Joshua Kimmich brauchte diesen Moment der Ruhe, genoss die Stille und seine Gedankenreise für sich ganz alleine. Der 25-Jährige setzte sich auf die Ersatzbank, auf einen der grünen Sitze samt Nackenstütze, und streckte den Rücken durch, legte die Beine hoch. Er war durch. Im doppelten Sinne. Durch, im Finale der Champions League (Sonntag um 21 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de). Und zugleich geschafft, fix und fertig nach dem 3:0 im Halbfinale gegen Olympique Lyon. K.o., aber glücklich.

Champions League
Die Reaktionen zum Finaleinzug des FC Bayern: "Wir hatten auch ein bisschen Glück"
20/08/2020 AM 08:40

Kimmich schloss die Augen. Nein, kein Film. Ein Lebenstraum ist erreicht, das Endspiel, sein erstes Finale um Europas glänzendste Krone. Für den Verein ist es Nummer elf. Fünf Mal hat man den Gipfel erklommen (1974 bis 1976 im Landesmeister-Wettbewerb, 2001 und 2013 in der Champions League), fünf Finals verloren.

Dank Serge Gnabry, der einen Doppelpack allererster Güte erzielte. Im Repertoire: Ein Tor des Monats mit einem Hammer-Schuss in den Winkel und ein simpler Abstauber (18./33.). Robert Lewandowski setzte den Schlusspunkt per Kopf. Am Sonntag wartet nun Paris St.-Germain mit Trainer Thomas Tuchel - ebenfalls in Lissabon, diesmal im Estádio da Luz, dem Ort des jetzt schon legendären 8:2 gegen den FC Barcelona im Viertelfinale.

Bayern sind nach Sieg gegen Lyon vor allem erleichtert

Überhaupt tanzten und sangen die Bayern-Profis nach dem Finaleinzug nicht so ausgelassen und euphorisiert wie die PSG-Profis, die am Vortag Bundesligist RB Leipzig mit 3:0 bezwungen hatte. Die Münchner waren einfach nur erleichtert, das Ding gegen das bärenstarke Überraschungsteam von Olympique Lyon über die Bühne gebracht zu haben.

Geschafft, aber sicherlich glücklich: Joshua Kimmich nach dem Halbfinale gegen Olympique Lyon

Fotocredit: Getty Images

Das famose 8:2 vom Freitag hatte sich rasch in eine gewaltige Bürde verwandelt. Wer gegen Messis Barça acht Tore erzielt, der wird doch den Siebten der vergangenen Saison in der französischen Ligue 1 beherrschen können. Das Problem: Wenn du plötzlich zum absoluten Topfavoriten auf den Titel aufsteigst, hast du mehr zu verlieren als zu gewinnen. Und so fielen sich die Bayern-Profis nach dem 3:0 erschöpft und von einer Last befreit in die Arme. Geschafft – im doppelten Sinne.

Kimmich: "Fokus liegt auf dem Finale"

"Wir sind froh und stolz, dass wir im Finale sind", meinte Kimmich und beschrieb die Gefühlslage der Double-Sieger so: "Es war weniger eine Feier in der Kabine, sondern mehr schon so, dass der Fokus auf dem Finale liegt. Das zeichnet uns derzeit aus. Am Donnerstag regenerieren und dann geht es ab." So sehen es auch die Mitspieler, die wie Lewandowski oder Thiago auf ihren Social-Media-Kanälen "One step closer" schrieben. Ein Schritt weiter, nur einer. Ganz nüchtern und sachlich.

Was einer seinen Jungs vorlebt: Chefcoach Hans-Dieter Flick, der Pragmatismus und Bodenständigkeit mit ruhigem, zielgerichtetem Handeln zu einem perfekten Mix vereint hat. Nach dem Finaleinzug, dem größten Erfolg seiner Trainerkarriere, merkte der 55-jährige Heidelberger kritisch an, seine Mannschaft habe "in der ersten Phase teilweise schlecht verteidigt. Wir hatten auch einige leichtfertige Ballverluste, die müssen wir abstellen." Nur "mit Glück", so Flick ehrlich, habe man die Anfangsviertelstunde überstanden.

