüche.
Kein Wunder, dass nun, aufgrund der abermals wankenden Ziele und einiger fragwürdiger Entscheidungen, vor allem Trainer Nuri Sahin kritisiert wird. Doch der junge Coach steht zu Unrecht alleine im Zentrum der Kritik, die Probleme sind mannigfaltiger - und hausgemacht.
FEHLENDE FÜHRUNGSSPIELER
Mit Mats Hummels (mittlerweile AS Rom) und Marco Reus (Los Angeles Galaxy) ließ Dortmund zwei langjährige Identifikationsfiguren ziehen, zudem heuerte Niclas Füllkrug nach nur einem Jahr im Dortmund-Dress bei West Ham United an. Allesamt Führungsspieler, allesamt Charaktere, die sich nicht scheuten, Probleme konkret zu benennen.
Als Ersatz fanden Waldemar Anton, Serhou Guirassy (beide Stuttgart), Maximilian Beier (Hoffenheim) und Pascal Groß (Brighton) ihren Weg ins Ruhrgebiet. Unbestritten ein vielversprechendes Quartett, auf der anderen Seite aber eben auch nicht das große Lautsprecher-Ensemble.
Anstelle der Neuzugänge wurden andere Namen als neue Führungsspieler gehandelt. Emre Can qua Kapitänsamt sowieso, darüber hinaus Vize-Spielführer Julian Brandt sowie die Mannschaftsrat-Mitglieder Nico Schlotterbeck, Gregor Kobel und Marcel Sabitzer.
Stand jetzt füllt in puncto Führung niemand der Genannten die Fußstapfen aus, die von Hummels oder Reus hinterlassen wurden. Vielmehr sind es die vermeintlichen neuen Anführer, die immer wieder negativ auffallen. Can beispielsweise, der in der jüngeren Vergangenheit wegen etlicher individueller Fehler ohnehin schon gescholten wurde, leistete seinem Team in Mainz mit seinem gleichermaßen überharten wie überflüssigen Einsteigen gegen Lee Jae-sung und der daraus resultierenden Roten Karte (27.), einen frühen Bärendienst.
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Emre Can sieht beim Auswärtsspiel des BVB in Mainz die Rote Karte
Fotocredit: Imago
Brandt, eigentlich mit allen technischen Möglichkeiten gesegnet, taucht viel zu häufig unter – besonders dann, wenn es nicht läuft und seine Klasse gefragt wäre. Lediglich zwei von neun Zweikämpfen entschied der 28-Jährige gegen die Nullfünfer für sich, außerdem steuerte Brandt weder Torschuss noch Torschussvorlage bei.
Wie düster es dieser Tage – besonders in der Fremde - um die BVB-Moral bestellt ist, ließ der ehemalige Leverkusener im Anschluss an die Partie durchblicken. "Es muss das Ziel sein, irgendwann diesen Bann zu brechen", sagte er bei "Sky" mit Blick auf die Auswärtsschwäche: "Weil ich keinen Bock darauf habe, aus irgendwelchen Städten ständig mit einer Niederlage im Gepäck nach Hause zu fahren."
Dies gehe Brandt "auf den Sack" und fühle sich "ätzend" an. Wie besagter "Bann" gebrochen werden könnte, ließ er jedoch offen. Stattdessen machte sich Ratlosigkeit breit: "Wir sind mittlerweile in einem Strudel gefangen", sagte er am vergangenen Samstag. Zwei Wochen zuvor, nach dem 1:2 in Augsburg, hatte der Nationalspieler schon von einem "vogelwilden und verwirrenden" Verhalten auf dem Platz sowie einer Situation, die er in sechs Jahren Dortmund "noch nie erlebt" habe, gesprochen.
Besonders entlarvend, wie es um seine Qualitäten als Führungsspieler bestellt ist, war jedoch eine Ausführung: "Du kannst als Führungsspieler versuchen, alle zusammenzubringen. Wenn aber ganz viele Spieler oder alle nicht bei der Sache sind, dann ist das wie beim Lehrer in der Unterrichtsklasse, wo alle nur sabbeln – und keiner zuhört."
Dortmunds EKLATANTE KADERPLANUNG
Ja, zur Wahrheit der derzeitigen Misere gehört auch, dass mit Kobel, Anton, Niklas Süle, Karim Adeyemi (allesamt verletzt) und Ramy Bensebaini (Gelbsperre) gleich fünf Stammspieler in Mainz passen mussten. In den dauerangeschlagenen Giovanni Reyna und Julien Duranville gehen Sahin zudem zwei mögliche Alternativen seit Wochen ab.
