FC Bayern - PSG: Warum Paris bereit für den großen Wurf ist

Paris Saint-Germain feierte mit dem Einzug ins erste Champions-League-Finale der Vereinsgeschichte den bislang größten Erfolg auf internationaler Ebene. Dort steht mit dem FC Bayern München der wohl dickste Brocken im europäischen Fußball noch bevor. PSG trotzt allerdings vor Euphorie und Spiellaune, ist bereit für den ganz großen Wurf. Der FC Bayern ist gewarnt. Und das vollkommen zurecht.

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Feiern wie Champions-League-Sieger können sie schon.
Als Paris Saint-Germain nach dem überzeugenden 3:0-Halbfinalsieg über RB Leipzig den Einzug in das erste Königsklassen-Endspiel der Klubgeschichte perfekt machte, gab es kein Halten mehr.
Angeführt von DJ Neymar machte der französischen Meister bei der Ankunft am Teamhotel die Nacht zum Tag. Das gesamte Team hüpfte, sang und feierte euphorisch. Die ganze Anspannung bei der Mannschaft von der Seine war wie weggeblasen.
Schon unmittelbar nach dem Erfolg in Lissabon lagen sich die Spieler jubelnd in den Armen und machten noch auf dem Platz Party. "Das ist unbeschreiblich, das zu fühlen", meinte PSG-Trainer Thomas Tuchel nach Abpfiff bei "Sky" über die Bedeutung des Erfolgs.
Auch bei ihm war alle Anspannung sichtbar verflogen. Allein die Tatsache, dass Tuchel wegen einem gebrochenen Fuß auf Krücken unterwegs war, verhinderte es wohl, dass der 46-Jährige mit seinen Spielern tanzte.
Doch einen Schritt müssen die Pariser noch gehen, um eine bislang grandiose Saison zu krönen.

Paris Saint-Germain vor der Krönung einer perfekten Saison

Denn PSG hat bereits drei große Titel in dieser Spielzeit gewonnen. Nach dem Abbruch der französischen Liga wurde das Tuchel-Team als Tabellenführer Ende April zum Meister erklärt. PSG lag zu diesem Zeitpunkt satte zwölf Punkte vor dem ersten Verfolger Olympique Marseille.
Zwischen Mitte März und Mitte Juli absolvierten die Hauptstädter dann aufgrund der Corona-Pandemie kein Spiel mehr. Was viele Experten vor dem Restart als Nachteil ansahen, entpuppte sich als großer Glücksfall.
Ausgeruht ging Paris in die entscheidenden Wochen. Zwei lockere Testspiele gegen Le Havre (9:0) und Celtic Glasgow (4:0) reichten aus, um wieder Fahrt aufzunehmen. Im französischen Pokalfinale machte man nach einem 1:0-Sieg über Saint-Étienne das Double klar, eine Woche später durch ein 6:5 nach Elfmeterschießen gegen Lyon den dritten Titel. In den Endspielen - gerade gegen Lyon - tat man sich allerdings schwer. Ein Wachmacher zur richtigen Zeit.
Zählt man den Erfolg zu Saisonbeginn im französischen Supercup noch hinzu (2:1 gegen Rennes), sind es bereits vier Pokale für das Tuchel-Team. In 46 Pflichtpartien ging PSG vor dem Champions-League-Finalturnier in Lissabon bei 39 Siegen nur viermal als Verlierer vom Platz.
Durch die beiden Pokaltriumphe stieg das ohnehin schon hohe Level an Selbstbewusstsein noch einmal an.