Gnabrys Solo-Tor bringt Bayern Sicherheit

Die überfallartigen Konter von Lyon endeten am Außennetz oder am Pfosten. Eine frühe Warnung für die Bayern, die erstmals seit langer Zeit wankten. Bis Gnabry kam. Mit einem spektakulären Solo à la Arjen Robben sorgte der Rechtsaußen für die Führung. "Diese Dinge macht er auch im Training, da zeigt er das auch oft", erklärte Flick, "Serge hat einfach einen enorm guten Schuss mit beiden Füßen." Und so fand Bayern zurück zur gewohnten Sicherheit, war wieder in der Spur, im Flow.

Mannschaften spüren, wen etwas geht, wen etwas Außergewöhnliches passieren kann. "Wir sprechen täglich darüber, wie groß die Chance ist", verriet Gnabry, der diese Saison in neun Champions-League-Einsätzen neun Mal traf. Dass Flick im Laufe des Spiels von der Bank noch Kingsley Coman, den wiedergenesenen Benjamin Pavard sowie Niklas Süle, Corentin Tolisso und Coutinho bringen konnte, zeigt die nahezu unendlichen personellen Möglichkeiten.

Mit zwei Toren wurde er verdient zum "Man of the Match" gewählt: Serge Gnabry. Hier wird er gleich von drei Gegenspielern umringt.

Fotocredit: Getty Images

Neuer schwärmt: "Es ist fantastisch, was wir für eine Mannschaft haben"

Angesprochen auf einen Unterschied zur Situation rund um den Königsklassen-Triumph 2013 unter Trainer Jupp Heynckes sagte Kapitän Manuel Neuer: "Wir sind in der Breite besser aufgestellt, haben Klasse-Spieler über den 18er Kader hinaus. Es ist fantastisch, was wir für eine Mannschaft haben."

Qualitativ hochwertig, hungrig, zielstrebig und – dank Menschenfänger Flick – mit einem harmonischen Miteinander. "Ohne Stinkstiefel im Team", so Neuer. Besser als beim Triple vor sieben Jahren? Damals waren übrigens schon Torhüter Neuer, Jérôme Boateng, David Alaba, Javi Martínez und Thomas Müller dabei.

Was nun für Bayerns Triple spräche, wurde Gnabry, der "Man of the match" gefragt. "Weil wir es unbedingt gewinnen wollen. Das ist der entscheidende Faktor. Wir werden am Sonntag alles geben, um den Titel zu holen." Wo ein Wille ist, ist auch ein Titel.

"Nahe an einem Weltklassespieler": Flick adelt Gnabry nach Gala

Rummenigge: Der FC Bayern "lechzt nach dem Triple"

Man konnte an diesem milden Sommerabend bis hinauf auf die letzte Tribünenreihe spürten, was Karl-Heinz Rummenigge bei "Sky" vor Anpfiff betont hatte: "Der ganze Verein lechzt nach dem Triple." Die Chance ist da. Und das am Ende einer wegen der Corona-Pandemie auf Überlänge gestreckten Saison, in der Trainer Niko Kovac Anfang November nach einer 1:5-Pleite bei Eintracht Frankfurt gehen musste.

Nun steht Flick, damals vom Assistenten zum Chef befördert und in Etappen lediglich Trainer auf Zeit und Bewährung vor der Krönung. Beim deutschen Trainerduell: Flick gegen Tuchel, den einst Rummenigge zu den Bayern holen wollte. Klappte nicht. Nun das Rendez-vous um den Thron Europas gegen Paris St.Germain. Es wird nicht weniger als: das Highlight des Fußballjahres.

Der sechste Henkelpott der Vereinsgeschichte ist griffbereit, der Traum vom größten Triumph seit 2013 lebt weiter.

Spotify oder Apple Podcast? Höre alle Folgen "Extra Time" auf der Plattform deines Vertrauens

Das könnte Dich auch interessieren: Drei Dinge, die auffielen: 10 von 10 mit Schönheitsfehlern

"Sind in der Breite besser aufgestellt": Neuer zieht Vergleich zu 2013

Champions League
"Wie ein Angriffsmesser der Schweizer Armee": Internationale Presse feiert FC Bayern
20/08/2020 AM 08:36
Champions League
FC Bayern bangt vor Champions-League-Finale um Boateng
19/08/2020 AM 21:43