Den Jubelschrei der Dortmunder hörte man wohl noch einen Stadtteil weiter. Um 22:55 Uhr war's geschafft und der BVB lag sich kollektiv in den Armen. Erstmals seit der Saison 2016/17 (und einem tragischen Abend vor dem Spiel gegen Monaco) steht Borussia Dortmund wieder im Viertelfinale der Champions League.
Ein Erfolg, der vor allem einen Namen trägt: Erling Haaland. Mit seinen Königsklassen-Saisontoren neun und zehn führte er Dortmund gegen den FC Sevilla zum 2:2, was nach dem 3:2 im Hinspiel reichte.
"Es war ein geiler Fight, ein geiles Weiterkommen", jubelte Dortmunds Leiter der Lizenzspielerabteilung, Sebastian Kehl, bei "Sky": "Wir stehen unter den letzten Acht und haben uns das verdient." Der Man of the Match war etwas weniger überschwänglich. "Es war hart. Ich bin müde", meinte Haaland, "aber die nächste Runde erreicht zu haben, fühlt sich gut an."
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Trainer Edin Terzic purzelten dagegen sichtlich mehrere Steine vom Herzen. "Es fühlt sich ganz cool an. So weit zu kommen, ist für uns in den letzten Jahren nicht selbstverständlich gewesen. Zu den besten acht Mannschaften in Europa zu zählen, macht uns sehr glücklich", meinte der Coach, der am Saisonende durch Marco Rose ersetzt wird.
Spielbericht: Haaland trifft doppelt: BVB zittert sich ins Viertelfinale
Was uns beim Achtelfinal-Rückspiel in Dortmund auffiel.

1. BVB knüpft ans Bayern-Spiel an

35 Minuten lang rieb man sich verwundert die Augen: War der BVB wirklich so schlecht, wie sich das in Dortmund darstellte – oder Sevilla einfach so gut? Man sah: Extrem giftige und spielfreudige Gäste, die quasi die ganze Zeit die Borussia-Hälfte bespielten, 65 Prozent Ballbesitz hatten und als einziger Makel nur nicht ganz so gefährlich in den Strafraum kamen.
Aus Dortmunder Perspektive sah man quasi die Fortsetzung der letzten 70 Minuten des Bundesliga-Topspiels vom Samstagabend, als Bayern den BVB nach 0:2-Rückstand noch 4:2 besiegte.
Man sah vor allem auch eine fürchterlich zurückgedrängte BVB-Elf, die zeitweise gefühlt 9-0-1 spielte – alle rund um den Strafraum und vorne nur Haaland. Ein Spielaufbau fand kaum statt; Dortmund schlug die Bälle maximal planlos nach vorne und konnte immer nur für Sekunden auf Entlastung hoffen.
"Es war kein guter Start von uns", konstatierte Terzic: "Wir haben wieder den ein oder anderen doofen Fehlpass gespielt, und nicht für Entlastung sorgen können. Da kam die ein oder andere Welle zu viel auf uns zu. Wir waren aber bereit dazu, uns vor jeden Ball zu werfen und unser Tor mit Mann und Maus zu verteidigen. Das macht uns sehr stolz, dass wir diese Phase gut überstanden haben."
Die BVB-Führung nach 35 Minuten als schmeichelhaft zu bezeichnen, wäre allerdings maßlos übertrieben. Die Dortmunder machten sich hierbei aber, wie schon im Hinspiel, die Naivität der Spanier zunutze, die am verwundbarsten sind, wenn sie im Spielaufbau schluderig werden.
Eine eben solche Schluder-Aktion nutzte zuerst Haaland und kurz darauf Thomas Delaney und Nico Schulz im Verbund zum Ballgewinn. Mahmoud Dahoud setzte Reus mit einem tollen Zuspiel ein, der wiederum nicht minder herrlich Haaland bediente – 1:0 (35.), ähnlich effizient wie in München und ein klarer Wirkungstreffer für Sevilla.

Erling Haaland jubelt über das 1:0 - Borussia Dortmund vs. FC Sevilla

Fotocredit: Eurosport

Dortmunds Klasse in der Offensive blitzte in der Folge hier und da, insgesamt aber viel zu selten auf. Auch vermochte es der BVB später auch mit einem 2:0 im Rücken nicht, einen soliden Spielaufbau zu bewerkstelligen und längere Ballbesitzphasen zu haben (siehe München).
"Es war am Ende nochmal super eng, unnötig eng", sagte Kehl. Die kämpferische Einstellung habe jedoch "absolut gestimmt. Wir haben fußballerisch ein paar Lücken gehabt, aber das ist heute egal. Wir haben uns gegen eine sehr erfahrene Mannschaft gewährt und sind am Ende verdient weiter."
Nur 31 Prozent Ballbesitz und eine indiskutable Passquote von 67 Prozent waren am Ende allerdings beides Tiefstwerte für den BVB seit detaillierter Datenerfassung in der Champions League (2003/04).
Das Weiterkommen hatte sich Dortmund also definitiv nicht erspielt, aber erarbeitet.