Dennoch sollte der Kader eines ambitionierten Klubs über ausreichende Optionen verfügen. Nicht so beim BVB, dessen Bank fast ausschließlich mit U23-Spielern aufwartet. Cole Campbell, Almugera Kabar, Ayman Azhil, Jordi Paulina und Yannik Lührs – sie alle feierten in dieser Saison ihre Debüts in der A-Mannschaft.
Fünf Jungs, die sicherlich Potenzial mitbringen. Dass Sahin auf derart viele Unerfahrene setzen muss, spricht dennoch Bände – und für eine eklatante Kaderplanung.
Eine Kaderplanung, die insbesondere der Führungsriege um Sportdirektor Sebastian Kehl anzulasten ist. Trotz der beinahe schon alljährlichen Verletztensituation wurde nichts für die Breite getan, ganz im Gegenteil: Der Kader wurde bewusst von 33 Spielern auf 24 verschlankt. Eine Maßnahme, die auch Sahin begrüßte.
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Serhou Guirassy (Borussia Dortmund)
Fotocredit: Getty Images
Zwei Beispiele zur Veranschaulichung: Für die abgewanderten Mittelstürmer Füllkrug, Youssoufa Moukoko (Nizza) und Sebastién Haller (Leganés) kam in Guirassy lediglich ein echter Neuner hinzu.
Auf den defensiven Außenbahnen zeigt sich ein ähnliches Bild. Marius Wolf (Augsburg), Ian Maatsen (Chelsea-Rückkehr nach Leihe), Mateu Morey (Mallorca) gingen, Rückkehrer Tom Rothe wurde direkt weiter an Union Berlin durchgereicht, mit Yan Couto (Girona) schlug hingegen nur ein einziger Außenverteidiger in Dortmund auf.
"Wir sind im Sommer einen neuen Weg gegangen und haben eine Mannschaft mit vielen neuen Spielern zusammengestellt", sagte Kehl nach der Niederlage in Augsburg und spielte damit auf den Umbruch an, der – rückblickend betrachtet – offenbar etwas zu rabiat vollzogen wurde.
Kehl weiter: "Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen. Aber es gibt keine Alternativen, als weiter hart zu arbeiten." Immerhin ein paar Durchhalteparolen, Neu-Geschäftsführer Lars Ricken war laut "Bild" in Mainz nämlich zum wiederholten Male abgetaucht.
Allzu lange kann sich die Klub-Legende voraussichtlich nicht in Schweigen hüllen, denn: Die prekäre Situation ist durchaus hausgemacht.
FEHLENDE KONSTANZ AUF DEM TRAINERSTUHL
Edin Terzics Bilanz als Dortmund-Trainer kann sich – zumindest auf dem Papier – wahrlich sehenlassen. Pokal-Sieg 2021, die um ein Haar verpasste Meisterschaft 2023 und der Einzug ins Champions-League-Finale 2024.
Trotzdem kam es während Terzics Ägide zu regelmäßigen Komplikationen. Der bisweilen unansehnliche Fußball, der Bruch mit Hummels, das kolportierte Zweifeln weiterer Spieler sorgten für ständige Unruhe rund um den Klub. Vollumfänglich harmonisch lief es eigentlich selten. Im Sommer zog der 42-Jährige selbst die Reißleine.
Diesmal war es der Trainer, in den Jahren zuvor sorgten die BVB-Bosse aber zumeist höchstselbst dafür, dass keine Konstanz auf dem Trainerstuhl einkehren konnte. Seit Klopps Abschied 2015 wurde achtmal der Coach gewechselt. Selbst dann, wenn – wie unter Marco Rose (musste nach der Vizemeisterschaft 2022 gehen) – der Anspruch, Deutschlands zweite Kraft hinter dem FC Bayern zu sein, erfüllt wurde.
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Nuri Sahin
Fotocredit: Getty Images
In Sahins Fall möchte man sich offenbar nicht vorschnell trennen. Wie die "Bild-Zeitung" berichtet, wird der ehemalige BVB-Profi von der Chefetage vollstes Vertrauen zugesichert. Sogar im Falle einer ausbleibenden Qualifikation für den Europapokal sehe die Führungsriege Sahin als perfekte Lösung.
Inwiefern diese Einschätzung bestehen bleibt, sollten die Europapokal-Plätze weiter aus dem Dortmunder Sichtfeld rücken, bleibt freilich abzuwarten. Immerhin hatte Ricken noch vor der Saison die Marschroute klar kommuniziert: "Jeder BVB-Trainer weiß, dass die Qualifikation für die Champions League unsere gemeinsame Messlatte ist."
Bei nachhaltig ausbleibendem Erfolg könnte sich schon bald ein neuer Übungsleiter auf dem Dortmunder Trainer-Schleudersitz wiederfinden.
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Flick frustriert nach Niederlage: "Keine Chance"
Quelle: Perform
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