"Offense wins games, Defense wins championships", lautet ein oft strapaziertes Sprichwort in der Fußballbranche.
Dennoch ist es wahrlich kein neues Phänomen, dass gerade Abwehrspezialisten bei der Verteilung von öffentlichen Lobeshymnen und individuellen Auszeichnungen ihren Offensivkollegen zumeist den Vortritt lassen müssen.
Ganz anders dagegen die Szenerie am Mittwochabend in der Allianz Arena. Nach dem berauschenden 5:0-Kantersieg des FC Bayern in der Champions League über Dynamo Kiew erhielt nicht etwa Doppeltorschütze und Weltfußballer Robert Lewandowski Sprechchöre der Fans, sondern einer, der für gewöhnlich nicht im Rampenlicht zu finden ist.
Champions League
Unheimliche Siegesserie: Lewandowski sammelt Champions-League-Rekorde
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"Süüü-le, Süüü-le", hallte es Minuten vor dem Abpfiff durch die Heimstätte des deutschen Rekordmeisters und sorgte für allgemeine Erheiterung.
"Niki (Niklas Süle; Anm. d. Red.) hat gesagt, das war alles Familie aus Frankfurt, die für ihn gejubelt haben", witzelte Trainer Julian Nagelsmann auf der anschließenden Pressekonferenz und schob hinterher: "Mich freut es, wenn die Fans die Spieler bejubeln und nicht auspfeifen. Das ist für alle deutlich angenehmer."
Und jene Anerkennung des durchaus kritischen bayerischen Publikums kam nicht von ungefähr.

"Familie aus Frankfurt": Nagelsmann scherzt über Fangesänge für Süle

Süle erhält Sonderlob von Nagelsmann

Der 26-Jährige zeigte auf der für ihn ungewohnten rechten Abwehrseite eine tadellose Vorstellung und leitete mit einem Ballgewinn im Mittelfeld das 2:0 durch Lewandowski ein (27.). Auch am 3:0 durch Serge Gnabry hatte er mit einer gelungenen Defensivaktion seinen Anteil (68.).
"Niki hat wieder sehr konzentriert gespielt, vor allem auf der Position, auf der er bei mir noch nie gespielt hat. Das hat er sehr gut gemacht. Er hatte einen sehr guten Offensivdrang", lobte Nagelsmann seinen Schützling.
In der Tat schaltete sich der ehemalige Hoffenheimer immer wieder nach vorne ein und agierte phasenweise neben Joshua Kimmich und Leon Goretzka gar als eine Art dritter Sechser - wie es sein Trainer im Vorfeld der Partie verlangt hatte.
"Er hat noch ein bisschen das Zehner-Gen in sich und das muss er mit Ball noch mehr zeigen", forderte Nagelsmann und erläuterte: "Er war bei Eintracht Frankfurt ein Zehner und wurde von meinem Co-Trainer Xaver Zembrod sukzessive nach hinten gezogen von der Sechs zum Innenverteidiger. Da hat er sicherlich auch mal gedacht: 'Was machen die zwei Idioten da mit mir?'"

FC Bayern: Süle wird zum Dauerbrenner

Bei aller bajuwarischer Offensivfreude (bereits 46 Tore in der laufenden Saison) darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass sich auch die Abwehr des deutschen Rekordmeisters mit lediglich zwei Gegentreffern in den vergangenen sieben Partien immer mehr zu einem Erfolgsgaranten entwickelt hat. Dies ist selbstverständlich auch Vorstandschef Oliver Kahn nicht verborgen geblieben, der es sich nicht nehmen ließ, seiner Mannschaft ein Sonderlob auszustellen.
"Wir haben zu viele Gegentore in den vergangenen beiden Jahren bekommen. Wir standen damals defensiv, in der Rückwärtsbewegung nicht optimal", spielte der 52-Jährige bei "DAZN" auf die vergangenen beiden Spielzeiten unter dem jetzigen Bundestrainer Hansi Flick an. Nun könne die Mannschaft hingegen "wieder zu Null spielen, was die Basis für erfolgreichen Fußball ist."
Einen Anteil an der defensiven Stabilität hat zweifelsohne auch Süle, der anders als in der Vorsaison, als er immer wieder von kleineren Verletzungen zurückgeworfen wurde, mittlerweile fester Bestandteil der Münchner ist. Der Abwehrspezialist stand in der laufenden Spielzeit - mit Ausnahme der Partie bei RB Leipzig (4:1) - in jedem Pflichtspiel in der Startformation.
Gegenwärtig könnte es für Süle in der bayerischen Landeshauptstadt somit fast nicht besser laufen. Wie es um seine Zukunft bestellt ist, ist jedoch nach wie vor offen. Der Kontrakt des Nationalspielers läuft am Ende der Spielzeit aus, etwaige Vertragsverhandlungen sollen Gerüchten zufolge stocken.

Niklas Süle (FC Bayern) im Spiel gegen Dynamo Kiew

Fotocredit: Imago

Neuer wirbt offensiv für Süle-Verlängerung

Manuel Neuer warb daher nach dem Kantersieg gegen Kiew schon mal offensiv für einen Verbleib des 26-Jährigen. "Die Fans mögen ihn. Die wollen, dass er weiter Spieler des FC Bayern bleibt. Wir sind froh, dass wir ihn haben. Er ist ein ganz wichtiger Faktor für uns, hat gute Leistungen gezeigt", schwärmte der Bayern-Kapitän von seinem Teamkollegen.
Laut Informationen der "Sport Bild" soll der Innenverteidiger jedoch seit geraumer Zeit einen Wechsel in die Premier League präferieren. Dennoch habe der FC Bayern die Hoffnung auf eine Vertragsverlängerung noch nicht aufgegeben. Seine gute Beziehung zu Nagelsmann ("Ich maße mir an, einen gewissen Draht zu ihm zu haben und ihn kitzeln zu können") und die neuerliche Fanliebe könnten Süle womöglich doch noch von einem Verbleib überzeugen.
Neuer und Co. würde es gewiss freuen, schließlich gewinnen stabile Defensivreihen bekanntermaßen Meisterschaften - sagt zumindest der Fußball-Volksmund.
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