Trainer Thomas Tuchel hat mit dem FC Chelsea den Grundstein für den Finaleinzug in der Champions League gelegt.
Der englische Ex-Meister erkämpfte sich in einer Regenschlacht bei Real Madrid im Halbfinal-Hinspiel ein 1:1 (1:1) und hat trotz einer vergebenen Monsterchance von Nationalspieler Timo Werner gute Aussichten vor dem zweiten Duell am 5. Mai an der Stamford Bridge.
Für Chelsea wäre es der erste Finaleinzug in der Königsklasse seit dem Triumph gegen Bayern München 2012. Im zweiten Halbfinale stehen sich am Mittwoch (21:00 Uhr im Liveticker) Bayern-Bezwinger Paris St.-Germain und Topfavorit Manchester City gegenüber.
Champions League
Champions-League-Torjäger: Benzema zieht mit Real-Ikone gleich
27/04/2021 AM 21:59
Der Ex-Dortmunder Christian Pulisic (14.) brachte Chelsea im Aufeinandertreffen der verhinderten Super-League-Teilnehmer in Führung, Karim Benzema (29.) glich für die "Königlichen" mit Toni Kroos aus.
Drei Dinge, die uns auffielen.

1. Mein Gott, Werner!

Es war die 65. Minute, als es schepperte im Himmel über Valdebebas, dem Trainingsgelände von Real Madrid. Donnerwetter. Der Regen prasselte heftig herunter. Es war auch der Moment, in dem Timo Werners Abend endgültig zu einem schwarzen wurde. Auswechslung. Torlos. Thomas Tuchel hatte ihm in vorderster Spitze von Anfang an vertraut, ihm Mut zugesprochen. Wohlwissend, dass der 25-Jährige in dieser Saison gnadenlos vom Abschlusspech verfolgt wird. In der neunten Minute passierte es für Werner dann schon wieder: Aus fünf Metern vergab er frei vor Real-Keeper Thibaut Courtois.

Timo Werner scheitert im Champions-League-Halbfinal-Hinspiel aus kurzer Distanz an Real-Torwart Thibaut Courtois

Fotocredit: Imago

Danach war der ehemalige Leipziger erst recht von der Rolle. Von den Mitspielern weitgehend missachtet, lief er dem Spiel nur noch hinterher – auch wenn sein Laufweg vor dem 1:0 durch Christian Pulisic, mit dem er Abwehrspieler auf sich zog, durchaus clever war.
"Es ist so schade für Timo", seufzte Ex-Profi André Schürrle bei "Sky" und Experte Lothar Matthäus konstatierte: "Er ist verunsichert." Bei Twitter reagierten sogar Chelsea-Fans mit Hohn und Spott - nicht zum ersten Mal.
Trainer Tuchel meinte: "Er hat eine Großchance vergeben und er hat auch gegen West Ham eine Großchance vergeben. Das hilft nicht. Aber es hilft auch nicht, deswegen Rumzujammern. Es gibt Millionen Menschen, die sich mit schlimmeren Dingen rumplagen müssen als vergebenen Chancen. Er muss seinen Kopf hochnehmen und weiter geht's. Wenn er die nächsten Spiele trifft, spricht keiner mehr drüber."
Mangelnden Einsatz warf Werner niemand vor, doch die Geduld mit ihm scheint nun vorerst vorbei zu sein. Zu viele Zweifel prägen seine Auftritte derzeit. Es wäre überraschend, wenn Werner auch im Rückspiel starten würde - hinter ihm lauern Routinier Olivier Giroud, Hakim Ziyech und Kai Havertz auf ihre Startelfchance.