PSG: Große Mannschaft und Underdog zu gleich

Dabei versprüht Paris doch viele Elemente eines Außenseiters, der in der Offensive von den drei Superstars Neymar, Kylian Mbappé und Angel Di María getragen wird.
"Wir haben die Mentalität einer kleinen Mannschaft, die aber keine kleine Mannschaft ist, sondern große Spieler hat, die schon viel erlebt und viel Mentalität haben. Es fühlt sich an, als würde man einen Underdog trainieren, der sich komplett darüber definiert", meinte Trainer Tuchel über sein Team.
So ist beispielsweise das Mittelfeld mit Leandro Paredes, Ander Herrera und Marquinhos sicherlich europaweit eines der besten, gehört aber von den Namen her nicht zur allerersten Garde. Auch die Außenverteidiger wie Juan Bernat, der beim FC Bayern ausgemustert wurde, sowie dem international noch unerfahrenen Thilo Kehrer bilden nicht die absolute Spitzenklasse.
"Wir haben auch mit Keylor Navas, Sarabia und Herrera Typen geholt, die Erfahrung haben, international gespielt und Titel gesammelt haben. Sie bringen sich total ein in die Mannschaft, die haben noch mal für Klebstoff gesorgt", erklärte Tuchel das Erfolgsgeheimnis. Kollektivität eben.
Diese war in den Jahren zuvor auf internationaler Bühne nicht so zu erkennen. Die besten Beispiele dafür sind die drei Königsklassen-Knockouts in den drei vergangenen Jahren gegen Barcelona, Real und Manchester United - jeweils im Achtelfinale. Allein die individuelle Klasse, wie sie in der heimischen Liga oftmals genügt, reichte dort eben nicht, um sich durchzusetzen. Gegen Bergamo und Leipzig sah man nun aber ein Kollektiv.
"Ich bin sehr stolz, weil wir wieder nicht nur Qualität, sondern einen Hunger gezeigt und eine Verbissenheit entwickelt haben. Die Mannschaft wollte unbedingt das Tor verteidigen, zu Null spielen, sich reinschmeißen und schafft es auch, uneitel zu spielen, wenn es das Spiel erfordert", sagte Tuchel nach dem Sieg gegen RB.

Die Atmosphäre bei PSG stimmt

Hinzu kommt die positive Stimmung, die innerhalb der Mannschaft herrscht. Dass das Team harmoniert, haben nicht nur die wilden Feierbilder nach dem Leipzig-Spiel gezeigt. Auch die Reaktionen der Beteiligten bestätigten diesen Eindruck.
"Wir haben uns als Team verbessert. Wir konzentrieren uns nicht mehr nur auf uns selbst. Wir wissen, dass es immer ein Teamerfolg ist", sagte Mbappé und verglich die Atmosphäre im Team gar mit der der französischen Nationalmannschaft, die 2018 in Russland Weltmeister wurde.
Einen großen Titel auf europäischem Parkett haben im PSG-Kader bislang nur Navas, Di María und Neymar vorzuweisen. Dem Rest fehlt die Champions-League-Krone noch.
Darauf arbeiten die Investoren aus Katar bereits seit ihrem Einstieg 2011 bei PSG hin. Seitdem wurden mehr als eine Milliarde Euro in die Mannschaft gesteckt. Doch der erhoffte Erfolg stellte sich bislang nicht ein, immer war spätestens im Viertelfinale Schluss.
Thilo Kehrer erklärt den Erfolg 2020 damit, dass PSG als Team den nächsten Schritt gemacht hat: "Dieses Jahr sind wir als Mannschaft sehr eng zusammengerückt. Wir haben abseits vom Trainingszentrum viel zusammen unternommen. Wir sind wirklich ein eingeschweißter Haufen. Wenn wir das auf den Platz bringen und wirklich füreinander spielen, kommt die individuelle Qualität noch mehr raus."

Tuchel hält in Paris den Laden zusammen

Die Mentalität und der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft sind sicherlich ein zentraler Punkt, warum es für PSG derzeit so rund läuft. Zudem hat Tuchel den Laden an der Seine fest im Griff. Er kritisiert lautstark, wenn es sein muss, stellt sich aber auch schützend vor seine Stars.
"Er ist liebevoll, weiß aber auch, wann es nötig ist, uns die Ohren lang zu ziehen", lobte Neymar seinen Trainer schon Anfang 2019. Die Stars vertrauen Tuchel, und Tuchel vertraut seinen Stars. Das Ergebnis: Paris präsentiert sich 2020 in Lissabon so stark wie nie zuvor in großen Spielen.
RB-Trainer Julian Nagelsmann zollte den Franzosen daher auch bei "DAZN" seinen Respekt: "Gegen Atalanta hat man bei PSG schon sehen können, dass sie als Team deutlich zusammengewachsen sind. Wenn dann das Weltklasse-Format einiger Spieler mit dieser Mentalität zusammenkommt, ist es schwer für uns, mitzuhalten." Und RB-Torwart Peter Gulasci stellte bei "Sky" ehrlich fest: "Wir hatten keine Chance."
Bringt Paris diese Leistung auch im größten Spiel der Vereinsgeschichte am kommenden Sonntag gegen den FC Bayern München (ab 21:00 Uhr im Eurosport Liveticker), dann könnten sie noch ausgelassener feiern als nach dem Halbfinale. Dann mit dem Henkelpott.
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