2. Im Land des gelben Hulks

Erling Haaland ist gerade mal 20 Jahre alt, bastelt aber jetzt schon fleißig an seiner eigenen Legende. Der in Leeds geborene Norweger ist nicht weniger als Dortmunds absoluter Superstar – und stellt das in der Champions League bereits mit einer Konstanz unter Beweis, die ihres gleichen sucht.
"Das Spiel wurde durch einen Spieler entschieden, der eine neue Ära prägen wird. Da bin ich sicher", lobte Julen Lopetegui nach der Partie – wohlgemerkt der Trainer des Gegners.
Auch gegen Sevilla war vieles beim BVB nur europäischer Durchschnitt – Haaland jedoch ragte erneut heraus. Nicht nur als zweifacher Torschütze und "Finisher", was er nach Reus' feiner Vorarbeit beim 1:0 erneut eiskalt ausstrahlte (35.).
Nicht unerwähnt bleiben muss dabei, dass Haaland eben nicht nur als Zielspieler vor dem Tor auf Abschlüsse lauert, sondern den Ball vor dem Dortmunder 1:0 auch allein auf weiter Flur erstmal in der Sevilla-Hälfte eroberte und so erst den Mitspielern gestattete, aufzurücken.
Wie er dann beim vermeintlichen 2:0 (49.) seinen Gegenspieler abschüttelte und den Ball aus spitzem Winkel am Sevilla-Keeper vorbei einnetzte, zeigte die enorme Zielstrebigkeit des gelben Hulks. Dass er nach einem verschossenen Elfmeter (52.) auch zur Wiederholung antrat, zeugte derweil von Ehrgeiz wie Verantwortungsbewusstsein.
Den Mut, nochmal anzutreten, hätten nicht viele, meinte Kehl. "Erling ist unser Top-Torjäger, er sprüht vor Selbstvertrauen", sagte dagegen Terzic und fügte an, dass er seinem Stürmer nach all dessen schon vollführten Heldentaten natürlich auch zutraue "aus elf Metern zu treffen". Der BVB-Stürmer hat damit, Bayern und Sevilla zusammengenommen, offiziell mit seinen letzten vier Torschüssen vier Tore erzielt.
Haaland hat auch nur 14 Spiele gebraucht, um einen gewissen Ole Gunnar Solskjaer als norwegischen Rekordtorschützen der Champions League einzuholen (20). Nie erreichte ein Profi diese Marke jünger und mit weniger Einsätzen, Harry Kane brauchte als bisher Bester 24.
Zudem ist Haaland der erste Spieler, der in der Champions League in vier Spielen in Folge doppelt traf – das schafften nicht mal Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. "Er ist herausragend", freute sich Terzic: "Es macht uns stolz, dass er uns in unserem Trikot weiterführt. Wir sind einfach froh, dass wir ihm noch zwei weitere Champions-League-Spiele diese Saison besorgen konnten, damit er auch noch weiter treffen darf."

3. VAR was?

Was sich in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit abspielte, war reif für die Muppetshow: Haaland wurde elfmeterreif gefoult (48.), traf zum 2:0 (49.), verschoss einen Elfmeter (52.) und traf dann vom Punkt zum 2:0 (54.) – und löste dabei noch einen kleinen Tumult aus.
Was war passiert? Beim vermeintlichen 2:0 (49.) hatte Haaland seinen Gegenspieler umgestoßen, Schiedsrichter Cüneyt Cakir verweigerte dem Treffer nach Sichtung der TV-Bilder die Anerkennung. Weil er aber gerade so schön am Monitor stand, spielte ihm der VAR eine Szene aus der Minute davor ein, in der Haaland im Strafraum von Jules Koundé gehalten worden war – Cakir entschied also statt auf Tor rückwirkend auf Elfmeter für Dortmund.
Diesen führte Haaland aus und scheiterte an Keeper Bono. Das Spiel lief zunächst eine halbe Minute weiter, ehe Cakir vom VAR signalisiert wurde, dass sich Bono bei der Parade zu früh mit beiden Füßen von der Torlinie entfernt hatte – der Elfmeter wurde also wiederholt. Dabei ließ Haaland Bono nun keine Chance.
"Komm' nimmer mit": VAR-Chaos in Dortmund amüsiert das Netz
"Er hat gemogelt, sonst hätte ich den ersten Elfmeter schon reingemacht", sagte Haaland hinterher schelmisch bei "Sky": "Als er dann auf der Linie geblieben ist, habe ich ihn reingemacht." Allerdings sei er beim zweiten Schuss "schon etwas nervös" gewesen, gab er zu.
Nervosität, die sich beim Torjubel entlud: Weil Bono ihn nach der Parade zuvor aggressiv jubelnd angeschrien hatte, tat es ihm Haaland als Retourkutsche nun gleich und wurde dafür von Lucas Ocampos umgestoßen. Nach dem folgenden Handgemenge sahen Haaland und Joan Jordán Gelb.

Erling Haaland erteilt Bono eine Retourkutsche - Borussia Dortmund vs. FC Sevilla

Fotocredit: Eurosport

"Als er mich nach dem ersten Schuss angeschrien hat, hat mich das angestachelt", verriet der Stürmer später. "Ich weiß nicht, was er mir zugeschrien hat, aber ich hab's einfach wiederholt nach meinem Treffer." Turbulent, turbulent.
Übrigens: Im Grunde waren Cakirs Entscheidungen alle vertretbar. Haalands Körpereinsatz beim Tor in der 49. Minute hätte man jedoch auch als nicht krasse Fehlentscheidung durchgehen lassen – damit hätte sich Cakir fünf wilde Minuten erspart. Wäre dann aber auch nicht so unterhaltsam gewesen.
Nach Abpfiff versöhnten sich dann auch Haaland und Bono wieder.
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