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2. Tuchel macht Chelsea zu etwas Besonderem

Ob in England oder Europa: Viele reiben sich immer noch die Augen, wenn sie ein Spiel von Chelsea unter Trainer Thomas Tuchel das erste Mal sehen. Leidenschaft wird dabei nämlich ebenso sichtbar wie taktische Disziplin und Tempo.
Im Hinspiel gegen Real ließ Tuchel sein Team mutig nach vorne verteidigen. In einem 3-5-2 dominierten sie das Zentrum und brachten ihre schnellen Außen, Mason Mount und Pulisic, in die Räume hinter der Real-Abwehr. Die wurde regelrecht überrannt und hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn Chelsea mehr als nur ein Tor erzielt hätte.
"Wir hatten viele Konterchancen, bei denen wir nicht präzise genug waren", kritisierte Verteidiger Antonio Rüdiger nach der Partie. Aus einer sehr guten Mannschaftsleistung ragte N'Golo Kanté mit seiner Entschlossenheit, Zweikampfstärke und Übersicht bei Pässen sogar noch heraus. Damit stahl der Franzose den Superstars Luka Modric und Toni Kroos auf der Gegenseite definitiv die Show.

Thomas Tuchel

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Tuchel selbst war wie gewohnt engagiert an der Seitenlinie und trotzte dort auch dem starken Regen. Auffällig ist nach wie vor, dass sein Draht zur Mannschaft nicht besser sein könnte. Die Spieler wirken hungrig und bereit, die Impulse von außen anzunehmen.
Es ist kein Zufall, dass die Defensivleistung von Chelsea am beeindruckendsten ist. Nur vier Gegentore gab es für die Blues in der Champions League bislang. Dennoch bleiben auch Makel. Der finale Pass, die Chancenverwertung sind stark ausbaufähig. In Tornähe versagen den Chelsea-Spielern zu oft die Nerven.
Tuchel bilanzierte: "Das Ergebnis ist okay. Aber ich war enttäuscht, dass wir so viele Chancen liegenlassen haben. Wir müssen uns mehr belohnen und 2:0 in Führung gehen. In der zweiten Halbzeit waren wir einfach müde."
Obwohl die Voraussetzungen glänzend sind, könnte der fehlende Killerinstinkt möglicherweise dazu führen, dass Tuchel in diesem Jahr noch nicht der große Coup in der Königsklasse gelingt.

3. Real zeigt (zu viel) Respekt

Oft bewies Real-Coach Zinédine Zidane ein goldenes Händchen. Mit wenig Rotation und einem eingespielten System legte er eine Serie von 18 Pflichtspielen ohne Niederlage hin. Gegen Chelsea wurde er allerdings kalt erwischt.
Beachtenswert war, dass der Franzose seine bewährte Vierer- in eine Dreierkette mit drei gelernten Innenverteidigern (Raphael Varane, Nacho, Eder Militao) umwandelte, zumal sich seine Spieler in diesem System offensichtlich nicht wohlfühlten. Hat Real es nötig, sich an den Gegner derart anzupassen?
So standen die Außen zu weit aufgerückt, Chelsea stieß in die Lücken dahinter und erspielte sich zahlreiche gute Gelegenheiten. Real kam kaum ins Aufbauspiel. Ohne Zuschauerkulisse bewegten sie sich eher in einem Trott. Grundsätzlich fehlte es dem Spiel von Real an dem typischen Selbstverständnis. Ob Real sich auch – vor allem so verwaltend wie im zweiten Abschnitt - gezeigt hätte, wenn 80.000 Fans im Bernabeu gepfiffen hätten? Wohl kaum.

Karim Benzema

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Vorne sorgte immerhin "Urgewalt" Karim Benzema für Gefahr. Dennoch blieb sein Treffer der einzige Real-Schuss aufs Tor - Minusrekord. Zudem erzielten die Königlichen erstmals in dieser Champions-League-Saison weniger als zwei Tore zuhause - ein Trend, der sich mit drei 0:0-Spielen (Liverpool, Getafe, Betis) zuletzt schon abgezeichnet hatte. Die Remis-Serie wurde vor dem Betis-Spiel lediglich von einem 3:0 gegen den FC Cádiz durchbrochen.
Für das Rückspiel gibt immerhin Rückkehrer und Ex-Chelsea-Star Eden Hazard neuen Grund zur Hoffnung. "Wir waren in der ersten Halbzeit schlecht. Chelsea ist ein sehr gutes Team, aber wir sind zufrieden. Wir wissen auch, dass wir es im Rückspiel besser machen müssen", blickte Zidane bereits nach vorne auf den kommenden Mittwoch. Nach einem Remis im Hinspiel kam Real in K.o.-Duellen schließlich zuletzt sieben Mal in Folge weiter.
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